Vita

Sarah Jäger wurde 1979 in Paderborn geboren. Seit 20 Jahren lebt sie im Ruhrgebiet. Nach dem Abitur – und einigen Jahren in Call Centern  – absolvierte sie 2004/05 eine Ausbildung zur Theaterpädagogin. Zehn Jahre lang arbeitete sie als freiberufliche Theaterpädagogin: Mit dem Jugendtheaterprojekt „Heimat-Planeten“ war sie für den Kunstpreis im Rahmen von „Essens Beste“ nominiert. Für das TWINS-Projekt „Schluchten voller Schnee“ im Rahmen von RUHR.2010 war sie als Dramaturgin tätig sowie für das Theaterprojekt „Anne Frank Tagebuch“, das die „amarena Innovationsförderung“ erhielt. Seit August 2016 arbeitet sie als Buchhändlerin.

Zum Inhalt von „Nach vorn, nach Süden"

Auf dem Hinterhof des Penny-Marktes bekommt man seinen Namen, ob man will oder nicht. Wenn man Glück hat, wird man mit einem „unser“ geadelt, so wie unser Pavel. Oder man hat Pech. So wie Entenarsch. Sie hat ihren Namen von Jo, der seit Monaten verschwunden ist. Die Suche nach ihm entwickelt sich zu einem wilden Sommertrip durch brüllend heiße Julitage. Ohne Plan, ohne Klimaanlage, immer weiter nach Süden. (Verlagstext: Rowohlt rotfuchs)

Beurteilung der Jury

Der erste Satz des Romans setzt den Rahmen: „Der Hinterhof vom Penny-Markt ist mehr als ein Hinterhof“. In Sarah Jägers bemerkenswertem Debüt „Nach vorn nach Süden“ ist er zunächst ein ungewöhnliches Setting für einen Jugendroman, vor allem aber ist er Schutzraum und Zufluchtsstätte für eine Gruppe Jugendlicher, denen die Perspektive abhandengekommen ist. Sie jobben im Laden, danach hängen sie gemeinsam ab, grillen, chillen und quatschen über alles, was ihnen durch den Sinn streift. Marie, die gerade ihren Realschulabschluss gemacht hat; Otto und Vika, die eine kleine Tochter haben, aber kein Paar mehr sind; die Brüder Levoy und Martin; der smarte Can mit seinen lockeren Sprüchen; Pavel, der Kümmerer, der deshalb auch mit dem Attribut „unser“ belegt wird. Und dann wäre da noch das Mädchen, das alle nur „Entenarsch“ nennen, wenn sie sie denn überhaupt bemerken. Sie ist die Außenseiterin in dieser eingeschworenen Clique. Wie es ist, immer nur am Rand zu stehen, nicht gesehen zu werden, das weiß sie und Sarah Jäger schildert dies eindrücklich und nahe gehend.
Sie macht die 19-Jährige zur Erzählerin ihrer Geschichte, mehr noch: Sie rückt sie in die Mitte des Geschehens. Die Penny-Clique will Jo suchen, der einmal zu ihnen gehörte, aber seit sechs Monaten verschwunden ist, und nur sie hat Führerschein und Auto. Eine Reise beginnt, die die Hinterhof-Clique vom Ruhrgebiet in den Süden der Republik führt, über Landstraßen und auf Parkplätze, auf ein Rockfestival und in andere Penny-Hinterhöfe. Atmosphärisch dicht und sehr witzig beschreibt Sarah Jäger diese Tour durch das sommerheiße Deutschland im blauen Opel Corsa ohne Klimaanlage und mit einer Fahrerin ohne Fahrpraxis am Steuer.
Nichts Großes passiert,  dafür reihen sich Episode an Episode, Begegnung an Begegnung, Gespräch an Gespräch und fügen sich zu einem außergewöhnlichen Road-Trip mit einer leisen Liebesgeschichte zusammen. Großartig gelingt es der Autorin, die Balance zu halten zwischen Situationskomik und berührenden Momenten, zwischen flapsiger Schnoddrigkeit und poetischem Ton. Jedem ihrer Akteure gibt Sarah Jäger dabei eine eigene Stimme. Vor allem aber fasst sie das in Worte, was Jugend ausmacht: die Unbeschwertheit und Freiheit, alles zu denken und zu tun, die Last und die Zweifel, ob es auch das Richtige ist.

Birgit Müller-Bardorff

Leseprobe

Hier finden Sie eine Leseprobe von „Nach vorn, nach Süden" » (PDF, 191 KB)