Zweiter Weltkrieg und der Nationalsozialismus

„Damals als ich geboren wurde“

Mein Name ist Johanna. Johanna Meinzer. Heute ist der 10.06.1950 und ich habe Geburtstag. Ich bin heute neun Jahre alt geworden. Am 10.06.1941 wurde ich in Köln geboren. Das war zur Zeit des Zweiten Weltkrieges wie Mama mir manchmal erzählt. Sie sagt dann immer, ich wäre ein Sonnenstrahl in der dunklen Zeit gewesen. Aber ich weiß eigentlich nichts von der Zeit als ich klein war und in Deutschland Krieg war. Wenn ich Mama oder Papa frage, sagen sie nicht viel, nur dass es eine schlimme Zeit war und sie glücklich sind, dass alle überlebt haben. „Du bist noch zu jung um zu erfahren, was damals war“, sagen sie dann immer. Und Oma und Opa soll ich auch nicht fragen, weil die beiden schon im Ersten Weltkrieg waren, sagt Mama. Das war wohl ein Krieg der vor dem 2. war. Aber natürlich weiß ich darüber auch nichts. Dabei hat Opa manchmal ein bisschen erzählt, aber als Mama dann gesehen hat, dass ich dabei war, sollte er aufhören vom Krieg zu berichten. Aber heute Mittag sind Oma und Opa zu Besuch gekommen, da ja heute mein Geburtstag ist. Mama und Papa schlafen gerade und Oma und Opa sitzen im kleinen Wohnzimmer. Ich werde sie jetzt mal fragen, ob sie mir etwas von damals erzählen können.
„Hallo ihr beiden.“ „Hallo Kleine.“ Ich frage meinen Opa, ob er mir etwas erzählen kann von der Zeit als ich geboren wurde. Mein Opa schaut mich verwundert an und sagt: „Aber du weißt doch, dass deine Mutter und dein Vater das nicht wollen.“ „Ja schon“, antworte ich, „aber ich bin doch jetzt schon neun Jahre alt und will endlich wissen, was damals passiert ist.“ Meine Oma und mein Opa schauen sich an, dann nickt meine Oma. „Also gut. Ich denke, ich werde von vorne beginnen und erzählen, wie es zu dem zweiten Weltkrieg gekommen ist.
Angefangen hat alles damit, dass Adolf Hitler,“ es bereitet Opa offensichtlich Mühe den Namen auszusprechen und er sieht auch ein bisschen böse dabei aus, „dass Adolf Hitler Anführer einer Partei wurde. Eine Partei ist eine Gruppe von Menschen, welche ein gemeinsamen Ziel haben und dieses durchsetzen wollen und auch andere Menschen für dieses Ziel begeistern wollen. Diese Partei hieß NSDAP.“ Ich schaue verwirrt, weil ich nicht weiß, was NSDAP bedeuten soll, aber Opa sagt: „Wenn wir später noch Zeit haben, erkläre ich dir noch ein paar wichtige Sachen. Ich erzähle erst mal weiter, wenn das in Ordnung für dich ist.“ Ich nicke und Opa fährt fort. „Also, Adolf Hitler wurde der Anführer dieser Partei und diese wollte in Deutschland bestimmen, was passieren sollte. Aber am Anfang hat das nicht richtig geklappt und Adolf Hitler musste in das Gefängnis und...“ „Aber was wollte diese Gruppe denn?“, frage ich. „Nun ja ... sie wollten“, fängt Opa an, „... also was sie wollten war sehr schlimm. Denn sie haben geglaubt, dass die Menschen, die hier in Deutschland leben, besser sind als Menschen aus anderen Ländern und sie wollten zum Beispiel, dass diese Menschen nicht in Deutschland leben dürfen. Und dann wollten sie noch andere Länder erobern, um da zu leben und um Geld zu bekommen.“ „Sie wollten also die Stärksten sein. Gegner der Partei waren alle, die nicht so waren wie sie oder die, die nicht das machten, was die Partei wollte?“, frage ich meinen Opa. „Ja, ich denke das kann man so sagen. Aber leider hat Adolf Hitler es doch geschafft.“ „Was hat er geschafft?“, frage ich aufgeregt. Opa schweigt und ich schaue Oma an. „Ach das war ein schlimmer Tag damals, der 30. Januar 1933. Ich erinnere mich noch wie die Nachrichten am nächsten Tag schrieben: Hitler neuer Reichskanzler“, sagt Oma. „Und 1934 wurde er auch noch Reichspräsident!“, ergänzt Opa. Oma und Opa sehen traurig aus. Ich merke, dass dieses Thema nicht einfach ist für beide und will schon sagen, dass sie nicht weitererzählen müssen, wenn sie nicht wollen. Doch da erzählt Opa weiter: „Und von da an konnte Adolf Hitler in unserem Land bestimmen, was passieren sollte. Andere Menschen, die etwas gegen ihn sagen wollten, oder andere Parteien wurden von ihm unterdrückt, sie wurden auch... “, Opa verstummt. Ich kann mir denken, was mit ihnen passiert ist. Diese Menschen wurden damals eingesperrt oder sogar... getötet glaube ich. Meine Gedanken schweifen ab, als ich darüber nachdenke, wie es diesen Menschen damals ergangen ist. Opas Stimme reißt mich zurück in die Gegenwart. „Und dann waren da noch die Juden.“ Juden! Ich hatte schon etwas von ihnen gehört, aber wer das genau war, weiß ich nicht. „Wer waren denn die Juden und was ist mit ihnen passiert?“, frage ich. „Ja, also die Juden, das waren Menschen“, beginnt mein Opa, „die hatten eine andere Religion: die jüdische Religion nämlich. Und als Adolf Hitler der Reichskanzler geworden ist, was ich eben erzählt habe, da hat er damit begonnen, falsche und schlechte Dinge über die Juden zu erzählen.“ „Was für Dinge und warum hat er die erzählt?“, frage ich. „Zum Beispiel, dass die Juden nur Geld wollen und andere Menschen betrügen würden. Und er wollte, dass die Deutschen nicht mehr bei den Juden einkauften. Aber das stimmte alles nicht. Die Juden waren keine Betrüger und wollten auch nur ihr Geld zum Leben verdienen. Mit der Zeit wurde das immer schlimmer.“ Oma nickt. Ich denke darüber nach, warum der Adolf Hitler das alles gemacht hat. Warum durften die Juden nicht einfach hier im Land leben wie die anderen Menschen auch. „Was ist denn noch alles passiert mit den Juden?“, frage ich. „Adolf Hitler hat immer mehr Gesetze gemacht. Und darin stand dann zum Beispiel, dass Juden nicht mehr mit der Straßenbahn fahren durften oder kein Fahrrad besitzen durften. Auch durften die Juden irgendwann von 20 Uhr abends bis 6 Uhr morgens nicht mehr auf die Straße gehen.“ „Und die Kinder?“, frage ich, „durften die noch draußen spielen?“ „Ich denke schon, dass sie noch spielen durften, aber Juden durften irgendwann auch keinen Sport mehr machen und nicht mehr ins Schwimmbad gehen“, sagt Opa. „Was? Auch nicht im Sommer, wenn es richtig warm war?“, frage ich empört. „Es gab auch ein Gesetz, was den Juden verboten hat ab 20 Uhr abends in ihrem eigenen Garten zu sitzen. Und das auch im Sommer!“, sagt Opa. „Aber woher wusste Adolf Hitler denn, wer ein Jude war und wer nicht?“, möchte ich wissen. „Nun ja“, beginnt Oma diesmal, „die Juden mussten irgendwann einen gelben Stern tragen, als Zeichen, dass sie Juden waren. Damit konnte jeder sehen, wer ein Jude war und wer nicht. Und wer diesen Stern nicht getragen hat und dabei erwischt wurde, wurde bestraft.“ „Aber warum hat Adolf Hitler das alles gemacht? Warum durften die Juden hier nicht so leben wie andere Menschen? Das ist doch gemein. Ich finde...“, aber ich breche ab. Ich weiß nicht was ich noch sagen soll. Opa erzählt weiter. „Adolf Hitler wollte keine Juden in Deutschland haben und er wollte auch keine anderen Menschen in Deutschland haben, die nicht seinen Vorstellungen entsprachen. Deswegen hat er die ganzen Gesetze gemacht, damit diese Menschen weniger Rechte hatten. Irgendwann wurden auch Geschäfte und Häuser von Juden zerstört. Das war eine schreckliche Zeit.“ „Und warum habt ihr nichts gemacht?“, platzt es aus mir heraus. Plötzlich herrscht Stille. Ich merke, wie mir eine Träne hochkommt und wische sie mit meiner Hand weg. Oma und Opa schauen sich an. Beide sehen traurig aus. Opa beginnt mit brüchiger Stimme: „Ach Johanna. Wir fanden das auch alles schrecklich. Aber wir konnten auch nichts dagegen tun. Man hätte uns nur auch bestraft oder eingesperrt oder so etwas.“ „Aber man hätte doch irgendwas tun können, oder?“, frage ich verzweifelt. Opa seufzt. „Ja, vielleicht hast du Recht. Vielleicht hätten wir den Juden helfen sollen. Vielleicht hätten wir auch einige Juden davor bewahren können, was später mit den meisten Juden passiert ist.“ „Wieso? Was ist denn mit ihnen passiert? Es ging ihnen doch schon schlecht genug.“ Oma und Opa schauen sich an. Ich sehe wie Oma den Kopf schüttelt und dabei Opa anschaut. Es scheint ein unangenehmes Thema für beide zu sein. „Weißt du Johanna, die Juden wurden in Zugwaggons gebracht. Man hat ihnen erzählt, dass sie an einen anderen Ort fahren würden, wo sie leben und arbeiten könnten. Als sie dann in den Lagern ankamen, war es ganz anders als es ihnen vorher gesagt wurde. Sie wurden...!“ „Walter, das ist genug“, unterbricht Oma. „Johanna, ich weiß nicht wie ich es anders sagen soll, aber...!“ Ich spüre wie sich ein Kloß in meinem Hals formt. „...aber die Juden wurden in den Lagern umgebracht. Man hat sie für das ermordet, was sie waren, beziehungsweise was sie in den Augen von Adolf Hitler nicht waren. Für Adolf Hitler waren die Juden keine richtigen Menschen und sollten somit nicht das Recht haben zu leben. Das war das größte Verbrechen, was Adolf Hitler begangen hat.“ Jetzt ist es ganz still im Zimmer. Oma seufzt traurig. Ich will nicht weinen, aber trotzdem kann ich es nicht verhindern, dass mir ein paar Tränen die Wangen hinabrollen. Am liebsten würde ich jetzt in mein Bett gehen und für mich alleine sein. Aber auf der anderen Seite möchte ich trotzdem wissen, was während der Zeit passiert ist, als ich geboren wurde. Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht und schaue Oma und Opa an. „Das war wirklich eine schreckliche Zeit“, sage ich, „trotzdem möchte ich noch wissen, wie der Krieg begonnen hat und was passiert ist, als ich geboren wurde.“ Opa schaut auf die kleine Uhr an der Wand und sagt: „Ich glaube, deine Eltern wollten bald aufstehen, damit wir noch Kuchen essen können.“ „Vielleicht kannst du ja nur das wichtigste erzählen. Nicht alles. Das würde wohl zu lange dauern“, antworte ich. „Dann will ich das mal versuchen“, beginnt Opa wieder zu erzählen. „Ich habe dir ja schon erzählt, dass Adolf Hitler viel Macht hatte, aber er wollte noch mehr Macht und wollte auch andere Länder erobern, damit dort auch deutsche Menschen leben konnten. Deswegen hat Adolf Hitler Panzer gebaut und Flugzeuge und Schiffe und Waffen und viele Soldaten hatte er auch. Und am 1. September 1939 begann dann der Zweite Weltkrieg. Adolf Hitler hat gesagt, dass an der Grenze zu Polen die Soldaten dort die deutschen Soldaten angegriffen hätten. Aber das stimmte nicht. Trotzdem hat er dann seine Soldaten nach Polen geschickt.“ „Und was ist dann passiert?“, frage ich. „Die Soldaten haben Polen erobert. Aber das war Hitler nicht genug. Er hat auch angefangen Frankreich anzugreifen und Holland. Und im Norden in Dänemark, Schweden, Finnland waren auch deutsche Soldaten. Ich glaube, im Jahr 1941 hat Deutschland auch England angegriffen mit Flugzeugen.“ „Das war ja in dem Jahr, als ich geboren wurde“, sage ich. „Ja, das stimmt“, sagt Opa. „Aber es gab auch Krieg in Italien und Japan, ganz weit weg von hier. Deswegen hieß dieser Krieg auch Weltkrieg, weil es die ganze Welt betroffen hat. Aber was in Italien oder Japan passiert ist, kann ich nicht sagen. Das weiß ich nicht genau. Und im Osten wollte Adolf Hitler auch die Sowjetunion erobern, dieses riesige Land.“ „Es war im Winter und die deutschen Soldaten konnten nicht weiter vorrücken. Und in der Stadt Stalingrad haben dann die anderen Soldaten, die Soldaten der Sowjetunion, mit den deutschen Soldaten gekämpft. Und aus Deutschland kamen auch kaum noch Soldaten oder Fahrzeuge nach und so mussten sich die deutschen Soldaten irgendwann zurückziehen.“ „Was heißt das, zurückziehen?“, frage ich. „Das bedeutet, dass die deutschen Soldaten zurück in Richtung Deutschland gegangen sind. Aber die Soldaten der Sowjetunion sind hinter ihnen hergekommen bis sie schließlich ... in Berlin ankamen“, ergänzt Opa. „Das war am 30. April 1945. Damit war der Krieg so gut wie vorbei. „Also hat Adolf Hitler verloren, oder? Was hat er dann gemacht?“, frage ich. „Er hat sich selbst umgebracht. Er konnte mit der Niederlage wohl nicht leben und war zu feige sich der Strafe zu stellen. Und am 9. Mai 1945 hat Deutschland kapituliert, sie haben also aufgegeben. Damit war der Zweite Weltkrieg dann endgültig vorbei und Deutschland wurde in Zonen aufgeteilt.“ „Zonen?“, frage ich verwirrt. „Ja, Zonen. Es gab eine sowjetische, eine französische, eine britische und eine amerikanische Zone und damit wollte man sicherstellen, dass so etwas wie der Zweite Weltkrieg nicht wieder passieren kann. Hier in Köln sind deshalb ganz viele britische Soldaten und...“ Im Schlafzimmer von Mama und Papa poltert es. „Sie sind wohl wach geworden“, sage ich und schaue Oma und Opa an. „Ich glaube, wir müssen unsere kleine Geschichtsstunde beenden“, sagt Opa lächelnd. „Das bleibt aber unter uns. Mama und Papa müssen das ja nicht wissen“, sage ich. „Vielleicht kannst du ja auch mal in der Schule deinen Lehrer oder deine Lehrerin fragen, wenn du noch etwas wissen willst“, sagt Oma. Damit bleibt es dabei und wir feiern noch ein bisschen meinen Geburtstag.