Interview Christian Habl

Interview mit Christian Habl, 1. Vorsitzender des Netzwerkes zur beruflichen Integration für Menschen mit Behinderung e.V. und nationaler Inklusionsbotschafter zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention

Frage: Herr Habl, stellen Sie sich doch bitte einmal kurz vor.
Habl: Mein Name ist Christian Habl. Ich bin 33 Jahre alt, verheiratet, wohnhaft in Bruchhausen-Vilsen und habe eine leichte linksseitige Hemiparese, wovon hauptsächlich der Arm betroffen ist. Vor meiner jetzigen Tätigkeit habe ich eine Ausbildung zum Büro- und zum Versicherungsfachmann absolviert und studiere derzeit berufsbegleitend Gesundheits- und Sozialmanagement.

Frage: Was verbindet Sie mit dem Thema Inklusion?
Habl: Durch meine Behinderung bin ich frühzeitig mit dem Thema in Berührung gekommen. Auch habe ich erfahren, was Arbeitslosigkeit bedeutet und wie schwierig es für Menschen mit Behinderung sein kann einen Job zu finden. Deshalb setze ich mich vornehmlich in diesem Bereich ein.

Frage: Wie kam es zur Gründung des Netzwerkes zur beruflichen Integration für Menschen mit Behinderung e.V.? Was waren Ihre Beweggründe?
Habl: Während ich arbeitssuchend war, habe ich immer wieder gemerkt, dass alleiniges Schreiben von Bewerbungen nicht reicht. Da muss man stärker Selbstinitiative ergreifen, denn viele Unternehmen wissen nicht wirklich viel über Menschen mit Behinderung  und deren Einsatzmöglichkeiten und –willen. Deswegen zögern sie häufig, diese Personen einzustellen. Aber auch die Menschen mit Behinderungen selber haben, meines Erachtens, oft zu wenig Kenntnis über Teilhabemöglichkeiten im Bereich Arbeit und Beschäftigung. Dagegen wollte ich was tun und habe den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt und einen Verein gegründet.
Dieser hat heute über 20 Mitglieder und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mit Behinderung zu vermitteln, Unternehmen zu informieren und Veranstaltungen und Vorträge zu Themen rundum Arbeit und Beschäftigung zu organisieren.

Frage: Gab es Schwierigkeiten bei der Vereins-/Netzwerkgründung?
Habl: Gott sei Dank hatte ich schon vorab gute Kontakte, so dass wir auch leicht an kostenlose Räumlichkeiten kamen. Das hat den Start natürlich erleichtert, auch wenn wir kein Sponsoring haben. Mitglieder haben wir über Aufrufe in Zeitungen gewonnen und bei einer Eröffnungsveranstaltung ins Thema eingeführt.

Frage: Was haben Sie mit dem Netzwerk bisher erreicht? Wo wollen Sie noch hin?
Habl: Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, ein bundesweites Netzwerkes auch mit Partnern aus Politik und Wirtschaft aufzubauen. Das hat auch schon ganz gut geklappt soll aber natürlich weiter geführt werden. Wir haben schon viele Anfragen bekommen und konnten bisher eine Person erfolgreich vermitteln, zwei weitere begleiten wir aktuell. Wir sehen uns natürlich auch als Ansprechpartner für Unternehmen, die Menschen mit Behinderung einstellen wollen! Beide „Parteien“ zusammen zu bringen, darauf kommt es an!

Frage: Sie berichteten am Anfang, dass viele Unternehmen die Einstellung von Menschen mit Behinderung scheuen. Warum kann es denn für Firmen lohnenswert sein, genau diese Personen einzustellen?
Habl: Finanziell betrachtet: Die Ausgleichsabgabe zu minimieren und es gibt in vielen Fällen ja auch Fördergelder und Unterstützungsleistungen. Aber oftmals sind diese Mitarbeiter auch besonders motiviert und, so zeigen aktuelle Studien, haben sie entgegen anderslautender Meinungen, einen geringeren Krankenstand.

Frage: Seit Anfang 2015 sind Sie ja auch als nationaler „Inklusionsbotschafter zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention“ aktiv. Wie kam es dazu und was ist Ihre Aufgabe?
Habl: Meine Aufgabe als Inklusionsbotschafter, derzeit gibt es übrigens 35, ist es: Den Inklusionsprozess kritisch zu begleiten und auf eventuelle Missstände hinzuweisen sowie den Prozess „anzuschieben“.
Aufmerksam geworden bin ich auf den Posten des Inklusionsbotschafters über eine Anzeige von ISL („Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V.“) und habe mich dann darauf beworben und letztlich die Zusage erhalten.

Frage: Und Ihre Motivation?
Habl: Ich glaube, dass ich diesen „offiziellen“ Titel auch als Türöffner benutzen kann. Das hilft meiner Netzwerktätigkeit. Ich habe seit dem schon deutlich mehr Einladungen zu vielfältigen Veranstaltungen erhalten und konnte mein Anliegen besser präsentieren. Hilfreich sind auch die Schulungen, die für die Inklusionsbotschafter angeboten werden. Das ganze Projekt läuft für fünf Jahre, davon erhalten wir ein Jahr finanzielle Unterstützung – das heißt, im ersten Jahr muss der Grundstock gelegt sein.

Frage: Was wollen Sie während dieses Projektes erreichen?
Habl: Als Inklusionsbotschafter kann man zwei Projekte initiieren. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht: a)  Best-practice-Beispiele aufzuzeigen, wo Inklusion auf dem Arbeitsmarkt bereits gelingt. Welche Erfahrungen wurden gemacht und was kann für andere Unternehmen Vorbildcharakter haben. Meine Erfahrung zeigt übrigens: Wer schon einmal Menschen mit Behinderung eingestellt hat, stellt diese auch in Zukunft wieder ein; b) die  Gründung eines Beratungsbüros für Arbeit und Beschäftigung („Inklusionsbüro“). Ich habe hierfür schon mit einigen Kooperationspartnern Gespräche geführt. Das Hauptproblem ist wie immer die Finanzierung.

Frage: Und nach Ablauf des Projektes?
Habl: Das Büro soll sich natürlich selbst weiter tragen. Und der Titel „Inklusionsbotschafter“ wird auch weiterhin von Nutzen sein, denke ich. Dadurch können weiter Projekte angeschoben werden. Mein Traum wäre, das „Inklusionsbüro“ hauptberuflich zu gestalten und zu führen. Aber darauf versteife ich mich nicht.  

Frage: Was können Sie anderen, die vielleicht einen ähnlichen Weg gehen wollen, als Tipp geben?
Habl: Wenn man irgendwas aufbauen will ist eines besonders wichtig, was heute vielerorts aber nicht beachtet wird: Keine Mails schreiben, sondern den Ansprechpartner direkt anrufen und einen persönlichen Termin machen. Dies gilt im Übrigen auch für Bewerbungen. Und am Ball bleiben und sich nicht entmutigen lassen - Selbstbewusstsein zeigen.

Frage: Sie sind ja auch im Oldenburger Inklusionsprozess aktiv. Was ist dort gegenwärtig das Wichtigste für Sie?
Habl: Ich bin Mitglied in der AG Arbeit und Beschäftigung inklusiv, die sich nach Erstellung des Kommunalen Aktionsplans auch weiterhin trifft. Für Oldenburg finde ich es sehr gut, dass der Rat und der Oberbürgermeister hinter dem Inklusionsgedanken stehen – ohne geht es nicht. Wichtig ist mir natürlich, dass auch die Maßnahmen, die in den „Vorschlägen für den Kommunalen Aktionsplan Inklusion der Stadt Oldenburg“ erarbeitet wurden, umgesetzt werden.

Frage: Vielleicht abschließend: Was ist Ihre Hoffnung in Bezug auf das Thema Inklusion? Wo sehen Sie noch Potenzial?
Habl: Zum einen hoffe ich, dass im Inklusionsprozess im Hinblick auf Arbeit und Beschäftigung mehr Menschen mit Behinderung beteiligt werden und dass das Thema Inklusion für alle ein Thema ist bzw.  wird. Getreu dem Motto: „Nicht über uns – ohne uns!“. Es stört mich schon, dass noch an vielen Stellen über Inklusion gesprochen wird, ohne Beteiligung derer, die es betrifft.

Christian Habl steht gerne für Fragen, Anregungen etc. zur Verfügung:

Christian Habl
Bahnhofstraße 34
27305 Bruchhausen-Vilsen
Tel.: 04252/9090275, Mobil: 0151/12431071
E-Mail: christianhabl(at)gmx.de
 

Interview Jannetta Cichon

Interview mit Jannetta Cichon, Personalreferentin BTC Business Technology Consulting AG, mit dem Oldenburger Wirtschaftsmagazin: Thema „Inklusion in Unternehmen“. Die Fragen stellte Mareike Lange von der Mediavanti OHG

Frage: Wann hat BTC entschieden, den Inklusionsgedanken im Unternehmen umzusetzen, und aus welchem Antrieb?
Cichon: Seit der Unternehmensgründung im Jahre 2000 ist der Vielfaltsgedanke bei BTC Teil der Unternehmensphilosophie. Gemäß unseres Leitbildes „Menschen beraten“ tragen das Wissen, der Charakter und die Einzigartigkeit von jedem Mitarbeiter zum Erfolg der BTC AG bei, unabhängig vom Alter, Geschlecht, Herkunft, sozialem Status, psychischen oder physischen Fähigkeiten sowie der sexuellen Orientierung. Inklusion richtet sich bei uns daher nicht nur an Menschen mit Einschränkungen sondern beginnt für uns mit einer Haltung des Respekts und der Wertschätzung gegenüber allen Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit, mit dem Ziel ein faires und diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld zu schaffen. Als sichtbarer Ausdruck unseres Standpunktes hat die BTC AG bereits 2009 die Charta der Vielfalt unterzeichnet.
Dahinter steht die Überzeugung, dass die Vielfalt unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Bereicherung für unser Unternehmen darstellt. Wir sehen darin eine gesellschaftliche Aufgabe, für die wir uns innerhalb und außerhalb des Unternehmens engagieren, sowie eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Diversity Management ist ein zentraler Ansatz, um die Herausforderungen und Chancen des demographischen Wandels zukunftsfähig zu gestalten. Daher gilt es für uns, die vielen Talente und Fähigkeiten in unserer Gesellschaft zu erkennen, wertzuschätzen und zielgerichtet zu nutzen.

Frage: Wie sind Sie dabei vorgegangen beziehungsweise welche Schritte haben Sie festgelegt und umgesetzt?
Cichon: Um Diversity nachhaltig im Unternehmen zu verankern, hat die BTC AG die Förderung von Vielfalt zu einem wesentlichen Bestandteil ihrer Personal- und Organisationsentwicklung gemacht. Einen wesentlichen Meilenstein unseres Diversity Managements setzte dabei die Unterzeichnung der Charta der Vielfalt in 2009.
Wir verfolgen einen ganzheitlichen Diversity-Ansatz, indem wir versuchen alle Diversity-Dimensionen in ihrer gegenseitigen Verzahnung zu berücksichtigen. Schwerpunkte bilden jedoch die Dimensionen Kultur und Gender.
Voraussetzung für eine systematische Vorgehensweise ist eine IST-Analyse der Diversity-Dimensionen im Unternehmen. Daraus leiten wir anschließend Handlungsfelder ab und erstellen Maßnahmen.
Die allgemeinen Ziele unseres Diversity Managements sind:

  1. Die Schaffung eines fairen und diskriminierungsfreien Arbeitsumfelds
  2. Die Förderung und Nutzung der Potenziale einer vielfältigen Belegschaft
  3. Ein „Spiegelbild der Gesellschaft“ sein (Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund, Frauenanteil, Anteil von Menschen mit Einschränkungen, Anteil von älteren Arbeitnehmern und so weiter)

Der Anteil der Beschäftigten mit Migrationshintergrund liegt in unserem Unternehmen derzeit bei knapp 20 Prozent. In der Bevölkerung sind es ebenfalls fast 20 Prozent. In dieser Diversity-Dimension haben wir unser Ziel „Spiegelbild der Gesellschaft“ bereits erreicht.
Wir arbeiten kontinuierlich daran unsere Ziele und Maßnahmen im Diversity-Bereich auszubauen und umzusetzen.

Frage: Haben Sie dabei Hilfe von Ämtern in Anspruch genommen und um welche Unterstützung handelte es sich dabei?
Cichon: Wir arbeiten gezielt mit dem Integrationsfachdienst der Arbeitsagentur zusammen. Alle ausgeschriebenen Stellen werden 1x monatlich dem Integrationsfachdienst gemeldet. Dieser prüft dann, ob und welche (schwer-)behinderten Bewerber für die Stelle geeignet sind und kümmert sich aktiv darum, dass sich geeignete Personen auch bei uns bewerben.
Außerdem arbeiten wir mit der Stadt Oldenburg zum Inklusionsprozess in Oldenburg in der Arbeitsgruppe „Arbeit und Beschäftigung“.
In 2013 standen wir des Weiteren mit den Gemeinnützigen Werkstätten Oldenburg e.V. in Kooperation zum Thema „Förderung einer Berufsausbildung für Menschen mit besonderem Förderbedarf“.

Frage: Gab es Austausch mit anderen, evtl. auch erfahreneren Unternehmen?
Cichon: Wir sind immer wieder mit Unternehmen und Akteuren aus dem Diversity-Umfeld im Austausch. Wir pflegen unter anderem Kontakte zu Hochschulen, Universitäten und auch anderen Unternehmen zum Beispiel aus der Automobilbranche oder dem Wohnungsbau.

Frage: Wie viele Mitarbeiter beschäftigt BTC heute und wie viele Menschen mit Einschränkungen sind darunter?
Cichon: Die BTC AG beschäftigt mehr als 1.900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Anteil von Menschen mit Einschränkungen, von denen uns eine (Schwer-)Behinderung bekannt ist, liegt in der Belegschaft bei circa 1 Prozent. Um den Anteil weiter auszubauen sind wir mit der Arbeitsagentur, der Stadt Oldenburg sowie den gemeinnützigen Werkstätten Oldenburg e.V. in Kontakt (s. oben).

Frage: In welchen Bereichen arbeiten diese?
Cichon: Die Mitarbeiter mit Einschränkungen verteilen sich bei uns über unterschiedliche Bereiche vom Servicebereich bis hin zur Beratung.

Frage: Wie haben Sie Arbeitsplätze und -prozesse an die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeiter mit Einschränkungen angepasst?
Cichon: Wir achten darauf, dass unsere Räumlichkeiten behindertengerecht ausgelegt sind. Die Räume in unseren Gebäuden sind barrierefrei zu erreichen. Werden zusätzliche Hilfen benötigt, wird der Arbeitsplatz entsprechend ausgestattet (zum Beispiel höhenverstellbare Tische etc.).
Um die Interessen und Belange unserer schwerbehinderten oder gleichgestellten Kolleginnen und Kollegen angemessen zu berücksichtigen, gibt es bei uns eine Schwerbehindertenvertretung sowie einen Gleichstellungsbeauftragten.

Frage: Wie setzen Sie den Inklusionsgedanken auch in anderen Hinsichten (Geschlecht, Migrationshintergrund und so weiter) um?
Cichon: Diversity allgemein

Internationalität und kulturelle Vielfalt (Maßnahmen innerhalb des Unternehmens)

  • BTC Diversity Forum (Interne Austauschveranstaltung zum Thema Diversity)
  • Sprachtrainings (zum Beispiel Angebot von Deutschkursen für Mitarbeiter, deren Muttersprache nicht Deutsch ist)
  • Interkulturelle Projektteams
  • Impulse setzen: Kulturelle Einbindung auf Betriebsfesten, Feiertage respektieren, Speiseangebot (kein Schweinefleisch),
  • Internationalität und kulturelle Vielfalt (Maßnahmen außerhalb des Unternehmens))
  • Unterzeichnung der Charta der Vielfalt im Jahre 2009
  • Unterstützung des Bremer Diversity Preis „Der Bunte Schlüssel – Vielfalt gestalten“
  • Dialog mit internationalen Studenten an der Jacobs University
  • Unterstützung einer Integrationswochen-Initiative
  • Unterstützung der Fachkräfteoffensive des Bundesarbeitsministerium
  • Positionierung als mittelständisches Unternehmen – TOP 10 Profil bei dem Verein Charta der Vielfalt

Work-Life-Balance

  • Flexible Arbeitszeiten
  • Individuelle Arbeitszeitlösungen
  • Führung in Teilzeit
  • Möglichkeiten der Kinderbetreuung
  • Mitarbeiterzeitschrift für Eltern in Mutterschutz und Elternzeit

Frauen in der IT

  • Unterstützung der Informatica Feminale
  • Networking-Event für Frauen in der IT
  • Paktmitglied der Initiative zur Förderung von Frauen in MINT-Berufen „Komm, mach MINT“
  • Ausrichtung des Zukunftstags für Mädchen und Jungen

Frage: Wurden die anderen Mitarbeiter auf die Inklusion vorbereitet und wenn ja wie?
Cichon: Um den Vielfaltsgedanken im Unternehmen zu verankern, ist die die Sensibilisierung von Mitarbeitern und Führungskräften sowie die Schaffung eines Bewusstseins für das Thema Diversity wesentlich. Bereits bei den BTC First Days, den Begrüßungstagen für neue Mitarbeiter, weisen wir auf unsere Unternehmenswerte und –philosophie hin und geben einen ersten Einblick in das Thema Diversity Management. Insbesondere ist es wichtig, dass auch Vorstand und Management den Vielfaltsgedanken leben und in die Belegschaft tragen. In internen Führungskräfteschulungen wird unter anderem auch für das Thema Diversity sensibilisiert.

Frage: Wie sind Ihre Erfahrungen bisher: Inwiefern ist die Umsetzung des Inklusionsgedankens eine Bereicherung für das Unternehmen und worin liegen andererseits die Herausforderungen? Wenn Sie auf Herausforderungen stoßen, wie reagieren Sie darauf?
Cichon: Wir haben bisher sehr positive Erfahrungen gemacht. Eine vielfältige Belegschaft bietet für uns eine Fülle von Chancen und fördert eine offene Unternehmenskultur.
Mitarbeiter mit vielfältigen Hintergründen bringen neue Perspektiven ins Unternehmen. Wenn beim Mittagessen Menschen mit verschiedenen Erfahrungen und kulturellen Hintergründen miteinander diskutieren, ist das eine spannende Atmosphäre, in der sich unterschiedliche Denkweisen zu neuen innovativen Ideen verbinden können.
Zudem erleichtert eine vielfältige Belegschaft die Erschließung neuer Märkte und neuer Kundengruppen. Das bringt uns einen Wettbewerbsvorteil, wenn man auf globalen Märkten wirtschaftet. Durch die Zusammenstellung heterogener Projektteams, konnten wir bereits viele erfolgreiche Projekte im Ausland durchführen.
Eine offene und faire Unternehmenskultur spricht sich auch unter Fachleuten rum. Die Positionierung als diversity-freundlicher Arbeitgeber trägt bei uns dazu bei neue Zielgruppen von BewerberInnen zu erschließen und damit dem Fachkräftemangel zu begegnen.
Natürlich ergeben sich immer wenn Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen aufeinander treffen auch Herausforderungen für das Unternehmen. Es kann zu Missverständnissen und zwischenmenschlichen Konflikten kommen. Daher ist es notwendig, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Thema Diversity zu sensibilisieren (zum Beispiel durch Aktionen am Deutschen Diversity Tag, Interne Kommunikation, BTC Diversity Facebook Seite etc.). Um die Zusammenarbeit in den Teams zu verbessern bieten wir interne Teamentwicklungsworkshops oder gegebenenfalls auch Konfliktmoderationen an. Wesentlich ist auch die Unterstützung durch die erste Führungsebene – ohne offizielles und vorgelebtes Engagement geht es nicht.

Frage: Würden Sie anderen Unternehmen dazu raten, sich dem Thema Inklusion zu widmen? Ob ja oder nein: aus welchen Gründen?
Cichon: Wir betrachten Vielfalt als einen Gewinn für jedes Unternehmen und die Gesellschaft. Daher würden wir auch anderen Unternehmen dazu raten, sich mit dem Thema Inklusion zu beschäftigen. In Oldenburg sind wir das einzige Unternehmen, das die Charta der Vielfalt unterschrieben hat. Es ist uns ein Anliegen, den Vielfaltsgedanken auch in der Stadt Oldenburg weiter zu verbreiten.
Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels werden Belegschaften in Unternehmen zukünftig zunehmend von einer wachsenden Vielfalt an Lebens- und Arbeitsstilen geprägt sein. Langfristig gesehen werden nur Unternehmen, die zu einer nachhaltigen Entwicklung ihres Arbeitsumfeldes sowie ihres gesellschaftlichen Umfeldes beitragen, wettbewerbsfähig bleiben. Dazu gehört es, die vielfältigen Potenziale in unserer Gesellschaft anzuerkennen und zu nutzen und niemanden auszuschließen.

Interview Wilfried W. Steinert

Interview mit Wilfried W. Steinert, Prozessbegleiter des Oldenburger Inklusionsprozesses im Auftrag der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft

Frage: Herr Steinert, mich würde zunächst einmal interessieren woher Ihre unglaubliche Begeisterung für das Thema Inklusion und vielleicht auch den Bildungssektor herrührt?!
Steinert: Ich hatte schon immer einen Faible für Menschen mit Benachteiligungen. Aufgrund meiner eigenen Biographie, in der ich immer wieder auf Widerstände und auch Ablehnung gestoßen bin aber auch auf viel Wertschätzung habe ich früh gemerkt, wie wichtig der gegenseitige Respekt und die Wahrnehmung  der Potenziale und Stärken des anderen ist.

Frage: Sie haben ja einen ereignisreichen Werdegang durchschritten. Was waren für Sie einige prägende Etappen?
Steinert: Nun, schon als Kind habe ich mich sehr für technische Zusammenhänge – ich habe nach der Schule zunächst Fernsehtechniker gelernt; ich wollte sehen, wo die Stimme herkommt und wie ein Mensch in so einem kleinen Gerät Platz findet -  aber auch die sozialen Bereiche interessiert. So habe ich früh ein Radio aus den gerade genannten Gründen zerlegt und wieder zusammengesetzt und technische Literatur regelrecht verschlungen. Aber auch der menschliche Umgang mit Mitschülern und anderen hat mir immer viel bedeutet. Wie können wir zusammen etwas erreichen? Das Pfadfinder Motto: „Allzeit bereit – jeden Tag eine gute Tat“ war dafür prägend.

Frage: Und beruflich? Wie sah es dort aus?
Steinert: Wie gesagt, zunächst habe ich Fernsehtechnik gelernt, danach aber ein Theologie- und später noch ein Pädagogikstudium aufgenommen. Hier habe ich mich intensiv mit dem Bereich Jugendarbeit auseinander gesetzt – zum Beispiel habe ich eine „Offene Tür Jugendarbeit“ für Rocker geleitet und da ging es nicht immer zimperlich zu. Trotzdem war es mir wichtig, auch zu sehen, was sie können, welche positiv zu nutzenden Potenziale sie haben. Wenn einer einen anderen zum Spaß hochhob und durch die Luft wirbelte, kann der dann nicht auch zum Beispiel einer älteren Dame beim Möbelschleppen helfen? – Dabei war mir wichtig, mich mit den anderen nicht auf eine Stufe zu stellen – das geht auch gar nicht – sondern den gegenseitigen Respekt zu leben und zu erleben. Unterschiede wahrzunehmen und anzuerkennen.

Frage: Sie engagieren sich ja auch weitestgehend politisch…
Steinert: Ja, politisches Engagement gehört für mich dazu. Immer wieder stand ich vor der Frage, mich hauptamtlich in der Politik zu engagieren. Zum Beispiel stand ich 1991 vor der Frage, mich  hauptamtlich in die Bildungspolitik einzubringen. Allerdings habe ich mich dann dafür entschieden in Ostberlin und Brandenburg Verantwortung für den Aufbau des Religionsunterrichts zu übernehmen – und das als Wessi! Das war für mich dann noch ein Stück reizvoller. Das war eine außerordentlich spannende Auseinandersetzung, in der ich viel gelernt habe. Dazu gehörten auch harte Verhandlungen, aber immer nach dem Motto: „hart verhandeln aber fair;  so, dass man dabei auch einen guten persönlichen Umgang miteinander pflegen kann“.

Frage: Ein weiterer Ihrer Aktionsbereiche ist das Feld der Schule.
Steinert: 2001 habe ich die Gelegenheit bekommen, die Schulleitung einer Förderschule zu übernehmen – mit der Anforderung des Trägers, die Sonderschule aus dem Nischendasein herauszuholen – um auch den Kindern mit Handicaps gute Zukunftschancen zu eröffnen. Dabei hatte ich auch immer die konstruktive Unterstützung des zuständigen Ministeriums Und der schulische Bereich begleitet mich ja noch bis heute.

Frage: Sie haben ein interessantes Lebensmotto...
Steinert: Ja, „man muss das Unmögliche versuchen, damit das Mögliche möglich wird“ – danach lebe und handele ich - und bin immer noch und immer wieder erstaunt, was alles möglich ist.

Frage: Sie begleiten ja Oldenburg auf dem Prozess zur inklusiven Kommune. Zunächst einmal: was gefällt Ihnen an Oldenburg und was reizt Sie?
Steinert: Oldenburg ist eine außerordentlich offene und kreative Stadt. Man ist hier bereit, neue Wege zu gehen und das mit viel Lebensfreude. Außerdem erlebe ich hier das Bestreben, traditionelle Schranken zu durchbrechen, ohne sich jedoch der eigenen Tradition zu berauben. Hier passt das Motto: „Tradition bedeutet, das Feuer weiterzutragen und nicht die Asche anzubeten“.

Frage: Wie erleben Sie den Oldenburger Inklusionsprozess und Ihre eigene Rolle dabei?
Steinert: Ich sehe mich da als reflektierender Partner, quasi als „sprechender Spiegel“. Oldenburg ist auf einem sehr guten Weg. Viele Dinge werden angestoßen, bereits Bestehendes wird ausgebaut und Grenzen durchbrochen. Man muss dahinkommen, dass man die Prozesse stärkt und sich selbst überflüssig macht. So sehe ich meine Rolle - aber auch die aller Akteure. Dabei ist es mir wichtig: Nicht ich, sondern die Oldenburger müssen selbst handeln!

Frage: Sie sind auch Mitglied im Expertenkreis „Inklusive Bildung“ der Deutschen UNESCO Kommission. Können Sie vielleicht auch hierzu noch ein paar Worte verlieren?
Steinert: Die Aufgabe und Intention des Expertenkreises ist es, den Prozess der inklusiven Bildung in Deutschland zu begleiten. D.h. Prozesse wahrnehmen, zusammentragen und die Ergebnisse nutzbar machen. Der Expertenkreis besteht aus Wissenschaftlern, Politikern, Forschern, Rechtsexperten. Ich vertrete die Praxis und sehe meine Verantwortung darin, aufzupassen, dass Inklusion nicht auf dem Rücken der Kinder aber auch nicht auf dem der Pädagogen ausgetragen wird. Eines ist mir besonders wichtig: wir müssen eine klare Sprache nutzen, frei von Floskeln und Plattitüden wie „Inklusionsfaktor“,  „Bildungsfaktor“ etc. Inklusion ist unteilbar.

Frage: Eine letzte Frage: Sie betonten die Nutzung von klarer Sprache. Wie stehen Sie zum Gebrauch von Begriffen wie „Behinderung“ etc. in unserer Alltagsverwendung. Was sollte Sprache ausmachen?
Steinert: Zu allererst: Sprache wird nie frei von Etikettierungen sein. Das muss sie auch nicht – die dahinterliegende Haltung ist wichtig. Ich plädiere da für einen gelasseneren Umgang.

Frage: Herr Steinert, vielen Dank für das Gespräch. Vielleicht noch etwas zum Abschluss?
Steinert: Ja, gerne! Ein Gedanke ist mir noch wichtig: Es gibt eine Spannung zwischen dem Menschenrecht auf Gemeinsamkeit und dem auf Individualität. Bei der ganzen Inklusionsdebatte dürfen wir eines nicht vergessen: Man hat auch das Recht auf Rückzug und Abstand. Nicht jeder will, nicht jeder muss mitmachen!