Konstellationen: Wasser als Politikum

John von Düffel wurde 1966 in Göttingen geboren. Er arbeitet als Dramaturg am Deutschen Theater Berlin und ist Professor für Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. 1995/96 war er als Dramaturg am Oldenburgischen Staatstheater tätig. Seit 1998 veröffentlicht er Romane und Erzählungsbände, unter anderem „Vom Wasser“ (1998), „Houwelandt“ (2004), „Wassererzählungen“ (2014) und zuletzt „Das Klassenbuch“ (2017). Seine Bücher wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem aspekte-Literaturpreis und dem Nicolas-Born-Preis.

In seinem aktuellen Roman „Der brennende See“ kehrt Hannah, die Tochter eines Schriftstellers, nach dem Tod ihres Vaters in die Stadt ihrer Kindheit zurück. An seinem Erbe ist sie wenig interessiert, doch als sie erste Schritte unternimmt, die Wohnung des Verstorbenen aufzulösen, findet sie das Foto einer jungen Frau. Die junge Unbekannte ist Julia, die Tochter ihrer Schulfreundin Vivien. Mit ihrer Familie lebt sie am Ufer des Sees, in dem Hannahs Vater täglich schwamm. Julia ist die Initiatorin der „Ende-der-Geduld“-Bewegung, die aus den Fridays-for-Future-Demonstrationen hervorgegangen ist und eine Radikalisierung des Protests gegen die herrschende Klima-Politik propagiert. Aber sie kämpft nicht nur aus politischer Überzeugung für den Erhalt des Sees, sondern behauptet zudem, die eigentliche Tochter des Schriftstellers zu sein, seine geistige Erbin. John von Düffel nähert sich in seinem Roman dem Wasser als knappe Ressource, als Lebensbedingung und Klimakomponente und nicht zuletzt als Frage des Zusammenlebens der Generationen.

© Katja von Düffel

Am 15. April hätte John von Düffel im Oldenburger Wilhelm13 aus seinem neuen Roman lesen und mit Michael Sommer sprechen sollen, der eine Professur für Alte Geschichte innehat und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentags ist. Wegen der Corona-Krise musste die Veranstaltung abgesagt werden. Der Austausch fand stattdessen in schriftlicher Form statt:

Hannah und Julia, zwei Frauen verschiedener Generationen, sind die Heldinnen des Buches. Sie könnten auch sonst unterschiedlicher kaum sein. Julia engagiert sich leidenschaftlich für eine Sache, die sie für eine gute hält; überhaupt tut sie alles mit Überzeugung und einer fast schon unheimlichen Konsequenz. Bei Hannah wird man das Gefühl nicht los, sie interessiere sich eigentlich für gar nichts, jedenfalls am Anfang des Romans: nicht für ihren Vater, der ihr und dem sie fremd geworden ist; nicht für ihren Beruf, der eigentlich in ihren Gedanken keine Rolle spielt; nicht für die Stadt ihrer Kindheit und die alten Schulfreunde. Sie wirkt wie eine am Leben Resignierte ...

Resigniert vielleicht noch nicht, aber desorientiert in jedem Fall. Hannah steckt in einem schwarzen Loch der Trauer, womit sie so nicht gerechnet hätte. Der Tod ihres Vaters, zu dem sie ein nicht nur räumlich distanziertes Verhältnis hatte, war weder überraschend noch medizinisch qualvoll oder grausam. Dennoch trifft sie der Verlust. Und damit beginnt ihre Suche oder auch Orientierungslosigkeit: Sie weiß nicht, warum sie das so mitnimmt und aus der Bahn wirft. Irgendetwas fehlt auf einmal und macht sie so benommen wie ein Schlag auf den Kopf.

Warum so eine desorientierte Protagonistin?

Das hat zunächst mal mit dem Wagnis zu tun, sich literarisch, in Romanform, mit dem Klimawandel auseinanderzusetzen – einem Thema, das mit Vorurteilen und Gesinnungen geradezu vermintes Diskursgelände darstellt. Man kann kaum einen Satz dazu sagen, ohne politisch sofort in irgendein Lager gesteckt und abgetan zu werden. Insofern war es mir wichtig, eine suchende Heldin zu haben, die keine feste, vorgefertigte Position einnimmt und nicht belehrend oder besserwisserisch daherkommt. Hannahs ist eine verwaiste Figur, deren Lebensthema weder mit Klima noch mit Politik viel zu tun hat. Und trotzdem wird sie in diese Fragen hineingezogen.

Man wüsste am Ende gerne, wie es mit Hannah weitergeht. Setzt die Begegnung mit Julia, die sie trotz alledem als ihr Alter ego wahrnimmt, eine Entwicklung ihres Charakters in Gang?

Wie es weitergeht, ist nicht nur für Hannah, sondern für die gesamte Klima-Diskussion eine spannende und völlig offene Frage. Da wage ich im Moment keine Prognose. Doch schon im Verlauf des Romans gibt es – auf der Figurenebene – eine Entwicklung, einen Weg, den Hannah mehr entlang taumelt als geht. Sie bekommt, all ihren Fehlern und blinden Flecken zum Trotz, einiges von den kommunalen Machenschaften mit. Auch die Begegnung mit Julia politisiert sie: nicht in Form einer Eins-zu-Eins-Übertragung, doch sie wird sich ihres politischen Erbes bewusst. Schließlich gehört es zur Wahrheit der ganzen Geschichte, dass die Anliegen der FFF-Generation schon seit Mitte der Achtziger Jahre, z. B. durch den Club of Rome, aufgebracht wurden. Ernsthafte Konsequenzen Fehlanzeige.

Was bewirkt die Wiederentdeckung der jüngeren Hannah in sich selbst in der Protagonistin?

Interessant ist aus meiner Sicht, wie sehr die Zuschreibungen „jung“, „alt“ oder „mittlere Generation“ beim Thema Klima durcheinandergeraten. Die Entschiedenheit der 16jährigen Julia haben Sie ja schon sehr treffend beschrieben, man könnte auch von „erwachsen“ sprechen. Die Ziellosigkeit von Hannah (um die Vierzig) wirkt dagegen fast „pubertär“. Das ist eine Beobachtung, die ich auch nach dem Erscheinen des Buches in Gesprächen mit vielen Klimaaktivisten und kontroversen Lesungsgesprächen gemacht habe. Die Schülerinnen und Schüler wirken oft viel ernster und argumentieren mitunter „erwachsener“ oder auch wissenschaftlicher als so mancher kalendarisch Erwachsener. Letztendlich geht es dabei um die Wiederentdeckung einer Verantwortung, die die bloße Mehrung von Wohlstand übersteigt.

Hannahs Vater ist ein Schwimmer, ebenso Hannah. Matthias ist fast schon trotziger Nichtschwimmer, lernt aber am Ende des Romans schwimmen. Man hat den Eindruck, Matthias ist jemand, der das Gute will, aber nicht recht weiß, wie er es anstellen soll. Erschließt das Schwimmen den Menschen tiefere Einsichten?

Was das Schwimmen betrifft, bin ich offen parteiisch. Ich halte mich aber mit dem Lob dieser Fortbewegungsart, die meines Erachtens dem Gehen auf zwei Beinen weit überlegen ist, halbwegs zurück. Nur so viel sei gesagt: Das Schwimmen im Roman (wie auch in Wirklichkeit) setzt den Menschen in ein anderes Verhältnis zur Natur, zum Element Wasser insbesondere, aber auch zu den Grenzen seiner eigenen Kräfte und Möglichkeiten. Die menschliche Hybris lässt sich an Land und im virtuellen Raum reichlich hochschrauben, im Wasser löst sie sich schnell auf. Auch Hannah erfährt ihre Nacktheit und Hilflosigkeit im See und wird zugleich vom Wasser getragen. Das macht bescheiden und dankbar. Habe ich das Schwimmen jetzt schon zu viel gelobt?

Bedarf es der Symbiose mit dem See, um zu begreifen, was man zu seiner Rettung tun muss?

Na, dann lobe ich das Schwimmen noch etwas mehr: Es ist die Art und Weise, dem Wasser am nächsten zu sein, die Erfahrung einer Naturnähe, die symbiotisch sein kann, wie Sie sagen. Einen Rettungsansatz gegen die fortschreitende Naturzerstörung kann man daraus schwerlich ableiten, wohl aber eine tiefe Empathie – und die ist vielleicht die beste Voraussetzung für eine Rettung.

Man kommt um die politische Botschaft des Buches nicht recht herum. Wälder in Deutschlands Norden brennen, die Betreiberfirma einer Kiesgrube versenkt ihren Schrott im See und macht sich einen schlanken Fuß: Der Roman trägt unverkennbar dystopische Züge. Aber man weiß nicht so recht: Geht es ums große Ganze? Oder doch nur um einen See? Oder um das Innenleben der Protagonisten? Oder ist alles zusammen miteinander verflochten?

Ich weiß nicht, ob es sich wirklich um eine politische Botschaft handelt oder eher um eine Beschreibung politischer Verhältnisse. Eine Botschaft hieße ja, dass man die Konsequenzen, die sich aus der Beschreibung ziehen lassen, schon vorwegnimmt. Das wäre nicht meine Absicht. Und wie dystopisch das Buch ist, das liegt hoffentlich im Auge des Betrachters ... Aber Sie haben völlig Recht. Die große, offene Frage ist: Wie sollen wir uns zu dem verhalten, was wir an Klimaveränderungen, an Dürre, Bränden und Grundwasserschwund beobachten? Diese Frage reicht in unser emotionales Befinden hinein, weil es ganz konkret um unsere Lebensweise geht, darum, wie lebe ich richtig? Und wenn ich diese Lebensweise für falsch halte, was soll ich tun? Um es mit einem Satz des Romans zu sagen: „Sollte man erst versuchen, den See vor der eigenen Haustür zu retten, bevor man die Welt rettet? Oder ist es nicht möglich, den See zu retten, es sei denn, man rettet die Welt?“

Im Buch fällt das Stichwort „Klimagerechtigkeit“. Das ist ja eines der großen Schlagworte der F4F-Bewegung, über das ich gestolpert bin und über das ich mich immer auch ein bisschen ärgere. Ich weiß nämlich nicht recht, was Klimagerechtigkeit sein soll. Für mich als skeptischen Liberalen ist das, was als gerecht wahrgenommen wird, stets Aushandlungssache zwischen Menschen, die ja höchst unterschiedliche Interessen und daher auch stark voneinander abweichende Vorstellungen davon haben, was gerecht ist. Mich beschleicht immer das Gefühl, dass, wer Gerechtigkeit im Munde führt, schon a priori ganz genau weiß, was gerecht ist.

Ja, Schlagworte sind oft Kampfbegriffe und damit per se „ungerecht“. Ein verwandtes Schlagwort ist „Generationengerechtigkeit“ – auch das ist schief in dem von Ihnen beschriebenen Sinne, aber diese Schieflage ist Teil des Problems. In dem Verhältnis Mensch-Natur hat die Natur keine Lobby. Die politisch ökonomischen Entscheidungen fallen interessensbedingt immer zu ihren Ungunsten aus, das kann man „ungerecht“ nennen oder als strukturelles Ungleichgewicht bezeichnen, in jedem Fall braucht es eine große Verantwortungsbereitschaft und gemeinschaftliche Willensanstrengung, um dieses Ungleichgewicht zu korrigieren. Und im Generationenverhältnis ist es ähnlich. Die Schülerinnen und Schüler haben keine politische Stimme, es sei denn, sie verschaffen sich eine, was durch Corona im Übrigen noch einmal schwerer wird. Dabei liegt die „Ungerechtigkeit“ oder Schieflage auf der Hand. Wenn ich für meine Generation (die späten Babyboomer) selbstbezichtigend sprechen darf: Wir haben keinen unmittelbaren Krieg erlebt, sind in einer Zeit des Wirtschafts- und Wohlstandswachstums aufgewachsen, in einer noch relativ intakten Natur, bei gemäßigtem Klima, und haben unsere Privilegien lange Zeit als selbstverständlich angesehen. Mit Blick auf meine Tochter muss ich zugeben: Ich fürchte, ihr wird es nicht so gut gehen wie mir. An dieser Ungerechtigkeit fühle ich mich nicht ganz unschuldig, vielleicht sogar kollektiv-schuldig. Um wiederum den Roman zu zitieren: „Wir hinterlassen die Welt nicht so, wie wir sie vorfinden möchten.“

Schließlich eine Frage, die die Leser hier in dieser Stadt interessieren wird, die ja auch in ihrer Biographie vorkommt: Wie viel Oldenburg steckt in der namenlosen Stadt des Romans? Hannahs Zug fährt, kurz bevor er in den Bahnhof der Stadt ihrer Jugend einfährt, über eine „alte Kanalbrücke“. Schon ab diesem Zeitpunkt meinte ich, etliche der Örtlichkeiten zu kennen. Die Kette der déja-vu-Erlebnisse reißt nicht ab, aber es kann natürlich auch ganz anders sein. Klären Sie mich auf?

Das haben Sie schon perfekt aufgeklärt! Stimmt genau: Da Oldenburg die Stadt ist, in der ich zur Schule gegangen bin, habe ich mir erlaubt, die Schauplätze der Erinnerung aufzusuchen. Sogar der brennende See im Titel ist angelehnt an einen Baggersee meiner Schulzeit: stadtauswärts links vom Wildenloh, Baden verboten natürlich. Ich war seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr dort schwimmen. Es wird Zeit, ihm wieder einen Besuch abzustatten. Die emotionale Nähe ist schließlich immer noch da.