Dr. Irina Scherbakowa

Die Historikerin, Publizistin und Oral-History-Expertin Irina Scherbakowa wurde 1949 als Tochter jüdisch-kommunistischer Eltern in Moskau geboren. Den Glauben an die Reformierbarkeit des Kommunismus hatten ihre Eltern seit dem Ungarn-Aufstand 1956 verloren. Bereits in früher Kindheit wurde sie durch die eigene wechselvolle Familiengeschichte, insbesondere die Erzählungen ihrer Großmutter, für die Geschichte ihres Landes sensibilisiert. Nach ihrer Schulzeit studierte Irina Scherbakowa an der Moskauer Universität Germanistik. 1972 schloss sie ihr Studium mit Staatsexamen und anschließender Promotion ab. In den folgenden Jahren arbeitete sie hauptsächlich als Übersetzerin deutscher Belletristik und als freie Journalistin. Darüber hinaus war sie als Redakteurin für die Literaturzeitschriften „Sowjetliteratur“, „Literaturnaja gaseta“ und „Nesawissimaja gaseta“ tätig.

Seit Ende der 1970er Jahre begann Irina Scherbakowa sich intensiv mit der Vergangenheit ihres Landes, insbesondere mit dem Stalinismus, der Zeit des Großen Terrors der 1930er Jahre und dem Gulag-Lagersystem zu befassen. Dazu führte sie zahlreiche Interviews mit Opfern und deren Angehörigen durch. Diese persönlichen Erzählungen der Zeitzeugen zeichnete sie auf Tonbänder auf, um sie für die zukünftigen Generationen zu bewahren. Seit den Archivöffnungen in der Zeit der Perestroika der 1990er Jahre folgten intensive Recherchen in Archivdokumenten und Verhörprotokollen. Hierdurch entstanden erste Kontakte zu der von Andrej Sacharow 1988 gegründeten Menschenrechtsorganisation „Memorial“. Bis heute ist Scherbakowa Leiterin der Bildungsprogramme von Memorial und koordiniert Oral History Projekte sowie einen alljährlichen russlandweiten Schülerwettbewerb zur Geschichte Russlands.

Ihre universitäre Laufbahn begann Scherbakowa 1992 als Dozentin an der Russischen Staatlichen Universität für humane Wissenschaften Moskau. Dort lehrte sie bis 2006 im Bereich Oral History. Fellowships am Wissenschaftskolleg zu Berlin und am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien sowie Gastprofessuren an den Universitäten in Salzburg, Bremen und Jena folgten. 2012 wurde sie Fellow am Institute for Advanced Studies FRIAS in Freiburg.

Irina Scherbakowa ist darüber hinaus Kuratoriumsmitglied der Gedenkstätte Buchenwald, der Aktion Sühnezeichen und der Gräfin Dönhoff-Stiftung. Als Autorin und Herausgeberin hat sie zahlreiche Bücher zu den Themen Stalinismus, Gulag, Gedächtnisproblematik veröffentlicht. Auf Deutsch sind unter anderem erschienen „Moskauer Küchengespräche“ (Styria, 1997, mit Susanne Scholl), „Nur ein Wunder konnte uns retten. Leben und Überleben unter Stalins Terror“ (Campus, 2000) und „Zerrissene Erinnerungen. Der Umgang mit Stalinismus und Zweitem Weltkrieg im heutigen Russland“ (Wallstein, 2010).

Zudem zeichnet Dr. Irina Scherbakowa gemeinsam mit Prof. Dr. Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, verantwortlich für die wissenschaftliche Gesamtleitung der Ausstellung „GULAG. Spuren und Zeugnisse 1929-1956“, die aktuell im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen ist.

Für ihr großes Engagement wurde Irina Scherbakowa bereits mit mehreren Auszeichnungen bedacht. Im Jahr 1994 erhielt sie den Deutschen Katholischen Journalistenpreis. 2005 wurde sie mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland geehrt. 2013 ist sie mit der Medaille der Menschenrechtsbeauftragten der Russischen Föderation ausgezeichnet worden.
(Stand April 2014)

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