Carl-von-Ossietzky-Preis 2018 geht an Prof. Dr. Deborah Lipstadt

Zur Person Prof. Dr. Deborah Lipstadt
Deborah Esther Lipstadt wurde am 18. März 1947 als Tochter einer jüdischen Einwandererfamilie geboren. Ihre Mutter stammt aus Kanada, der Vater wanderte bereits in den 20er Jahren in die USA ein. Gemeinsam mit zwei Geschwistern wuchs sie in New York auf und besuchte dort das Hebrew Institute of Long Island, eine moderne orthodoxe jüdische Schule. Ende der 60er Jahre ging sie nach Israel und studierte an der Hebrew University of Jerusalem Literatur und Geschichte. Ihr Studium beendete sie 1969 am City College in New York und schrieb sich danach an der Brandeis University in Massachusetts ein, wo sie 1976 mit ihrer Arbeit „The Zionist Career of Louis Lipsky 1900 – 1921“ promoviert wurde. Zudem lehrte sie Geschichte und Religion an der Universität in Washington. Bis 1985 unterrichtete sie an der University of California, Los Angeles (UCLA), um anschließend das Brandeis-Bardin Institute zu leiten.

Ende der 80er Jahre erhielt sie ein Forschungsstipendium des Vidal Sassoon International Center for Study of Antisemitism an der Hebrew University in Jerusalem und forschte dort über Holocaustleugnung. Darüber hinaus lehrte sie am Occidental College in Los Angeles. 1993 ging Lipstadt nach Atlanta an die Emory University. Im gleichen Jahr erschien ihr Buch „Denying the Holocaust“, eine wissenschaftliche Aufarbeitung der von Holocaustleugnern verbreiteten Lügen und Halbwahrheiten. Lipstadt wird Professorin an der Emory University sowie Dorot Professorin für Moderne Jüdische Geschichte und Holocaust-Studien und leitete von 1998 bis 2008 als Direktorin das von ihr aufgebaute Institut für Jüdische Studien. Dabei zeichnet sie auch verantwortlich für die inzwischen in mehrere Sprachen übersetzte Webseite HDOT [www.hdot.org], auf der die Niederschrift zum Prozess „David Irving gegen Penguin Books, UK und Deborah Lipstadt“ archiviert ist. Auf HDOT sind außerdem gesammelte Materialien zur Holocaustleugnung sowie Materialien zur Widerlegung der Hauptargumente der Holocaustleugner zu finden. Nach einer kürzlich erfolgten technischen Umgestaltung wird die Webseite jetzt ins Arabische, Farsi, Spanische, Französische und weitere Sprachen übersetzt.

2006 wurde sie in die American Academy of Jewish Research gewählt. Im gleichen Jahr erhielt sie eine Gastprofessur an der Gregorian Pontifical University of Rome. Es folgten weitere Gastaufenthalte an namhaften Universitäten in- und außerhalb der USA. Noch heute lehrt Lipstadt an der Emory University in Atlanta.

Sonstige Tätigkeiten
Lipstadt ist als Historikerin in verschiedene Beiräte und Gremien berufen worden. Von 1996 bis 1999 war sie Mitglied des United States Department Advisory Committee on Religious Freedom Abroad und gehörte zu einer Beratergruppe der damaligen Außenministerin Madeline Albright in religiösen Angelegenheiten. Präsident Clinton berief sie in das United States Holocaust Memorial Museum Council. Dort war sie auch als Mitglied des Executive Committee tätig und leitete das Educational und Academic Committee des Museums. 2005 gehörte sie auf Wunsch von Präsident George W. Bush einer Delegation des Weißen Hauses anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 60 Jahren an. 2011 hielt sie zum 50. Jahrestag des Eichmann-Prozesses eine Rede im State Department. Ebenfalls im Jahr 2011 wurde sie von Präsident Obama in das United States Holocaust Memorial Museum berufen, in dem sie das Committee for Monitoring Antisemitism and State Sponsored Holocaust Denial leitete.


Der Prozess
International bekannt geworden ist Lipstadt aufgrund eines gewonnenen Prozesses, den der prominente Holocaustleugner David Irving gegen sie angestrengt hatte. Nachdem sie in ihrem Buch „Denying the Holocaust: The Growing Assault on Truth and Memory“ über die Holocaustleugnung durch Irving berichtet hatte, wurden sie und ihr britischer Verlag im Jahr 1996 von Irving wegen Beleidigung und übler Nachrede verklagt. Gemäß britischem Recht oblag Lipstadt die Beweislast. Der spektakuläre, viel beachtete zehnwöchige Prozess hat Holocaustleugnung als Lügenkonstrukt aufgedeckt. Nach mehrjähriger Prozessdauer wies das Londoner Gericht im Jahr 2000 Irvings Klage ab und gab Lipstadt und ihrem Verlag recht. Der Richter stellte fest, dass Irving ein „Verteidiger und Parteigänger Hitlers sei, der auf Verfälschung von Beweismitteln, auf Manipulation und verzerrte Darstellung von Dokumenten und auf eine falsche Auslegung von Daten zurückgreift und im Hinblick auf Beweismittel mit zweierlei Maß misst, um damit sein Ziel zu erreichen, nämlich Hitler von aller Schuld freizusprechen und ihn als mitfühlend gegenüber den Juden darzustellen“. Er bezeichnete ihn des Weiteren als „einen der gefährlichsten Vertreter der Holocaustleugner“, der „sich mit Vertretern einer Vielzahl von extremistischen und antisemitischen Gruppen zusammengetan hat“ und „sich als Historiker diskreditiert hat“ (*). Einem Einspruch gegen das Urteil wurde weder 2001 noch 2002 stattgegeben. Lipstadt hat darauf verzichtet, die ihr entstandenen Prozesskosten von Irving einzufordern, obwohl ihr dies nach britischem Recht zugestanden hätte. Trotz einer Vielzahl von anstrengenden Gerichtsverfahren lehnt Lipstadt Gesetze gegen die Leugnung des Holocaust ab, weil sie davon überzeugt ist, dass dem Bestreiten der Verbrechen nur über die Auseinandersetzung mit historischer Wahrheit und nicht mit der Einschränkung der Redefreiheit beizukommen sei. Auch lässt sie Politiker nur ungern die Diskussionen über historische Ereignisse steuern. Sie erklärte dies in einem Kommentar bei einer Gesprächsrunde in der Oxford Union (Januar 2016).

2016 führt der Prozess Irving gegen Penguin UK und Deborah Lipstadt zu der amerikanisch-britischen Kinoproduktion „Verleugnung“ mit Rachel Weisz als Deborah Lipstadt und Timothy Spall in der Rolle von David Irving unter der Regie von Mick Jackson. Seit April 2017 ist der Film auch in deutschen Kinos zu sehen.


(*) Mr. Justice Gray, „“Trial Judgement,“ David Irving v. Penguin Books UK and Deborah Lipstadt, part 2.15, www.hdot.org/judge/ and Lord Justice Pill, “Appeal: Conclusion on Meaning,” David Irving v. Penguin Book UK and Deborah Lipstadt, www.hdot.org/apjudge/


Medientätigkeiten
Deborah Lipstadt ist in den amerikanischen Medien vielfach präsent. Sie ist regelmäßig Gast in verschiedenen Fernsehformaten, schreibt unter anderem für die Washington Post und die New York Times und ist auf Facebook aktiv. Lipstadt analysiert dabei gezielte Vermengung von Tatsachen, Meinungen und Lügen, um antisemitische, rassistische, sexistische und rechtspopulistische Haltungen und Strategien transparent zu machen. Darüber hinaus bezieht sie auch Stellung zur weltpolitischen Lage und zur aktuellen amerikanischen Innen- und Außenpolitik. Mit Hinweis auf die zunehmende „Softcore“-Leugnung – die Trivialisierung der Vernichtung – auch in höchsten Regierungskreisen, warnt sie vor den zugrundeliegenden subtilen Taktiken und Mechanismen. Dies zeige sich zum Beispiel auch am Nichterwähnen der Vernichtung der Juden anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar 2017 in einer Erklärung des Weißen Hauses, so Lipstadt. Sie schrieb darüber in der Zeitschrift „The Atlantic“. Ihr TED-Vortrag über die Strategien der Holocaustleugner und ihr heutiges Verhältnis zu den „Fake News“ haben fast 1,1 Millionen Menschen verfolgt.


Auszeichnungen
Lipstadt ist für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet worden. 2018 wurde sie in Amsterdam mit der Annetje Fels-Kupferschmidt-Auszeichnung geehrt und hielt den mit dem Preis verbundenen „Nie-wieder-Auschwitz-Vortrag“ („Nooit Meer Auschwitz′ Lezing“). 2009 wurde ihr für ihre Studien zum Antisemitismus im United States Holocaust Memorial Museum der Judith B. and Burton P. Resnick Fellowship verliehen. 2005 erhielt sie für ihr Buch „History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier” den National Jewish Book Award und gehörte zu den Finalisten des Koret International Jewish Book Award. Auch für ihre Lehrtätigkeiten hat sie bereits mehrere Preise erhalten.

Lipstadt ist Ehrendoktorin der Ohio Wesleyan University, des John Jay College of Criminal Justice, der Yeshiva University, der University of Haifa, des Jewish Theological Seminary und des Hebrew Union College.

 

Bibliografie (Auswahl):
The Zionist Career of Louis Lipsky. 1900-1921, New York, 1982 (Dissertationsschrift 1976)
Beyond Belief: The American Press and the Coming of the Holocaust 1933-1945, Free Press/ MacMillan, New York, 1986
Denying the Holocaust, The Growing Assault on Truth and Memory, Free Press / Macmillan, New York, 1993
History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, New York, 2005
The Eichmann Trial, Schocken/Nextbook Series, New York, 2011

auf Deutsch erschienen:
Deborah E. Lipstadt: Betrifft: Leugnen des Holocaust, Rio Verlag, Zürich, 1994
Deborah E. Lipstadt: Leugnen des Holocaust: Rechtsextremismus mit Methode, Rowohlt, Reinbek/Hamburg 1996

Über den Prozess:
Richard J. Evans: Der Geschichtsfälscher, Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozess, Campus-Verlag, Frankfurt/Main ; New York, 2001.
Richard J. Evans: Telling lies about Hitler, the Holocaust, history and the David Irving trial, Verso, New York, London, 2002
Peter Longerich: Auschwitz-Leugnen. Das Verfahren gegen Lipstadt vor dem Londoner High Court. In: Klaus-Dietmar Henke (Hg): Auschwitz. Sechs Essays zu Geschehen und Vergegenwärtigung. Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden, Berichte und Studien 32, Drersden 2001
Robert van den Pelt: The case for Auschwitz, evidence from the Irving trial, University Press, Bloomington, Indiapolis, Indiana, 2002
Don D. Guttenplan: Der Holocaust-Prozess, die Hintergründe der "Auschwitz-Lüge". Aus dem Engl. von Thomas Bertram, Goldmann, München, 2001
Eva Menasse: Der Holocaust vor Gericht, der Prozess um David Irving, Siedler, Berlin, 2000

Neuerscheinung:
Deborah Lipstadt: Der neue Antisemitismus, aus dem Englischen von Werner Roller, Berlin Verlag, ISBN 9783827013408, Erscheinungstermin November 2018
Originaltitel: Antisemitism: Here and Now, Schocken New York, Herbst 2018