100 Jahre Frauenwahlrecht - Stadt Oldenburg
100 Jahre Frauenwahlrecht
Grafik: lag Nds.
Logo 100 Jahre Frauenwahlrecht, Grafik: LAG Niedersachsen

2018 feiern wir das 100jährige Bestehen des Frauenwahlrechts in Deutschland. Ein guter Zeitpunkt, einmal zurück zu blicken: Wie war der Weg dorthin und wie hat sich das Frauenwahlrecht entwickelt?

Das Gleichstellungsbüro wird im Laufe des Jahres diese Seite Stück für Stück füllen und die Entwicklungen chronologisch Revue passieren lassen. 220 Jahre Frauengeschichte in Deutschland - mit dem Ziel, selbstbewusst das eigene Land mit zu gestalten.

Der lange Weg zum Frauenwahlrecht

Olympe de Gouges, Foto: gemeinfrei
Marie Olympe de Gouges. Bild: Gemeinfrei

Die Vorstellung, dass Frauen nicht wählen dürfen, klingt heute absurd und altertümlich. Tatsächlich ist das Frauenwahlrecht gerade mal 100 Jahre alt. Andere Länder waren da deutlich schneller, so zum Beispiel besaß die britische Kolonie Pitcairn dieses Grundrecht schon 80 Jahre früher. Allerdings erhielt der letzte Flecken Europas – der Kanton Appenzell Innerrhoden in der Schweiz – es erst 1990. In einigen Ländern kämpfen Frauen sogar bis heute darum, wählen und politisch aktiv sein zu können. Was bedeutet also „100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland?“

Vor allem bedeutet es einen langen Weg, den viele mutige Frauen gegangen sind, um damit einen Grundpfeiler zur Gleichberechtigung von Mann und Frau in den Boden zu schlagen. Die französische Frauenrechtlerin Olympe de Gouges schreibt bereits 1791: „Die Frau hat das Recht das Schafott zu besteigen. Sie muss gleichermaßen das Recht haben, die Tribüne zu besteigen.“
Dies zu einer Zeit, in der Frauen weder mündig, noch autonom und ihre Rechte nur durch die Vormundschaft ihrer Väter, Brüder oder Ehemänner existent sind:

Frauen dürfen auch in den darauf folgenden 100 Jahren weder wählen, noch sich zur Wahl stellen lassen, erhalten keine oder nur geringe Bildung und bleiben vom Mann abhängig.

Während der Industrialisierung, als immer mehr Frauen des Proletariats in die Fabriken gehen oder in bürgerlichen Haushalten als Dienstmägde arbeiten, spürt die erste Generation Frauen die Mehrfachbelastung durch Hausarbeit, Kindererziehung und Berufstätigkeit. Der Arbeitslohn der Frauen beträgt etwa ein Drittel von dem der Männer und die Prostitution wächst im Angesicht der Armut massenhaft. An Mitgestaltung der Lösungen zur sozialen Frage ist nicht zu denken.

Stricken erlaubt

Louise Otto-Peters, Foto: gemeinfrei
Louise Otto-Peters, Bild: Gemeinfrei

 „Meine Herren! Im Namen der Moralität, im Namen des Vaterlandes, im Namen der Humanität fordere ich Sie auf: Vergessen Sie bei der Organisation der Arbeit die Frauen nicht!“ fordert Louise Otto-Peters 1848, die als Wegbereiterin der deutschen Frauenbewegung gilt. Ein Jahr später bringt sie die erste Frauenzeitung heraus. "Wohl auf denn, meine Schwestern, vereinigt Euch mit mir, damit wir nicht zurückbleiben, wo Alle und Alles um uns und neben uns vorwärts drängt und kämpft. Wir wollen auch unser Theil fordern und verdienen an der großen Welt-Erlösung, welche der ganzen Menschheit, deren eine Hälfte wir sind, endlich werden muss." Natürlich bleibt dieses Engagement nicht ohne Gegenwind. Kurz später wird in Sachsen, wo Louise Otto-Peters lebt, das Herausgeben von Zeitungen für Frauen verboten.  Insgesamt engagieren sich aber immer mehr Frauen, meist in kirchlichen Vereinen oder selbst gegründeten Verbänden, woraufhin schlicht das politische Engagement für Frauen in einigen Regionen untersagt wird. Zusammen stricken: ja. Politischen Einfluss nehmen: nein.

Geistiges Ödland der Mädchenbildung

Helene Lange, Foto: Stadtmuseum Oldenburg
Helene Lange, Foto: Stadtmuseum Oldenburg

Die gesellschaftlich breit anerkannten Annahmen, Frauen seien weniger intelligent, von Natur aus nicht zum Arbeiten berufen, zu weich und emotional zu instabil, kurzum, die Abhängigkeit der Frau vom Mann sei nur zu der Frauen Bestem, lässt auch die politische Ausgrenzung plausibel erklären. Für bürgerliche Töchter, ziert es sich nicht, zu arbeiten und wenn, ist die Berufstätigkeit mit dem Eingehen der Ehe zu beenden. Die bürgerliche Helene Lange schreibt über ihre eigene Jugend in den 1860er Jahren: „Ödland, Kleinstadtleben in der Heimat, wo ich bis auf weiteres das Dasein einer Haustochter im großväterlichen Hause führen sollte. Das bedeutete: ein wenig Haus- und Handarbeit, etwas Klavierspielen, einen Spaziergang durch den Schlossgarten und Kaffeevisiten, bei denen häufig der rote kalte Pudding mit weißer oder der weiße mit roter Sauce das wesentliche Unterscheidungsmerkmal bildete. Der geistige Bedarf wurde durch eine gründliche Erörterung bevorstehender oder schon erledigter Bälle oder sonstiger gesellschaftlicher Veranstaltungen, Verlobungen oder Verlobungsmöglichkeiten gedeckt. Wenn man bedenkt, daß so oder ähnlich das Dasein ungezählter junger weiblicher Wesen in der ‚Wartezeit’ ausgefüllt wurde, kann einen noch nachträglich das Grauen ergreifen bei dem Gedanken an die Unsumme vergeudeter Energien und Wirkungsmöglichkeiten.“ Sie und viele weitere Frauen kämpfen unermüdlich für gleiche Bildungschancen für Mädchen. Einmal um der Bildung Willen, aber auch für die Unabhängigkeit. So formuliert Clara Zetkin, spätere Begründerin des internationalen Frauentags, 1891: „Mag man heute unsere gesamte Gesetzgebung dahin abändern, dass das weibliche Geschlecht rechtlich auf gleichem Fuß mit dem männlichen gestellt wird, so bleibt nichtsdestoweniger für die große Masse der Frauen die gesellschaftliche Versklavung in höchster Form weiter bestehen: ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von ihren Ausbeutern.“ 

Heraus mit dem Frauenwahlrecht!

Anita Augspurg, Foto: gemeinfrei
Anita Augspurg, Foto: gemeinfrei

Anita Augspurg, die erste promovierte deutsche Juristin, die ihre Promotion im Alter von 40 Jahren 1897 allerdings in Zürich abschließt, da das Studium in Deutschland für Frauen noch verboten ist, lebt ein völlig eigenes Konzept vom Frauenleben: Mit offenem Umgang ihrer Homosexualität – und damit Unabhängigkeit von einem Mann, selbstständig mit einem Fotoatelier und aufgrund der juristischen Bildung politisch erfolgreich. Sie gründet 1902 den Deutschen Verein für Frauenstimmrecht und 1904 den Weltbund für Frauenstimmrecht. „Die Frauenfrage ist zwar zum großen Teil Nahrungsfrage, aber vielleicht in noch höherem Maße Kulturfrage, (. . .) in allererster Linie aber ist sie Rechtsfrage, weil nur von der Grundlage verbürgter Rechte (. . .) an ihre sichere Lösung überhaupt gedacht werden kann.“ Aufgrund des immer größer werdenden Drucks vieler engagierter Frauenvereine- und Verbände werden die Gesetze 1902 gelockert. Frauen dürfen fortan bei politischen Veranstaltungen in abgegrenzten Bereichen als Zuhörerinnen anwesend sein und ab 1908 ist es gestattet, dass sie in Organisationen oder Parteien über politische Themen beraten. In den USA wird  im gleichen Jahr der erste nationale Frauentag organisiert, bei dem lautstark das Frauenwahlrecht gefordert wird  – und der Impuls geht um die Welt. „Heraus mit dem Frauenwahlrecht!“ schließen sich ab 1911 Frauenverbände aus Deutschland und weiterer europäischen Länder an. 1915 findet auf Initiative Anita Augspurgs der erste internationale Frauenkongress statt, an dem Clara Zetkin den Vorschlag einbringt, einen jährlichen internationalen Frauentag einzurichten, dessen vorrangiges Ziel, die Erreichung des Frauenwahlrechtes ist. Der Erfolg der inzwischen gut vernetzten und starken Frauen kommt am 12. November 1918 als die der Frauenbewegung zugewandte provisorische Nachkriegsregierung das freie, geheime, aktive und passive Wahlrecht für Männer und Frauen über 20 Jahren ausruft.

Die ersten Worte einer Frau im Reichstag...

Marie Juchacz, Foto: gemeinfrei
Marie Juchacz, Foto: gemeinfrei

…spricht Marie Juchacz am 19. Februar 1919 - einhundertachtundzwanzig Jahre nach der Forderung Olympe des Gouges:

"Ich möchte hier feststellen ..., dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist."

Wie ihr Redebeitrag von den Abgeordneten aufgenommen wurde, ist auf den Seiten des Bundestags zu lesen »

Marianne Weber, Bild: gemeinfrei
Marianne Weber, Bild: gemeinfrei

 

Marianne Weber ergriff sogar noch vor der Wahl, am 15. Januar, als erste Frau im Karlsruher Ständehaus das unmissverständliche Wort:

"Wir Frauen können nur unserer hohen Freude und Befriedigung darüber Ausdruck geben, dass wir zu dieser Aufgabe mitberufen sind, und ich glaube, sagen zu dürfen, dass wir besser für sie vorbereitet sind als vielleicht die meisten von Ihnen glauben."