Jury 2022

Langfassung der Jury Begründung: Einsatz für die unantastbare Würde des Menschen

Verleihung des Carl-von-Ossietzky-Preises für Zeitgeschichte und Politik der Stadt Oldenburg an Igor Levit, 2022

Der Pianist Igor Levit macht die Unantastbarkeit der Würde des Menschen zu seinem politischen Leitmotiv in einer Zeit, in der sich die Parameter des Denk-, Sag- und Machbaren verschieben und Begriffe wie Freiheit und Widerstand zur Legitimation von Demokratiefeindlichkeit und Menschenverachtung missbraucht werden. Die Verletzlichkeit des Menschen, und die emphatische Verantwortung der Menschen füreinander und für die Welt bilden den Mittelpunkt seines politischen und gesellschaftlichen Denkens und Handelns. Mit dieser Grundhaltung und einer Selbstverpflichtung zur politischen Wachheit wendet sich Levit konsequent gegen Rassismus, Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit und setzt sich für Demokratie und Klimaschutz ein.
Levit geht zu den Menschen, mit seiner Musik, und mit seiner politischen Botschaft. Musikalisches und gesellschaftspolitisches Engagement greifen für ihn untrennbar ineinander. So gehören zu seinem ungewöhnlichen Repertoire „A Mensch“, und „The People United Will Never Be Defeated“, beides Kompositionen des amerikanischen Avantgarde-Pianisten Frederic Rzewski. Levit tritt in den bedeutendsten Konzerthäusern der Welt auf, und er spielt vor dem Potsdamer Landtag unter dem Motto „Flügel statt Flügel“ als Zeichen gegen rechts. Sein Konzert in Brüssel im November 2016 eröffnet er unter dem Eindruck der Wahl Donald Trumps und der menschlichen Tragödien von Geflüchteten mit einem politischen Plädoyer an die Europäische Union, die Menschenrechte nicht zu verraten.Gegenwärtig setzt er ein Zeichen mit Konzerten und Spendenaufrufen für die Menschen in der Ukraine.

Mit seinem politischen Engagement erreicht und berührt Levit als international gefeierter Pianist und Aktivist Menschen aller Altersgruppen. Wie der Namensgeber des Carl-von-Ossietzky-Preises spürt und beobachtet Levit die gesellschaftlichen Verwerfungen seiner Zeit, ermutigt dazu, Initiative zu ergreifen, und unterstützt Bewegungen, die eine humane, demokratische und sozial gerechtere Gesellschaft und einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt fordern. Deshalb zeichnen wir Igor Levit mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis 2022 der Stadt Oldenburg aus.

Oldenburger Historikerin Prof. Dr. Dagmar Freist neu in der Jury

Jury tagt zur Vergabe des 20. Carl-von-Ossietzky-Preises

Die Jury zur neuerlichen Vergabe des Carl-von-Ossietzky-Preises für Zeitgeschichte und Politik hat am 18. Januar 2022 online getagt, um über die Preisträgerin oder den Preisträger zu entscheiden. Das Votum wird in den kommenden Wochen bekannt gegeben. Der Preis der Stadt Oldenburg wird  im Jahr 2022 zum 20. Mal verliehen. Erstmalig an der Entscheidungsfindung beteiligt war die Oldenburger Historikerin Prof. Dr. Dagmar Freist als neues Mitglied.

Über Dagmar Freist

Dagmar Freist hat an den Universitäten in Freiburg, Heidelberg und in England in Cambridge Anglistik, Theologie und Geschichte studiert und wurde 1992 in Cambridge promoviert. Von 1995 bis 1998 war sie als Research Fellow am Historischen Institut London tätig. Danach wechselte sie als wissenschaftliche Assistentin an die Universität Osnabrück, wo sie sich 2003 im Bereich Neuere und Neueste Geschichte habilitierte. Seit 2004 ist sie Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg.

Die Forschungsschwerpunkte von Dagmar Freist sind unter anderem globale Mikrogeschichte, Diasporas, Praktiken religiöser Koexistenz, Staatsbildung und Herrschaftslegitimation sowie die Entstehung von Öffentlichkeit. Seit 2018 leitet sie das Projekt „Prize Papers“ in Trägerschaft der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

Freist ist Mitglied verschiedener Arbeitskreise, Beiräte, Kommissionen und Verbände. So wurde sie unter anderem 2019 Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats des Deutschen Historischen Instituts (DHI) in London. Sie ist Autorin einer Vielzahl von Aufsätzen und Buchveröffentlichungen und war zuletzt Mitherausgeberin einer Publikation zum Thema „Transkulturelle Mehrfachzugehörigkeiten als kulturhistorisches Phänomen“. Weitere biografische Informationen »

Die Mitglieder der Jury

Zur Jury des Carl-von-Ossietzky-Preises gehören außerdem an der Journalist Friedrich-Wilhelm Kramer (Hamburg) », früherer Direktor des NDR-Landesfunkhauses Schleswig-Holstein, Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter für Medien und Politik in Riga und Hamburg, der Journalist und ehemalige Tagesthemen-Moderator Thomas Roth (Berlin) » sowie der Historiker Professor Dr. Martin Sabrow (Potsdam) », Senior Fellow am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung, das er zuvor 17 Jahre als Direktor geleitet hat.

Die Auszeichnung

Der Carl-von-Ossietzky-Preis der Stadt Oldenburg wird seit 1984 alle zwei Jahre jeweils am oder im zeitlichen Zusammenhang mit dem Todestag Carl von Ossietzkys am 4. Mai vergeben. Ausgezeichnet werden Personen, einzelne Arbeiten oder Gesamtwerke, die sich mit Leben und Werk Ossietzkys oder die sich mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus auseinandersetzen. Der Preis kann auch für Arbeiten oder Personen zuerkannt werden, die sich im Geiste Carl von Ossietzkys mit der demokratischen Tradition und Gegenwart in Deutschland oder mit Themen der Politik und Zeitgeschichte befassen. Der Preis 2020 wurde der Philosophin und Publizistin Dr. Carolin Emcke zuerkannt.