Ayọ̀ Akínwándé, Mochu und Clara Jo werden gefördert

Drei neue Medienkunst-Stipendiaten am Edith-Russ-Haus

Das Edith-Russ-Haus für Medienkunst » vergibt jedes Jahr drei sechsmonatige Arbeitsstipendien, die durch die Stiftung Niedersachsen ermöglicht werden und mit jeweils 12.500 Euro (bis 2019: 10.000 Euro) dotiert sind. Diese gehen in diesem Jahr an: Ayọ̀ Akínwándé (Lagos) für das Projekt „Mumu LP Vol. 4: All The World‘s Protests“, eine Installation mit Sound, Video und Performance, Mohanakrishnan Haridasan (kurz Mochu, Dehli/Istanbul) für die Mehrkanal-Videoinstallation „Basilisk Files“ sowie Clara Jo (Berlin/Paris) für eine interaktive Virtual-Reality-Installation mit dem Titel „Between lived experience and simulated presence“. Insgesamt hatten sich 390 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt für die Stipendien beworben, um ihre eingereichten Werke am Edith-Russ-Haus umsetzen zu können.

Auswahl in Online-Sitzung

„Aufgrund der Kontaktbeschränkungen durch die Corona-Pandemie haben wir die Stipendiaten erstmals in einer Online-Sitzung ausgewählt, die sich jedoch als sehr produktiv erwiesen hat“, sagen Edit Molnár und Marcel Schwierin (Leitung des Edith-Russ-Hauses), die mit Natasha Ginwala (Colombo/Berlin), Kuratorin der Gwangju Biennale 2020, sowie Robert Leckie (Bristol), Direktor von Spike Island, die Jury bildeten. „Die diesjährigen Projektvorschläge zeichneten sich durch vielfältige Herangehensweisen an das Bewegtbild aus, die sich vor allem mit den räumlichen und virtuellen Effekten des Mediums und der filmischen Erfahrung beschäftigten. Gegenstand der drei geförderten Projekte sind die Klangökologien von Protesten in Lagos und anderswo, die Vorgeschichte der Alt-Right-Bewegung in der hinduistischen Mythologie und die mögliche Rolle virtueller Realität bei der Bekämpfung psychischer Erkrankungen“, so die Jury. Auch in diesem Jahr zeigten sich die Jurymitglieder beeindruckt von der hohen Qualität der eingereichten Bewerbungen, insbesondere von dem engagierten und formal überzeugenden Charakter vieler eingereichter Projekte.

Die Jury ist überzeugt, dass Ayọ̀ Akínwándé, Mochu und Clara Jo mit dem Stipendium wichtige neue Arbeiten und Rechercheprojekte auf den Gebieten von Bewegtbild, Sound, Performance und digitalem Raum realisieren und so für das Edith-Russ-Haus neue Perspektiven eröffnen werden.

Jurybegründung: Ayọ̀ Akínwándé

Ayọ̀ Akínwándés Projekt „Mumu LP Vol. 4: All The World‘s Protests“ wird der vierte Teil seiner fortlaufenden künstlerischen Befragung des politischen Engagements im öffentlichen Raum sein. Akínwándé begann 2016 sein Rechercheprojekt „Archiving the Future“, indem er ein Archiv aus Screenshots politischer Gespräche in den sozialen Medien aufbaute und diese um Gesprächsmitschnitte an Zeitungskiosken in Lagos erweiterte. Die Sprachaufnahmen bildeten die Grundlage für seine Zusammenarbeit mit Musikerinnen und Musikern, die sie mithilfe von Jazzinstrumenten in Musik transformierten. Die Jury war beeindruckt, wie es dem Künstler gelungen ist, lokale Gemeinschaften eng in den Aufbau dieser Klangarchitekturen einzubeziehen. Akínwándé hält nicht nur politische Äußerungen fest und beschäftigt sich mit der lokalen Musikszene, sondern nutzt den Jazz als Möglichkeit, um mit anderen zusammenzukommen und als Gruppe eine gemeinsame und zugleich disparate Wirklichkeit zu verkörpern. Um sein Projekt fortzusetzen, möchte Akínwándé den Kontext seiner Sammlung von Lagos auf einen weltweiten Maßstab erweitern, Proteste in aller Welt einfangen und Gemeinsamkeiten zwischen lokalen und globalen Kämpfen herausarbeiten.

Jurybegründung: Mohanakrishnan Haridasan (Mochu)

Mochus Arbeit „Basilisk Files“ beschäftigt sich mit den Geschichten der visuellen Kultur und insbesondere mit Techno-Fiction, Quasimythologien und Kunstgeschichte. Ausgehend von einer fiktiven Annahme wird Mochus Mehrkanal-Videoinstallation die historisch weit zurückreichenden Grundlagen der neoreaktionären Tendenzen in Indien und ihre Nähe zu techno-utopischen Idealen untersuchen. Er beschäftigt sich damit, wie die anti-egalitären, futuristischen Ideen des amerikanischen Software-Entwicklers Curtis Yarvin und des britischen Philosophen Nick Land nachträglich in das mythologische Universum des hinduistischen Denkens integriert wurden. Dabei untersucht Mochus, wie diese übereinstimmenden Ideologien zunehmend instrumentalisiert wurden, um über das Internet die Emotionen des Publikums zu manipulieren. Die Jury war begeistert von Mochus ambitioniertem Projektvorschlag, der „beabsichtigt, diese engen Verknüpfungen und verdeckten Kollaborationen zu kartieren und ihnen nachzugehen.“

Jurybegründung: Clara Jo

Clara Jos interdisziplinäres, recherchebasiertes Projekt „Between lived experience and simulated presence: exploring memory, empathy and embodiment in the clinical context through virtual reality“ untersucht mithilfe von Virtueller Realität (VR) Erinnerung, Empathie und Verkörperung im klinischen Kontext. In Zusammenarbeit mit den Bereichen Psychologie, Kunst, Wissenschaft und Lehre des Londoner King’s College wird sie VR-Schnittstellen in immersiven filmischen Umgebungen entwickeln, die dazu dienen sollen, die Sinnes- und Wahrnehmungsveränderungen von Menschen zu erforschen, die von Autismus, Essstörungen und insbesondere von Schizophrenie betroffen sind. Jo strebt an, die Erfahrungen der Virtuellen Realität zu erweitern, um Aufschlüsse über den allgemeinen psychosozialen Gesundheitszustand der globalen Community, die therapeutische Funktion der Kunst und die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Menschen, Tieren und extremen geografischen Orten zu erhalten. Der riskante spekulative Denkansatz und die experimentelle Stringenz des komplexen Projektvorschlags haben die Jury überzeugt.

Über das Stipendienprogramm der Stiftung Niedersachsen

Die Stiftung Niedersachsen fördert das Stipendienprogramm des Edith-Russ-Hauses seit 2001. Das Programm ist zu einem Aushängeschild des Edith-Russ-Hauses geworden. Viele der in Oldenburg entstandenen Arbeiten wurden nach ihrer Realisierung in internationalen Ausstellungen präsentiert und mit Preisen ausgezeichnet. Mit ihrer Förderung will die Stiftung Niedersachsen eines der führenden Häuser für Medienkunst in Deutschland nachhaltig stärken und seine an Qualität orientierte Profilierung unterstützen, um so die Verwirklichung von Projekten zu ermöglichen und internationale Vernetzungen und lokale Anknüpfungspunkte zu schaffen.