Kolumne vom 8. Juni 2007 - Stadt Oldenburg
Kolumne vom 8. Juni 2007

Kolumne vom 8. Juni 2007

Liebe Oldenburgerinnen, liebe Oldenburger,

Vergangenheit und Zukunft liegen manchmal dichter beieinander als man denkt – und ihr Treffpunkt ist die Gegenwart. Wie derzeit an der Holler Landstraße.

Dort entsteht mit dem IKEA Möbelhaus seit einigen Monaten ein Stück Oldenburger Zukunft. Dieses Projekt zählt zu den bedeutendsten, vor allem aber am sehnlichsten erwarteten Bauvorhaben der Stadt. Wenn IKEA im Dezember eröffnen wird, dann macht nicht einfach nur ein Konsumtempel auf – dann gewinnt Oldenburg einen Standortfaktor hinzu. Außerdem werden den Schweden wohl weitere Unternehmen folgen und sich in deren Umfeld ansiedeln. Kurz- bis mittelfristig könnte an der östlichen Holler Landstraße ein pulsierendes Gewerbezentrum entstehen, das sich vor kurzem an dieser Stelle noch niemand hätte vorstellen können. Soviel zum Thema Zukunft.

Kommen wir nun zur Vergangenheit – und die beginnt nur wenige Meter von den IKEA-Bauten entfernt. Am Hemmelsbäker Kanal, der das Gelände auf der Westseite begrenzt, machte man vor einigen Tagen einen ganz besonderen Fund: Man entdeckte das vermutlich älteste Stück Oldenburgs. Dabei handelt es sich um Reste einer ringförmigen Befestigungsanlage, die möglicherweise bis zu 1200 Jahre alt ist. Vielleicht, so vermuten Experten, handelt es sich bei der Anlage sogar um die „Aldenburg“, die unserer Stadt ihren Namen verleiht und deren Standort bisher ungeklärt war. Die genauen Ergebnisse der Untersuchungen wird man abwarten müssen. Eines ist aber jetzt schon klar: Vergangenheit und Zukunft lagen selten so dicht beieinander wie hier.

Ich halte diesen Fund für großartig, wenn nicht gar sensationell. Bisher hatten wir – was das Alter Oldenburgs angeht – nur Hilfskonstruktionen. 1995 wurden 650 Jahre Stadtrechte gefeiert – und im nächsten Jahre steht die 900-Jahr-Feier der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1108 an. Das alles ist nach wie vor richtig. Wir müssen unsere Geschichte also nicht neu schreiben. Wir müssen sie aber ergänzen. Und zwar um die mögliche – oder sogar vermutliche – Geburtsstunde unserer Stadt.

Was uns die Sache mit den Feiern nicht leichter macht. Schon zwei Jubiläumstermine zu haben, war für viele verwirrend. Zwischen 1995 und 2008 liegen gerade einmal 13 Jahre – die Stadt scheint in dieser Zeit aber 250 Jahre älter geworden zu sein. Erst der zweite Blick – auf die unterschiedlichen Anlässe der Jubiläen – erklärt diesen Zeitraffer. Nun könnte also noch ein weiterer Termin hinzukommen, der uns ein Alter von etwa 1200 Jahren konstatiert. Zuviel des Guten? Ich denke nicht.

Zum einen dauert es von einem bemerkenswerten Jubiläum zum nächsten mindestens ein halbes Jahrhundert. Allzu viele davon dürfte also kein Bewohner unserer Stadt miterleben. Zum anderen werden – wenn wir uns auf eine tatsächliche Entstehungszeit der Stadt festlegen könnten – die beiden „Hilfsjubiläen“ vielleicht in den Hintergrund treten. Und wenn nicht – sei’s drum. Man soll die Feste schließlich feiern, wie sie fallen.

Auch wir Menschen feiern unsere Geburtstage nicht von ungefähr. Man verbindet etwas mit diesen Daten, sie sagen etwas über uns aus. Bei Städten ist dies nicht anders. Viele von ihnen beziehen ihren Charakter und ihr Selbstverständnis aus ihrem Entstehungszeitpunkt. Was das angeht, war Oldenburg bisher gewissermaßen ein Waisenkind. Doch die lange Zeit ohne die Kenntnis über unsere Geburtsstunde könnte nun endlich vorbei sein.

Es ist zwar richtig, dass der Oldenburger Heidenwall die Weltgeschichte nicht völlig über den Haufen wirft. Und auch optisch mag er nicht gerade umwerfend sein. Blockbuster-Archäologie à la Indiana Jones darf man am Hemmelsbäker Kanal also nicht erwarten. Auf so etwas kommt es aber gar nicht an. Die Wirkung der Geschichte beginnt im Detail. Und was das angeht, ist der Heidenwall eine Goldgrube. Wir werden durch ihn zwar nicht reich an Geld – dafür aber reich an Wissen. Und das erscheint mir mindestens ebenso viel wert.

Ihr Gerd Schwandner
Oberbürgermeister