Tobias Steinfeld - Stadt Oldenburg
Tobias Steinfeld

Vita

Foto: A. Köhler
Portrait Tobias Steinfeld Foto: A. Köhler

Tobias Steinfeld wurde 1983 in Osnabrück geboren und lebt derzeit in Düsseldorf. Nach einer Ausbildung zum Schilder- und Lichtreklamehersteller holte er das Abitur nach und studierte an der Universität Mannheim Medien- und Kommunikationswissenschaft sowie Germanistik. Darauf folgte das Masterstudium „Literatur und Medienpraxis“ an der Universität Duisburg-Essen. Während des Studiums war er freiberuflich als Journalist tätig. Er besuchte Schreibwerkstätten von Judith Kuckart und John von Düffel. Es entstanden Film- sowie Hörspielarbeiten und er veröffentlichte Erzählungen und Essays in Literaturzeitschriften und Anthologien. Sein Theaterstück „27 Monate“ wurde mit dem Osnabrücker Dramatikerpreis prämiert und 2014 uraufgeführt. Ebenfalls in 2014 erhielt er den Richtungsding-Preis der gleichnamigen Literaturzeitschrift. 2015 wurde er mit dem Mannheimer Stadtschreiberstipendium „Feuergriffel“ ausgezeichnet. Seit 2013 leitet er Hörspielprojekte für Kinder und Jugendliche.

Zum Inhalt von „Im Himmel gibt es Sucuk, so viel du willst“

Gymnasiast Paul ist 14 und kommt für ein Praktikum an eine Förderschule für geistige Entwicklung. Hier wird er allerdings nicht als Praktikant empfangen, sondern für einen neuen Schüler gehalten: Den minderbegabten Per. Paul nimmt die Rolle an.

Seine neuen Mitschüler erscheinen ihm seltsam: Ibrahim darf man nicht anfassen, Jonas hat einen großen Kopf, Alicia-Sophie sitzt im Rollstuhl und sabbert. In Paul kommen Ängste und Ekel auf, dazu die Sorge, enttarnt zu werden. Gleichzeitig bringt die neue Rolle Annehmlichkeiten mit sich: Er entspannt im schuleigenen Whirlpool und spielt Playstation im Unterricht.

Nach dem ersten Tag erhält Paul einen anonymen Brief mit Informationen zum echten Per. Diese helfen ihm dabei, seine neue Rolle authentischer zu gestalten und mit einem Anruf bei Pers Mutter diesen von der Schule fernzuhalten. Doch wer hat den Brief geschrieben? Er ist nervlich so angespannt, dass er sich mit dem Schüler Fatih prügelt. Dabei kommt heraus, dass Fatih den Brief geschrieben hat. Die beiden freunden sich an und Paul fühlt sich immer wohler an der Förderschule...

Beurteilung der Jury

Paul hat auf sein Praktikum an einer Förderschule für geistige Entwicklung wenig Lust. Dabei hat er die gewöhnlichen stereotypen Vorstellungen von Schülern einer solchen Einrichtungen. Ein Missverständnis kommt ihm zu Hilfe und macht aus dem Praktikanten Paul den Förderschüler Per. Paul nimmt die Rolle ohne nachzudenken an und taucht damit in eine andere Welt ein. Zunächst befremdet, lässt er die Berührungsängste bald hinter sich und nähert sich seiner neuen Umgebung neugierig und offen. Der pfiffige Mitschüler Fatih entdeckt Pauls Schwindel, wird zum Mitwisser und zum Freund. Paul ist fasziniert von Fatih und lässt sich auf einige ziemlich riskante Abenteuer ein. Er bekommt Angst vor den Konsequenzen und Angst, enttarnt zu werden. Gleichzeitig kann Paul sich als Per ziemlich gut auf das Leben in der Schule einlassen. Er genießt die Betreuung, das Familiäre und die Gesellschaft der Förderschüler und es gefällt ihm, seinem Paul-sein-müssen entfliehen zu können. Er begegnet den so ganz anderen Jugendlichen respektvoll und zugewandt, er erkennt ihre Stärken, das Besondere und das Liebenswerte an ihnen.

In „Im Himmel gibt es Sucuk, so viel du willst“ geht es um Freundschaft, Respekt, Verständnis und Achtung. Tobias Steinfeld findet eine vollkommen authentische Sprache und erzählt direkt und überzeugend aus der Perspektive Pauls. Die Beschreibung des Schulalltags erzeugt rührende und manchmal komische Momente. Gelegentlich fühlt man sich an Szenen aus „Einer flog über das Kuckucksnest“ erinnert. Dabei rutscht das Erzählte nie ins Alberne ab, sondern bleibt ganz nah an den Personen, an ihren unterschiedlichen Charakteren, an ihren Stärken und Schwächen. Der Leser bekommt Einblicke in einen Alltag, zu dem es wenig Zugang gibt. Die Beschreibung des „drinnen“ erzeugt eine geschützte und liebevolle Atmosphäre, das „draußen“ dagegen erscheint problematisch und kalt. Und eines wird klar: es gibt letzten Endes keinen Unterschied zwischen denen „drinnen“ mit ihren vermeintlichen Mängeln und denen „draußen“, die glauben, ein normales Leben zu führen.

Nadia Budde

Leseprobe

Eine Leseprobe von „Im Himmel gibt es Sucuk, so viel du willst“ finden Sie hier »  (PDF, 16,9 KB)