Distanz als Tugend

John von Düffel: „Die Wütenden und die Schuldigen“

John von Düffel hat vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie einen vielschichtigen Familien- und Gesellschaftsroman geschrieben, dessen Handlung im März 2020 einsetzt. Es treten auf: ein protestantischer Pfarrer in der Uckermark, der dem Tod ins Auge blickt; eine Anästhesistin der Charité, die mit einem Rabbi zusammen in Quarantäne gerät; ein Kunststudent, der heillos in seine Professorin verliebt ist. Und Selma, die Enkelin, Tochter und Schwester der Genannten, die diese Familie irgendwie zusammenhalten soll. In Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln, in denen Distanz zur Tugend wird und Nähe zum Problem, ist das keine leichte Aufgabe. Denn die vier auseinandergerissenen Familienmitglieder verbindet eine gemeinsame Leerstelle: Holger, Pfarrerssohn, Ex-Mann und Vater der Protagonisten befindet sich nach einem Suizidversuch in einer Klinik und ist nunmehr so gut wie unerreichbar. Für jede der Figuren bedeutet er eine Lücke, einen Phantomschmerz der anderen Art.

John von Düffel liest aus dem Roman und spricht mit René Hurlemann, dem Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, zu deren Schwerunkten die Bewältigung akuter Lebenskrisen gehört. Michael Sommer, Professor für Alte Geschichte und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentags, moderiert ihren Austausch.

Das Institut für Geschichte der Oldenburger Universität ist Kooperationspartner der von der Stiftung Niedersachsen geförderten Veranstaltungsreihe.