Höher fliegende Tauben

“Schau mal, da, eine Taube”, hörte ich neulich in der Mittagspause ein Kind mit regelrechter Begeisterung rufen. Kein Wunder, dass die oder der Angesprochene nicht mit der gleichen Freude reagieren konnte, hocken doch die Tauben in Oldenburg, wie in jeder anderen Innenstadt, quasi Schulter an Schulter in der Fußgängerzone. Obwohl die Begleitung des Kindes dessen Euphorie nicht teilen konnte, ließ es nicht locker: „Schau, eine Taube, da oben auf dem Dach. Und wie hoch die fliegen kann!“ Wenn ich eine Taube im Stadtzentrum sehe, eine, die kurz davor ist, in ein Ladengeschäft mit Lebensmitteln zu trippeln, denke ich maximal: Bazillen. Krankheit. Ansteckung. Meine Sicht aufs Turteltier teile ich vermutlich mit sehr vielen Städtern. Seltsam, dass ich mich nicht erinnern kann, ob mein kindlicher Blick auf die Taube ein anderer war. Vielleicht war dieser junge Vogelfreund – ich hatte ihn nicht gesehen – noch in dem Alter, Märchen vorgelesen zu bekommen? In denen ist die Taube, wenn mich nicht alles täuscht, recht gut beleumundet. Dem Aschenputtel helfen Tauben dabei, die guten von den schlechten Linsen zu trennen. Ruckzuck ist so die Arbeit in einer knappen Stunde erledigt, die die Stiefmutter ihm aufs Auge gedrückt hatte, um es von der Party des Prinzen fernzuhalten. Zwei Täubchen sind es auch, die den Trick der Stiefschwestern vor dem Königssohn entlarven. Rucke di guh, rucke di guh, Blut ist im Schuh. Und als alles Fersen und Zehen abschlagen nichts hilft und er tatsächlich das Aschenputtel heiratet, hacken die beiden Tauben den bösen Schwestern bei der Hochzeitsfeier die Augen aus. Das bestätigt nun wieder eher meinen Blick auf die Taube im Allgemeinen, aber so ist das mit der ausgleichenden Gerechtigkeit im Märchen.

Den kindlichen Blick auf die Taube bin ich los. Doch ich erinnere mich an eine Buchhandlung Taube. Die gab es in der Provinz, in der ich aufgewachsen bin. Vielleicht habe ich ja als kleines Mädchen vor deren Schaufenster gestanden und meiner Mutter zugerufen: „Schau mal, da, ein Buch!“ Sie wird ähnlich irritiert gewesen sein, wie mein unsichtbarer Mensch in der Mittagspause. Ja, welches denn? Zweimal im Jahr verhalten sich die Literaturverlage dennoch ungefähr so, wie ich in dieser erinnerten Fiktion. Seite für Seite, Ankündigung für Ankündigung ruft es aus ihren Vorschauen: „Schaut her, ein Buch!“ Und ich verstehe jetzt doch die Begeisterung des Oldenburger Innenstadtkindes für die eine Taube unter allen anderen. Auch ich muss nämlich Programm für Programm die Bücher aufspüren, die herausragen, die höher fliegen können, die auf dem Dach landen.

Ed