Editorial - Stadt Oldenburg
Editorial

Sensorische Nackenhaare im BLogbuch

Die Schriftstellerin Katharina Hartwell ist überzeugt, dass ein Ort auch durch die Geschichten definiert wird, die man dort seit Jahrhunderten kennt; dass Märchen, Legenden und andere Erzählformen den Hintergrund bilden, auf dem sich das Leben in einer bestimmten Region vollzieht. 2016 ist sie unsere Stipendiatin für das BLogbuch OLdenburg, ein Literaturprojekt im Internet. Mit ihren BLogbuch-Texten wird sie auf die Mythen, Märchen und Formen von Aberglauben eingehen, die ihr bei der Recherche zum Oldenburger Land begegnen. In die aufgespürten Geschichten möchte sie eingreifen, sie weitererzählen und so einen Bogen in die Gegenwart schlagen. Wir folgen ihr dabei gerne. Zumal solcher Aberglaube, solche Mythen und Märchen oft um Unheimliches kreisen. Und Erscheinungsformen des Unheimlichen interessieren Katharina Hartwell generell. Das ist kein Wunder, denn schließlich ist sie in Hanau aufgewachsen, der Stadt der Brüder Grimm. Eine gute Voraussetzung für ihr Schreiben in Richtung Gänsehaut und Gruselfaktor ist es ohnehin.
Ihr erster Text im BLogbuch führt eine Ich-Erzählerin ein, eine Schriftstellerin, die ihren detektivischen Auftrag zwar sehr ernst nimmt, sich jedoch nur allzu gern vom Schreiben ablenken lässt. Tatsächlich könnte man annehmen, es sei die Stipendiatin persönlich, die uns so einen Einblick in ihre Arbeitsweise gewährt. Wer Katharina Hartwell kennt, weiß aber, dass die höchst disziplinierte Autorin nur mit unseren Klischeevorstellungen vom Künstlertum spielt. Die also doch eher fiktive Protagonistin entdeckt bei ihrer Recherche die so genannte Erftenmoder. Sofort stellen sich ihr beim Lesen die Nackenhaare auf. „Darum weiß ich, dass ich eine Spur gefunden habe. Wenn es um das Unheimliche geht, muss man immer und unbedingt auf seine Nackenhaare vertrauen. Sie sind der zuverlässigste Kompass in grauschattigen Zwischenwelten“, heißt es im BLogbuch. Und dann weiter über die Erftenmoder: „Ich stelle sie mir irgendwie viktorianisch vor, in einem schwarzen Kleid also, das immer raschelt, wenn sie sich bewegt. Ich denke, dass sie sehr schmal ist, ja hager, ja ausgemergelt. Sie hat knochige Hände und ein knochiges Gesicht und wirkt alt und gleichzeitig überhaupt nicht alt.“ Dann klopft es an der Wohnungstür von Katharina Hartwells Ich-Erzählerin. Gewiss ist es nur der Paketbote. Die Nachbarin vielleicht. Aber warum stellen sich dann ihre Nackenhaare auf? Unter www.blogbuch-oldenburg.de können Sie in den kommenden Monaten verfolgen, wie es weitergeht. Für die Lektüre sollten Sie starke Nerven mitbringen. Es wird unheimlich!

Ed