Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg 2014 - Stadt Oldenburg
Pressemitteilung

Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg 2014

07.11.14, 0861/14se
Nominiert wurde: Sina Flammang mit „Mädchen mit Baum im Hintergrund“

Inhalt:
„Meine Schwester ist das gestohlene Meisterwerk. Ich bin nur die Fälschung.“ 
Maris große Schwester Annika ist fünf Jahre alt, als sie in einem Kaufhaus spurlos verschwindet. Seit Mari sich erinnern kann, schwebt Annikas Schatten über der Familie und lässt die Verschwundene beinahe realer scheinen als sie selbst. Dann, eines Tages, geschieht tatsächlich, womit keiner mehr gerechnet hätte: Annika taucht wieder auf. Nach elf Jahren, ein Geistermädchen, das Gestalt annimmt. Und nichts ist so, wie Mari es sich immer vorgestellt hat. Annika ist verschlossen und hütet ein Geheimnis, über das sie nicht spricht und das sie immer wieder aus dem Haus schleichen lässt. Mari wird misstrauisch. Mehr und mehr fühlt sie sich von Annika verdrängt, die sich in ihrem Leben einnistet und sie zu der Kopie verblassen lässt, für die sie sich seit jeher gehalten hat. Und irgendwann bleibt ihr nichts anderes übrig, als selbst zu verschwinden...


Begründung der Jury:

An der Wand hängt das letzte Foto von Maris Schwester Annika. Das Foto, auf dem sie vor dem Baum zu sehen ist, der jetzt wie ein Denkmal im Garten steht. Der dort steht und weiterwächst, obwohl Annika mit fünf Jahren in einem Kaufhaus spurlos verschwunden ist. Lebt sie? Ist sie tot? Niemand weiß es, und darin liegt gerade für die Mutter die Hoffnung, dass sie eines Tages wie aus dem Nichts wieder auftaucht. Mit diesem Schicksal ist Mari nicht die einzige in der Selbsthilfegruppe „für die Geschwister verlorener Kinder“. Da ist noch ihre Freundin Clementine, deren Schwester nach der Wahl zur „Miss Monaco“ tödlich verunglückt ist. Und Ole, dessen Bruder an einer Autobahnraststätte zuletzt gesehen wurde. Er ist am Leben, irgendwo, davon ist Ole überzeugt, und das World Wide Web wird ihm dabei helfen, ihn wiederzufinden.

Eine ungewöhnliche wie extreme Ausgangssituation, die sich Sina Flammang ausgewählt hat. Die es nicht einfach macht, einen Ton zwischen Hoffen und Bangen, zwischen rührseligem Kitsch und tränenreicher Tragödie zu finden. Aber es spricht für die junge Autorin, dass sie einen literarisch überzeugenden Weg einschlägt und durchhält, der all die Elemente in einem für den Leser sehr angenehmen Gleichgewicht hält. Denn als Annika plötzlich wieder auftaucht, nach elf Jahren, ist sie für Mari eine Fremde. Die sich im Haus breitmacht wie ein Ölteppich – ebenso unangenehm wie schwer wieder zu entfernen. Wie ihr Leben nun durcheinandergewirbelt wird und sich ihre beiden Freunde auf den Weg machen, um auch für sich eine Lösung zu finden, beschreibt die Autorin in vielen starken und eindrücklichen Szenen, mit Tempo und durchaus mit Witz. Ein Gratwanderung, die bestens gelingt.
 
Ralf Schweikart


Vita:
Sina Flammang wurde 1986 in Würzburg geboren. Sie studierte nach dem Abitur Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der LMU München und schloss dort 2012 mit dem Grad Magister Artium ab. Seit 2009 studiert sie an der Hochschule für Fernsehen und Film München Drehbuch und Creative Writing. Sina Flammang hat bereits im redaktionellen und dramaturgischen Bereich gearbeitet. So wirkte sie beispielsweise als Regieassistentin am Stück „Down Understanding“ von Schorsch Kamerun an den Münchner Kammerspielen mit. 2011 erhielt sie den Kunstförderpreis der Stadt Ulm in der Sparte Literatur. Im Jahr 2012 war sie Finalistin des Sehsüchte-Pitches Potsdam mit einem Konzept für eine Jugendserie, welches im Oktober 2014 vom Land Thüringen einen Förderpreis zur Weiterentwicklung erhielt.


Leseprobe (Seite 119 bis 120):

Ich glaube nicht, dass der Junge heute noch kommt. Aber gerade, als ich Luft hole und mich Ole zuwenden und es ihm sagen will und mich innerlich bereits auf einen Wutanfall einstelle, packt er mich so fest am Arm, dass mir ein Schrei entfährt. Sei doch still!, zischt er. Aua?, sage ich empört. Ole verdreht die Augen, lässt meinen Arm los und steht auf. Den Panda zerknüllt er in seinen Händen zu einem grauen Ball. Du drückst sein Auge raus, sage ich leise und folge Oles Blick. Drei kleine Jungs in Fußballtrikots und mit riesigen Schulranzen auf dem Rücken kommen lärmend eine Gasse herunter. Zwei rennen voraus, der dritte hängt bei einem von ihnen hinten am Schulranzen und versucht, ihn zu Fall zu bringen. Die Schulranzen schlagen beim Laufen so rhythmisch gegen ihre schmalen Rücken, dass ihre schrillen Stimmen abgehackt klingen wie Indianergeheul. Zwei haben braune Haare, und einer von ihnen ist dunkelblond. Finn...? Ich schiele zu Ole hoch, stehe ebenfalls auf. Ole, sage ich leise. Was jetzt? Ole sieht aus wie ein Schauspieler, der plötzlich seinen Text vergessen hat und improvisieren muss. Sein Mund klappt auf und zu, dann gibt er sich einen Ruck und tritt entschlossen auf die drei kleinen Jungs zu, die sich jetzt auf der Bocciabahn balgen und sich dabei gegenseitig ihre Schulranzen um die Ohren hauen. Sie tragen alle die gleichen marineblauen Trikots mit weißen Ziffern auf den Vorderseiten. Raffaele, steht auf der Brust von Oles Vielleicht-Bruder. Als Ole plötzlich vor den Kindern steht, fahren sie auseinander wie eine Rotte balgender Hundebabys, auf die ein gemeiner Mensch einen Wasserstrahl gerichtet hat. Bedröppelt und scheu rücken sie ihre Ranzen zurecht und starren zu Ole hinauf. Vielleicht-Finn hat seine Hände um die Träger seines Ranzens gekrallt und grinst plötzlich frech. Er biegt sich zur Seite weg und kichert seinem Kumpel, Alessandro, etwas ins Ohr, der Kumpel zieht die Schultern hoch und kichert auch, vermutlich kitzeln Vielleicht-Finns Worte in seinen Ohren und dann mischt sich der dritte Junge, Matteo, ein und die drei lachen und schubsen sind und ignorieren Ole einfach, als wäre er nur ein Baum oder ein Fahnenmast. Ole tritt noch einen Schritt vor, streckt seinen schlaffen, blauen Pulloverärmel aus und legt die darunter verborgene Hand auf Finns/Raffaeles Schulter. Finn fährt herum und wechselt argwöhnisch-spöttische Blicke mit seinen Freunden, vermutlich halten sie Ole für einen Perversen. Matteo, ein schmächtiger kleiner Knirps mit tellergroßen Augen, zupft seine Freunde an den Ärmeln und will sich scheinbar aus dem Staub machen, während Alessandro, bullig und halslos, einen Schritt auf Ole zu macht und provozierend die Arme hebt. Que?, schallt seine kleine, schrille Stimme quer über den Platz, sie zerschellt an den Mauern ringsherum und die Splitter scheinen Ole in den Rücken zu treffen wie unsichtbare Schrapnelle, er ist älter als diese Knirpse und wirkt, als wäre er tausend Jahre jünger, als wäre er gerade erst zur Welt gekommen oder als hätte er vergessen, wo er ist. Er starrt den Jungen an, der vielleicht sein Bruder ist, mit zerfurchter Stirn und fragenden Augen, er wirkt so unheimlich und geistig umnachtet, dass ich ihn am liebsten treten würde. Sag doch was Normales, Ole, zische ich durch meine Finger, meine Hand über den Mund gelegt, aber er hört mich nicht und sieht mich nicht, er hat nur Augen für den kleinen Jungen, der vielleicht sein Bruder ist…