Editorial - Stadt Oldenburg
Editorial

Die subtile Qualität des Unauffälligen

„Seit einiger Zeit verfolge ich ein Projekt namens FADE ORTE. Ein fader Ort ist ein Ort ohne besondere Merkmale, im Grunde so etwas wie der Mann ohne Eigenschaften, nur eben räumlich aufgefasst. Der Begriff des Faden stammt aus der chinesischen Ästhetik und meint eine subtile Qualität, die des Unauffälligen, Gemäßigten, in keiner Weise Hervorstechenden. Ein fader Ort kann für die Dichtung sehr produktiv sein. Notwendige Bedingung ist die Abwesenheit schriller Reize, wobei schon das satte Grün eines Rasens als unerhört grobschlächtig gilt. In der Praxis zeigt sich dann auch, dass es gar nicht so leicht ist, einen solchen Ort zu finden, der den Kriterien vollkommener Zurückhaltung wirklich entspricht“, formuliert Marion Poschmann in ihrem Beitrag „On the Road“ in der WELT vom 25.01.2014.
Fade Orte dürfte die Schriftstellerin im September des letzten Jahres eher nicht gefunden haben, als sie als Stipendiatin des Literaturbüros im Oldenburger Land unterwegs war. Für unser Projekt ‚Literarischer Landgang‘ war sie neun Tage lang zwischen Oldenburg, Cloppenburg, Delmenhorst, Brake, Jever und Westerstede mit dem Fahrrad on the road. Das war ihr ausdrücklicher Wunsch. Wir hatten alternativ einen Mietwagen angeboten. Einen Mietwagen mit Navi. Aber Marion Poschmann wollte das Fahrrad und die Straßenkarten. Die Passagen zwischen den Stationen gewannen so an Bedeutung. Weil die Schriftstellerin die Entfernungen körperlich erfuhr und des Reisetempos wegen viel Zeit hatte, den Blick unterwegs in die Landschaften zu richten. Auf blauen Himmel traf dieser Blick und auf durchaus noch satte Grünflächen. Der September wollte es nämlich 2016 auch in Norddeutschland noch einmal so richtig wissen. Schönstes Spätsommerwetter fuhr er auf. Vollkommene Zurückhaltung war seine Sache nicht.
Die Reise habe unter einem guten Stern gestanden, sagte Marion Poschmann am Ende der Tour. Der Mangel an faden Orten, so scheint es, hat ihre Stimmung nicht getrübt. Umso neugieriger dürfen wir auf den Text sein, den sie im Anschluss geschrieben hat. Vom 16. Mai bis zum 1. Juni stellt sie ihn mit mir auf den sieben Stationen der Erkundungsreise vor. Dankbar bin ich ihr über den Literarischen Landgang hinaus für die neue Bedeutungsdimension des Faden, die sie mir erschlossen hat. Denn wenn mein Leben mir fortan phasenweise trist erscheint, mein Alltag Grautöne aufweist, werde ich an Marion Poschmann denken, die subtile Qualität des Graus als freundliche Zurückhaltung loben und eine Weile froh im Faden verharren.

Ed