Editorial - Stadt Oldenburg
Editorial

Mut anlesen

Für einen Donnerstag im Juni erhielt ich eine Einladung des Forum St. Peter. Als Gast sollte ich die wöchentliche Mittagspause der besonderen Art gestalten und dazu 30 Minuten lang aus Texten vorlesen, die mir Mut und Zuversicht vermitteln. Die Formulierung ist so geläufig, dass „sich Mut antrinken“ als Phrase in diversen Online-Wörterbüchen geführt wird. „Sich Mut anlesen“ fand ich in keinem Nachschlagewerk. Dennoch hatte ich gleich ein bestimmtes Buch im Sinn. Im April 2016 stellte die Schriftstellerin Verena Lueken ihren Roman Alles zählt im Programm des Literaturbüros vor. Seine namenlos bleibende Protagonistin erfährt bei einem Aufenthalt in New York, dass sie nach zwei Operationen erneut an Lungenkrebs erkrankt ist. Ohne jede Sentimentalität erzählt Lueken von der Operation, der Wirkung der Opiate, dem Versagen der Schmerztherapie. Die Frau überlebt ein drittes Mal.
Luekens Roman ist aber vor allem eine Hommage an die Literatur: Gleich nach ihrer Ankunft hat die Protagonistin sich etliche Bücher gekauft, die sie durch die Wochen in New York begleiten sollen. Die neuerliche Krebsdiagnose fokussiert ihren Blick als Leserin. Bestimmte Sätze gewinnen an Bedeutung. Sie ordnen ihre Gedanken über den Tod und das Sterben und verleihen ihnen Ausdruck. Und sie binden sie in die Gemeinschaft der Wörter und Sätze derer ein, die sie verfassten. Es sind Sätze, die Trost spenden. Verena Lueken erzählt in ihrem außergewöhnlichen Buch die Geschichte einer Rettung durch die Literatur.
Vielleicht ist das Trost stiftende Potential von Literatur besonders wichtig in einer Zeit, in der viele Menschen religiös heimatlos sind. Die Frau in Luekens Roman ist nicht in der Lage, sich die eigene Beerdigung vorzustellen und ahnt, „es hatte damit zu tun, dass es in ihrer Generation, soweit sie sich von der Kirche verabschiedet hatte, keine neuen Formen für den Ernstfall gab“. Anders als bei der Bibel ist die Auswahl der Bücher, der Trost spendende Kanon, für religiös Heimatlose immer individuell. „Ich schwöre auf ein Buch deiner Wahl“, sagt eine Freundin von mir, wenn sie einer Aussage Nachdruck verleihen möchte. Verena Lueken betonte im Gespräch mit mir, dass Literatur in der Tat ein guter Fundus für Hilfe in wichtigen Situationen sei. Weil unsere menschlichen Erfahrungen zwar in ihrer jeweiligen Ausprägung ganz individuell auftreten, es in ihrer allgemeinen Gestalt aber eher nicht sind. Ich hoffe, Sie finden zu allen wichtigen Situationen in Ihrem Leben die passenden Bücher!

Ed