Roadtrip durch Afrika

Der neue Roman von Matthias Politycki beginnt am Gipfel des Kilimandscharo: Hans, ein so zurückhaltender wie weltoffener Hamburger, ist endlich da, wo er schon sein halbes Leben lang hinwollte. Hier, auf dem Dach von Afrika, möchte er mit seiner Vergangenheit ins Reine kommen. Doch am Grunde des Kraters steht bereits ein Zelt, und in diesem Zelt hockt der Tscharli, ein Ur-Bayer – respektlos, ohne Benimm und mit unerträglichen Ansichten. In der Nacht bricht ein Schneesturm herein und schweißt die beiden wider Willen zusammen. Es beginnt eine gemeinsame Reise, unglaublich rasant und authentisch erzählt, gespickt mit absurden und aberwitzigen Abenteuern. Als sich die beiden schließlich die Geschichten ihrer großen Liebe anvertrauen, erkennen sie, dass sie mit dem Leben noch eine Rechnung offen haben. Doch der Tod fährt in Afrika immer mit, und nur einer der beiden wird die Heimreise antreten.

Matthias Politycki, 1955 geboren, lebt in Hamburg und München. Die Hälfte des Jahres ist er auf Reisen. Der „Abenteurer der deutschen Literatur“ (Hajo Steinert) veröffentlicht seit dreißig Jahren Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays und auch immer wieder Reisereportagen und -erzählungen. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und Stipendien.

Er war 2015 der erste Stipendiat des ‚Literarischen Landgangs‘ des Oldenburger Literaturhauses, er gilt als der reisefreudigste Schriftsteller unter den deutschen Autoren und er sollte nun am 22. April aus seinem neuen Roman „Das kann uns keiner nehmen“ im Oldenburger Wilhelm13 lesen: Matthias Politycki (64). Durch die Corona-Krise kommt das nicht zustande. Reinhard Tschapke, Germanist und Ex-Kulturchef der NWZ, sprach jetzt mit dem Hamburger über die Seele Afrikas, eine persönliche Nahtod-Erfahrung und einen ziemlich verrückten Vogel.

Angenommen, Sie dürften nur noch eine Reise machen. Wohin würde die gehen?

Nunja, aller Voraussicht nach ins Jenseits. Diese Reise habe ich schon mal ein Stück weit unternommen, daher weiß ich, daß es nichts Schreckliches dabei zu erleben gibt. Eine Notoperation hat mir damals, 1993, das Leben gerettet – und die Reise wurde abgebrochen. Es hat 25 Jahre gedauert, bis ich das in einem Roman verarbeitet habe, aber nun, da das Buch „Das kann uns keiner nehmen“ erschienen ist, bin ich aufs Neue erleichtert.

Der Kilimandscharo spielt in Ihrem neuen Buch eine zentrale Rolle - erklären Sie mal einem Flachlandmenschen, warum man auf einen Berg steigt? Warum man vorhersehbar in Luftnot gerät? Einen Sehnsuchtsort könnte man auch von unten betrachten.

Das habe ich auch! Bei meiner ersten Tansania-Reise sah ich den Kibo nur von unten, aber seitdem wollte ich mehr. Und dann ist da ja auch die Herausforderung, eigene Grenzen auszutesten. Wobei der Kilimandscharo bergsteigerisch keine großen Anforderungen stellt, sofern man sich genügend Zeit läßt. Trotzdem lernt man sich und seine Gefährten am Berg noch mal ganz anders kennen als in der Ebene. Auch den Berg selbst – und spätestens vom Gipfel aus die ganze Welt! Vielleicht müßten Sie mir bei Gelegenheit mal erklären, wie man das alles weiß oder ahnt, und trotzdem unten bleibt.

Sie gelten als „Weltreisender“ unter den deutschen Autoren. Warum reisen Sie so gern?

Ich bin so erzogen worden. Mein Vater wollte nach dem Zweiten Weltkrieg etwas wiedergutmachen bei den Menschen, die er bekriegen mußte, also fuhr er in den Ferien mit uns hin und versuchte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, vielleicht sogar Freundschaften anzuknüpfen. Auch für mich sind die Bewohner der Fremde das Wichtigste an der Fremde geworden, die Sehenswürdigkeiten darum herum sind nur interessantes Beiwerk. Wer sein eigenes Leben und das seiner Mitmenschen immer mal wieder von außen betrachtet, kann kein Ideologe werden. Reisen ist praktische Relativitätslehre und verbindet im Glücksfall über Grenzen hinweg. Insofern ist es immer auch Ausdruck einer politischen Haltung.

Können Sie mit dem Begriff „Heimat“ etwas anfangen?

Sehr viel sogar – ohne Heimat wäre ich als Reisender nichts als ein Getriebener, könnte nirgendwo mehr ankommen. Von einer globalisierten Welt, in der wir nurmehr Weltbürger einer einzigen durchgängigen Weltkultur und angeblich überall zu Hause sein sollen, halte ich wenig. Das klingt nur verlockend. De facto ist es schon jetzt furchtbar öde, an den Hotspots des Welttourismus auf die immergleichen Geschäfte und Cafés zu stoßen – da fühlen sich nicht mal mehr die zu Hause, die dort wohnen. Ich halte dagegen an meiner kosmopolitischen Weltsicht fest, also an der Vielheit der Kulturen, die gerade durch ihre unterschiedlich intensive Fremdheit unsere ursprüngliche Erfahrungswelt bereichern. Nach Hause zurückzukehren und diese Erfahrungen in die eigene Kultur einzubringen, ist der wichtigste Moment einer jeden Reise.

Wie wäre es, wenn man gar nicht mehr reisen dürfte?

Es würde uns vollkommen an unsre Informationsindustrie ausliefern; bald würden wir nur noch das wissen, was man uns an Informationen über andere Länder und Kulturen zugänglich macht. Damit wären wir noch viel leichter steuer- und verführbar, als wir es jetzt bereits sind – und das wäre brandgefährlich für unsre Demokratie. Durch Reisen gewinnen wir ja immer ein eigenes Bild von Land und Leuten, wir machen unsre Erfahrungen und gelangen – gerade auch aufgrund von Niederlagen, die man in der Fremde zwangsläufig erlebt – zu Erkenntnissen. Die mögen begrenzt und mitunter verzerrt sein, ein anderes Weltbild als das aus zweiter, dritter Hand vermitteln sie allemal.

Eine Reise ist literarisch immer mehr als nur eine Reise - auch eine Art von Initiation, Neuerung, Wandel?

Auf einer geglückten Reise werden wir jedesmal ein anderer als der, der wir zu Hause sind. Eine Reise ist ja kein Urlaub. Je größer die Herausforderung, die uns das Reiseland stellt, desto wahrscheinlicher werden wir dort Seiten an uns kennenlernen, die wir daheim nie für möglich gehalten hätten. Gute wie schlechte Seiten! Es ist verrückt, zu was wir in der Fremde im Zweifelsfall in der Lage sind. Danach können wir uns wieder mit frischer Energie im Alltag zu Hause einfinden.

Sie haben 2015 als erster Stipendiat das Oldenburger „Landgang“-Stipendium bekommen. Damals schenkte Ihnen ein Bauer eine Obstkiste und Sie verfuhren sich im Moor, wo Ihr Navi nicht funktionierte. Offenbar kann auch die norddeutsche Tiefebene Abenteuer bieten - oder ist Ihnen nur die Ferne exotisch genug?

Oh, das Oldenburger Land hat seine eigene Exotik. Und obwohl ich seit 27 Jahren hier wohne: auch schon Hamburg wirkt exotisch – nämlich sobald ich meine vertrauten Stadtviertel verlasse. Das Exotische fängt nicht erst da an, wo Palmen stehen oder Tuktuks fahren! Aufgrund der vielen Zeit, die ich im Ausland verbringe, ist mir leider auch Deutschland immer fremder geworden.

Irgendwie ist Ihr neuer Roman eine Liebeserklärung an Afrika. Aber viel Hoffnung macht das Buch nicht, dass Afrika jemals die Unterentwicklung verlassen wird, wenn man an die Korruption, die medizinische Versorgung, die Kriminalität und die chinesische Bedrohung denkt - sehen Sie das ähnlich?

Ich fürchte, ich sehe es ähnlich. Es gibt dieses Afrika, das ich liebe, die spontane Herzlichkeit, der Übermut, der Humor, die menschliche Wärme. Aber all das, was Sie ansprechen, ist eben auch Afrika; wir können es nicht durch Geld oder gute Worte verändern. Wir können es nur lieben.

Dem norddeutschen Hans stellten Sie im Roman den Ur-Bayern Tscharli gegenüber. Ist das auch für die Balance der Stimmungen, um die Tragik zu mildern? Tscharli ist ja eine komische, humorige, krachlederne Gestalt….

In „Das kann uns keiner nehmen“ geht es um ernste Themen, um Liebe, Freundschaft, Tod, auch um die gespaltene Gesellschaft in Deutschland und wie wir über die weltanschaulichen Gräben hinweg vielleicht doch wieder zueinander finden. Hätte ich das alles beim Schreiben nicht mit Humor und Situationskomik abmildern können, ich hätte es ja selber kaum ertragen. Und nicht zuletzt möchte ich mit den Geschichten, die ich erzähle, den Lesern auch ein Vergnügen bereiten – da kommt so ein seltsam verrückter Vogel wie der Tscharli natürlich wie gerufen.

Man sollte sich hüten, das Ich des Buches mit dem Autor gleichzusetzen. Es ist ein Roman, aber jedes Schreiben ist irgendwie autobiografisch - ist das Buch Ihr persönlichstes Werk?

Das ist es sicher, und gerade deshalb hätte ich es normalerweise nicht geschrieben. Warum hätte ich über meine erste Afrikareise und die Nahtod-Erfahrung, die sie mir aufgenötigt hat, auch noch schreiben sollen? Ich war froh, daß ich nach ein, zwei Jahren wieder ein ganz normales Leben führen konnte. Als ich 2018 allerdings einen Freund in ein afrikanisches Krankenhaus begleiten mußte, schossen all die Erinnerungen wieder in mir hoch und ich begann, ihm davon zu erzählen; es war dieser Freund, der noch im Krankenhaus zu mir sagte: Jetzt schreib’ das endlich mal auf.