Zur Geschichte des Carl-von-Ossietzky-Preises der Stadt Oldenburg für Zeitgeschichte und Politik

Carl von Ossietzky hat die schlimmsten Jahre seines Lebens ganz in der Nähe von Oldenburg im Konzentrationslager Esterwegen verbringen müssen. Am 4. Mai 1938 starb der Friedensnobelpreisträger im Berliner Nordend-Krankenhaus an den Folgen der dort erlittenen schweren Misshandlungen.

Das Lager Esterwegen wurde nach Kriegsende zunächst als britisches Internierungs- und Straflager, dann als Durchgangslager für Flüchtlinge aus der sowjetischen Besatzungszone und ab 1963 von der Bundeswehr als Depot genutzt. Die Gebäude wurden in den 50er Jahren abgetragen. Bereits in den 60er Jahren wurde im Emsland über den Umgang mit der Vergangenheit des Lagers gerungen. Heute ist das ehemalige Konzentrationslager eine Gedenkstätte, das an die 15 Emslandlager und die dort inhaftierten Häftlinge erinnert.

Mit der Gründung der Universität Oldenburg Anfang der 1970er Jahre, die sich nach Carl von Ossietzky benennen wollte, entbrannte ein Streit über die Namensgebung, der Jahrzehnte währte. Eine SPD- und eine CDU-geführte Landesregierung verweigerten der Universität Oldenburg den Namen des Friedensnobelpreisträgers. Im Jahr 1975 musste der von Studenten angebrachte Namenszug am Allgemeinen Verfügungszentrum unter Polizeieinsatz wieder entfernt werden. Ossietzkys Name wurde zum politischen Reizwort, ideologische Gräben wurden gerissen, Unverständnis aufgetürmt – eine Auseinandersetzung mit dem Werk Carl von Ossietzkys und seiner Wirkungsgeschichte wurde jedoch kaum geführt.

1978 fanden anlässlich des 40. Todestages Carl von Ossietzkys die ersten Ossietzky-Tage an der Universität Oldenburg statt. Der Streit um den Namenswunsch der Universität Oldenburg hatte inzwischen nationales und internationales Interesse gefunden. Am Rande der ersten Ossietzky-Tage versuchten Vertreter von Rat und Verwaltung der Stadt Oldenburg, auswärtigen Journalisten den Namensstreit wenigstens verständlich zu machen. Dies gelang nicht, konnte wohl auch nicht gelingen und war auch primär kein kommunalpolitisches Thema. Dennoch hatte dieses Gespräch Folgen. Am 19. Februar 1979 beschloss der Rat der Stadt Oldenburg, den „Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik“ auszuloben „für die beste Arbeit, die sich mit dem geistigen Standort und der Wirkungsgeschichte der Werke Ossietzkys auseinandersetzt“. Die Stadt Oldenburg wollte mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis die inhaltliche Auseinandersetzung fördern und über Oldenburg hinaustragen, aber nicht in den Namensstreit zwischen Universität und Landesregierung eingreifen.

Der Preis wurde erstmals zum 4. Mai 1981 ausgeschrieben und erlebte in den folgenden Jahrzehnten eine stetige Weiterentwicklung. Inzwischen genießt er ein hohes internationales Renommee. Nach der ersten Ausschreibung beschloss die unabhängige Jury, den Preis nicht zu vergeben, da die wenigen Einsendungen den Anforderungen des Preises nicht genügten. Gleichzeitig empfahl die Jury der Stadt Oldenburg, das Preisthema zu erweitern. Der Rat der Stadt folgte der Empfehlung und lobte den Carl-von-Ossietzky-Preis erneut zum 4. Mai 1984 aus „für die beste Arbeit, die sich auseinandersetzt mit Leben und Werk Carl von Ossietzkys oder mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus“. Auch bei dieser Preisvergabe zeigte sich, dass das Preisthema im Sinne Ossietzkys hätte noch weiter gefasst sein können. Der Kulturausschuss des Rates beschloss daher am 5. Juni 1985, künftig den Preis auszuloben für Arbeiten, die „sich auseinandersetzen mit Leben und Werk Carl von Ossietzkys oder mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus oder mit der demokratischen Tradition und Gegenwart in Deutschland“.

Weitere Formulierungen der Auslobungsbedingungen wurden im Vorfeld der Preisvergabe von 1992 geändert. Besonders hervorzuheben ist, dass alle Mitglieder der Jury, wie auch alle bisherigen Träger des Carl-von-Ossietzky-Preises, ein eigenes zusätzliches Vorschlagsrecht neben den bisher Berechtigten erhielten. Dadurch sollten möglichst alle einschlägigen Arbeiten zu den drei Preisthemen erfasst werden, was durch eine öffentliche Ausschreibung allein wohl kaum gelingen konnte.

Im Juni 1994 stimmte der Kulturausschuss dem gemeinsamen Vorschlag der Jury und der Verwaltung zu, auch alle Werke mit einzubeziehen, die sich im Sinne Ossietzkys mit Themen der Politik und Zeitgeschichte befassen. Ebenso wurden das entsprechende Gesamtwerk eines Autors oder einer Autorin sowie eine herausragende verlegerische Leistung in die Ausschreibungsbedingungen aufgenommen.

Seit dem Jahr 2000 findet die Vergabe des Carl-von-Ossietzky-Preises unter neuen Vorzeichen statt. Nach intensiver Diskussion hat der Kulturausschuss der Stadt Oldenburg beschlossen, den Carl-von-Ossietzky-Preis in einen reinen Vergabepreis umzuwidmen, um unter anderem auch nichttextgebundene Lebenswerke besser würdigen zu können. Damit verfügt die Stadt nun über ein geschärftes kulturpolitisches Instrument, um das Erinnern an Leben und Werk Carl von Ossietzkys wachzuhalten und die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Fragestellungen im Sinne Ossietzkys voranzutreiben. Sie will damit nicht nur ein Zeichen setzen, sondern dies auch als Auftrag für aktuelles Handeln sehen.

Carl von Ossietzky ist inzwischen in der Stadt Oldenburg in mehrfacher Hinsicht präsent. Unmittelbar vor der Preisverleihung am 4. Mai 1996 wurde die erste in Deutschland öffentlich aufgestellte Büste Carl von Ossietzkys am Theaterwall enthüllt. Die „GSG Oldenburg Bau- und Wohngesellschaft mbH“ übergab anlässlich ihres 75-jährigen Geschäftsjubiläums durch den damaligen Geschäftsführer und Oberbürgermeister Dieter Holzapfel die Bronze-Büste des Bildhauers Manfred Sihle-Wissel der Öffentlichkeit. Rosalinda von Ossietzky-Palm, die Tochter Carl von Ossietzkys, nahm an der Enthüllung teil.

Die Universität Oldenburg hat lange mit dem Land Niedersachsen darum gekämpft, sich nach Carl von Ossietzky nennen zu können. Seit Oktober 1991 darf sie den Namen des Friedensnobelpreisträgers tragen. Der Festakt zur Namensgebung mit dem damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder fand in Anwesenheit von Rosalinda von Ossietzky-Palm statt, die bereits 1981 der Universität den Nachlass ihres Vaters als Grundstock des Ossietzky-Archivs überlassen hatte. 1994 erschien bei Rowohlt die achtbändige kommentierte Carl von Ossietzky-Gesamtausgabe, deren Oldenburger Herausgeber 1996 mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis der Stadt gewürdigt wurden. Die Stadt hat eine Straße nach dem Friedensnobelpreisträger benannt und stiftet alle zwei Jahre ihren Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik, um an den Friedensnobelpreisträger zu erinnern und mutiges, beharrliches und leidenschaftliches Engagement für Frieden, Humanität und Menschenrechte im Geiste des Namenspatrons zu ehren.

(Aktualisierte, überarbeitete auszugsweise Zusammenstellung aus den von Dr. Ekkehard Seeber verfassten Vorworten der Dokumentationen zur Verleihung des Carl-von-Ossietzky-Preises 1986, 1990, 1996 und 1998; die Dokumentationen sind im Heinz Holzberg Verlag beziehungsweise im Isensee Verlag in Oldenburg erschienen.)