Cäcilienbrücke

Hi, ich bin Max und ich muss euch unbedingt erzählen, was ich heute erlebt habe.

Heute Nachmittag war ich mit meiner Freundin Mia verabredet und wenn ich Mia besuche, dann muss ich immer mit meinem Fahrrad über die Cäcilienbrücke über die Hunte nach Osternburg fahren. Bisher hat das auch immer gut geklappt, aber diesmal waren die Ampeln vor der Cäcilienbrücke auf Rot geschaltet und alle Autos mussten vor der Schranke warten. Ich wusste gar nicht, was los war, bis ich bemerkte, dass die Brücke wie ein Fahrstuhl hochgezogen wurde und kurz später kam dann auch ein ziemlich großes Schiff, das unter der angehobenen Brücke durchgefahren ist. Ich war vollkommen beeindruckt und noch während ich dem Schiff nachguckte, ging plötzlich die Brücke wieder nach unten. Als sie wieder unten auf ihrer normalen Höhe war, dauerte es nicht lange, bis die Ampeln auf Grün schalteten und die Schranken wieder hoch gingen. Da konnte ich weiterfahren.

Als ich bei Mia ankam, musste ich ihr sofort von der Brücke erzählen und was ich dort gesehen hatte. Mia  konnte es gar nicht glauben und deswegen haben wir uns sofort wieder mit unseren Fahrrädern auf den Weg zurück zur Cäcilienbrücke gemacht. Doch dieses Mal war die Brücke nicht angehoben, sondern sah so aus wie immer. Mia guckte mich zweifelnd an und wollte mir nicht glauben, was ich zuvor gesehen hatte. Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen, schließlich wollte ich nicht, dass Mia mich für einen Lügner hielt. Ich habe mir also überlegt, wie ich es Mia beweisen könnte.
Wir stellten unsere Fahrräder ab und gingen zu den zwei Brückentürmen, die auf unserer Seite standen. Dabei fanden wir heraus, dass sich in jedem Brückenturm ein Treppenhaus befindet. Neugierig, wohin die Treppen führen könnten, gingen wir hinauf. Doch als wir oben waren, war dort nur eine große Öffnung im Mauerwerk, die mit einem Gitter abgesperrt war. Von dort aus konnte man quer über die Brücke gucken.

Wir sahen die Autos und Fahrräder, die über die Brücke fuhren und entdeckten an den Brückentürmen auf der gegenüberliegenden Seite zwei dicke Stahlseile, die an den Türmen angebracht sind. Doch wofür die da sind, wussten wir nicht.
Wir wussten auch nicht, was das kleine Stelzenhaus mitten über dem rechten Fußgängerweg der Brücke dort zu suchen hatte. Mia fiel auf, dass dort ein Mann drin saß, der ein Funkgerät in der Hand hielt.
Auf einmal gingen die Schranken auf beiden Seiten der Brücke runter und alle Autos blieben dahinter stehen. Ich stupste Mia an und freute mich, da ich ihr nun beweisen konnte, dass ich Recht gehabt hatte. Wir sahen, wie sich die Stahlseile in Bewegung setzten und die Brücke langsam von ihnen nach oben gezogen wurde.

Plötzlich standen Leute hinter uns – ein Mann trug sogar sein Fahrrad auf der Schulter – und wir wunderten uns, weswegen sie hochgekommen waren.
In dem Moment lehnte sich Mia über das Gitter, guckte nach links und rief mir aufgeregt zu, dass von dort ein großes Schiff ankäme. Begeistert standen wir am Gitter und beobachteten, wie das Schiff immer näher kam. Auf einmal drängte sich der Mann mit dem Fahrrad vor uns und gleichzeitig öffnete sich das Gitter. Wir erschraken erst, bis wir bemerkten, dass die Brücke mittlerweile genau auf unsere Höhe angehoben war und die ganzen Leute problemlos über die angehobene Brücke gehen konnten. Schnell gingen wir hinterher und blieben mitten auf der Brücke stehen um zu beobachten, wie das Schiff unter uns durchfuhr. Der Kapitän winkte uns sogar zu. Wir blieben solange dort stehen, bis wir plötzlich ganz alleine auf der Brücke waren. Zügig überquerten wir die Brücke und als wir auf der anderen Seite waren, schlossen sich auch schon die Gitter hinter uns. In dem Moment setzte sich auch die Brücke wieder in Bewegung und wurde nach unten gelassen. Die Ampeln schalteten wieder auf Grün und der normale Verkehr konnte wieder fließen.

Um noch mehr über die Brücke zu erfahren, machte ich Mia den Vorschlag, zum Stelzenhaus zu gehen und den Mann dort zu befragen. Mia fand die Idee toll und wir liefen wieder runter auf die Brücke. Angekommen am Stelzenhaus, klopften wir an der Tür und der Mann öffnete uns. Schüchtern fragten wir ihn, ob er uns etwas über die Brücke erzählen könne. „Natürlich, kommt herein. Ich habe gerade etwas Zeit, bis das nächste Schiff kommt. Wie heißt ihr beiden Forscher denn?“, fragte der Mann freundlich. „Ich bin Max und das ist meine Freundin Mia“, antwortete ich. „Wisst ihr denn überhaupt, wer ich bin und was meine Aufgabe hier ist? Ich heiße Otto und bin hier der Brückenwärter, das heißt, dass ich für den Mechanismus dieser Hubbrücke zuständig bin.“„Hä? Was für eine Brücke?“, fragten Mia und ich fast gleichzeitig. „Die Cäcilienbrücke ist eine Hubbrücke – genau wie ihre Schwesternbrücke, die Amalienbrücke, die allerdings länger ist. Unsere Cäcilienbrücke ist ‚nur’ 40 Meter lang.“ „

Ach, die Amalienbrücke kenne ich. Da fahren wir immer drüber, wenn wir zu IKEA wollen“, meinte ich. „Den Mechanismus habt ihr eben schon beobachtet. Wenn sich ein Schiff nähert, dann erfahre ich das über Funk. Ist das Schiff so groß, dass es nicht mehr unter der Brücke durchfahren kann, dann besteht meine Aufgabe darin, die Ampeln auf Rot zu schalten, die Schranken herunterzulassen und die Brücke nach oben anzuheben. Die Brücke kann ich natürlich nicht alleine hochheben – ich drücke nur diesen Knopf und setze damit den Mechanismus in Gang, der die Stahlseile ankurbelt, die sich an jedem der vier Brückentürme befinden. Diese Stahlseile heben dann die Brücke um 3,5 Meter nach oben, sodass sie auf der Höhe der Durchgänge in den Brückentürmen ist. Daher kommt auch die Bezeichnung Hubbrücke. ‚Hub’ kommt nämlich von dem Wort ‚heben’. Sobald das Schiff unter der Brücke durchgefahren ist, betätige ich diesen Knopf, um die Brücke wieder nach unten zu senken. Dann werden die Ampeln auch wieder auf Grün geschaltet und die Schranken gehen hoch“, erklärte uns der Wärter.

„Die Brücke sieht schon ganz schön alt aus“, sagte Mia. „Na ja, die Brücke ist jetzt 83 Jahre alt“, meinte Otto. „Ach, dann ist sie ja genau drei Jahre älter als meine Oma. Die ist nämlich gestern 80 Jahre alt geworden“, rief Mia dazwischen. „Na, dann könnt ihr euch ja besser vorstellen, wie lange die Brücke schon steht. Damals wurde sie von dem Architekten Adolf Rauchheld entworfen.“Ich wunderte mich: „Komisch, ich hab gedacht, die hätte Herr Cäcilie entworfen?!“„Nee“, lachte der Wärter, „um euch das zu erklären, müssen wir noch weitere 94 Jahre in die Vergangenheit zurück. Jetzt befinden wir uns im Jahr 1832.

In dem Jahr hat Großherzog Paul Friedrich August die Brücke bauen lassen und sie anschließend nach seiner Frau Cäcilie benannt. Deswegen heißt sie Cäcilienbrücke. Damals diente sie besonders dem Handel. Wenn euch interessiert, wie die Brücke früher ausgesehen hat, dann guckt euch doch einmal alte Zeichnungen und Fotos im Internet an. Da könnt ihr eine ganze Menge erfahren.“„Boahh, dann ist die Brücke ja steinalt. Musst du die dann oft reparieren?“, hakte ich nach.„Na ja, ab und zu gibt es schon ein paar Kleinigkeiten, die aber schnell zu reparieren sind. Aber durch den zweiten Weltkrieg wurde sie so stark durch Bomben zerstört, dass zwei Brückentürme ganz neu aufgebaut werden mussten. Erst 1948, also drei Jahre nach Kriegsende, konnte sie wieder befahren werden.“

Plötzlich knisterte das Funkgerät. „Oh, Kinder, ich glaube, ihr müsst mich jetzt verlassen. Da scheint ein neues Schiff anzukommen. Ich wünsche euch noch einen schönen Tag und vielleicht habt ihr ja noch einmal Lust mich besuchen zu kommen. Ich hatte sogar schon einmal eine ganze Schulklasse bei mir. Also kein Problem, wenn ihr kommt… .“

Mia und ich bedankten uns bei Otto und gingen zurück zu unseren Fahrrädern. Von dort aus schauten wir uns noch einmal in Ruhe die nächste Schiffsdurchfahrt an. Als wir zurück zu Mia fuhren, beschlossen wir auch unserer Sachunterrichtslehrerin von unserem Erlebnis zu erzählen und sie zu fragen, ob wir einen Klassenausflug dorthin machen können, um die Cäcilienbrücke zusammen zu entdecken und Otto zu besuchen. Es gibt bestimmt noch viel mehr über die Cäcilienbrücke herauszufinden…