Vita

Michèle Minelli wurde 1968 in Zürich geboren und arbeitete zuerst als Filmschaffende, später als freie Schriftstellerin. Sie schreibt Romane, Sachbücher und probiert gerne verschiedene Textformen aus. Mit 40 absolvierte sie das Eidgenössische Diplom als Ausbildungsleiterin und unterrichtet seither regelmäßig "Kreatives Schreiben" und andere Themen in literarischen Lehrgängen.

Zum Inhalt von „Passiert es heute? Passiert es jetzt?"

Wolfgang wird von der Polizei in die geschlossene Jugendpsychatrie gebracht. In seinen Gesprächen mit dem Psychologen entsteht langsam das Bild einer Familie, die vom tyrannischen Vater völlig beherrscht wird. Wolfgang hat immer versucht, seine Mutter und seine jüngere Schwester Leonie zu schützen. Aber die Mittel, mit denen der Vater seine Familie unterdrückt, werden zunehmend drastischer, bis er sie sogar mit seiner Armeewaffe bedroht. Eines Tages hält Leonie die Waffe in der Hand - und dann passiert etwas Schreckliches. (Verlagstext: Verlag Jungbrunnen)

Beurteilung der Jury

Schnell wird in Michèle Minellis Roman klar, dass eine Familie aus den Fugen geraten ist. Der Leser steigt ein in ein Blitzlicht aus Kurzsätzen und Szenen. Das Kriseninterventionsteam kümmert sich um die kleine Schwester, die Mutter wird von der Polizei verhört, der nahezu 16-jährige Ich-Erzähler Wolfgang wird in eine Einrichtung für traumatisierte Jugendliche gebracht. Die Verwirrung kommt in Fragmenten durch. Eine Katastrophe hat sich ereignet. Später wird sich ein Bild daraus formen, wenn der jugendliche Ich-Erzähler in Gesprächen mit Psychologen immer wieder rückblendet. Im Laufe der Dialoge wird das jahrelange Martyrium offenbart. Der Vater, der in der Familie nahezu jeden seelisch gebrochen hat. Ein Tyrann. Tatsächlich finden sich im Buch noch weitere gebrochene Seelen zusammen. Unser Protagonist wird in der Einrichtung Teil einer Gruppe, in der jeder seine ganz eigene Unschärfe hat – das Trauma bleibt keine Sache des Individuums mehr – es wird zum Bindeglied zwischen den Versehrten. Die Gründe für die Störungen bleiben bei allen anderen unbekannt. Es ist eine Schicksalsgemeinschaft.
Immer wieder werden die Erzählungen des Jungen von den Ich-Wahrnehmungen einer Mitpatientin zergliedert. Sie gibt dem Leser sozusagen die Fremdsicht wieder. Erzählt wie sie ihn wahrnimmt. Dadurch entsteht eine weitere, eine zarte Zusatzebene, die ganz allmählich zur Liebesgeschichte mutiert.
Die dritte Ebene bilden Einschübe. Die Gruppe spielt das Rollenspiel „Wehrwölfe“. Immer wieder werden Szenen geschildert, die symbolisch das aufgreifen, was jeder an Familiengeheimnissen mit sich herumträgt. Zentrale Figur des Rollenspiels ist die Hexe, die töten und heilen kann. Als sich im Finale die weibliche Ich-Erzählerin auf die Suche nach einem Beweisstück macht, wird klar. Wolfgang hat den Vater erschossen, um die Familie zu retten. Die utilitaristisch motivierte Rechtssprechung verurteilt ihn deswegen nicht. Michele Minelli inszeniert sprachlich und dramaturgisch ein Drama mit großer poetischer Wucht. Die Verbindung von literarischer Form, Ethik und Psychologie sind eine sehr eigene und gekonnte Form des Coming of Age-Romans.
Christine Paxmann

Leseprobe

Eine Leseprobe von „Passiert es heute? Passiert es jetzt?“ finden Sie hier »  (PDF, 319 KB)