Himmel und Hölle

Dieses Kind ist wirklich nicht zu fassen. Eine Irrfahrt hat sie in dieser grausamen Zeit hinter sich und nichts, aber auch gar nichts verdirbt ihre Laune. Ein so fröhliches Gemüt, obwohl: sehr schüchtern ist sie schon. Nur in Momenten, in denen sie sich nicht beobachtet fühlt, zeigt sie ihr wahres Gesicht. Ich trockne einige eben abgewaschene Teller ab und schaue aus dem Küchenfenster. Von hier habe ich einen guten Blick auf die ruhige Ecke der Straße an unserem Haus und das Fenster fällt von außen nicht sonderlich auf. Wenn sie aber mal zu mir herüber schaut, verstecke ich mich schnell hinter den blauen Vorhängen.
Sie spielt alleine. Freunde hat sie hier noch nicht gefunden. Hin und wieder spielt sie mit meinem Sohn Manfred, der vier Jahre älter ist oder sie unterhält sich mit meiner siebzehnjährigen Tochter. Obwohl sie also in einer fremden Stadt lebt, keine Freunde gefunden hat und immer wieder von deutschen Kindern geärgert wird, hat sie so viel Freude. Ingrid hat mit einem Stein, den sie wie Kreide benutzt, ein Spiel auf den Bordstein gezeichnet.
Vielleicht kennt ihr es als Hickelkasten oder Hüpfspiel, ich nenne es schon seit ich denken kann Himmel und Hölle. Sie spielt Himmel und Hölle, zu diesen Zeiten. Diese Hölle schreit wahrlich zum Himmel.
So gesehen doch ganz passend, geht es mir voller Galgenhumor durch den Kopf, als ich die abgetrockneten Teller in den winzigen Küchenschrank stelle. Galgenhumor ist momentan eine der wenigen Sachen, die mich rettet. Meinem Mann geht es da anders. Er sitzt, seitdem er nicht mehr arbeitet und aus dem Konzentrationslager wiederkam, die meiste Zeit stumm in seinem Sessel und spricht mit niemandem. Er redet nur noch mit anderen jüdischen Männern, wenn er sie in der Gegend trifft. Er hat den Mut verloren.
Ingrid hat ihn nicht verloren – den Mut. Vor allem nicht an solch einem schönen Tag. Die Sonne strahlt mit all ihrer Kraft und obwohl wir schon Oktober haben, ist es draußen schon schön warm. Ingrid liebt es, an der frischen Luft zu sein. Jetzt hüpft sie einbeinig über die aufgezeichneten Felder. Ihr fleckiges, altes Kleid plustert sich beim Landen nach jedem Sprung etwas auf. Sie wechselt im nächsten Feld das Sprungbein, springt drei Felder weiter, landet mit beiden Beinen in zwei eng nebeneinander liegenden Feldern und hüpft dann auf ihrem linken Bein bis zum Ende der Strecke. Sie blickt zurück und scheint stolz zu sein. Darauf wie sie gesprungen ist. Ich bin stolz auf sie wegen des anderen Wegs, den sie zurückgelegt hat.
Mittlerweile wohnt sie hier bei uns in Oldenburg, aber eigentlich stammt sie aus Wilhelmshaven. Nur wurde es ihr – wie allen übrigen jüdischen Kindern – verboten, eine dortige Schule zu besuchen. Sie sollte stattdessen auf die jüdische Volksschule in Oldenburg gehen. Ihr Vater Arthur Cohen, schrieb am 14.10.1937 einen Brief an das Ministerium für Kirchen und Schulen, in dem er darum bat, seine Tochter zu einer Schule in Wilhelmshaven gehen zu lassen. Ingrids Vater führte viele Gründe hierfür auf, zum Beispiel, dass der Weg mit dem Zug für Ingrid, die zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt war, zu weit und deshalb zu belastend sei. Sie müsste wesentlich früher aufstehen als gewöhnlich und wäre in der Schule zu müde, um wirklich zu lernen. Herr Arthur Cohen hatte sogar schon mit einer Lehrerin aus Wilhelmshaven gesprochen, die es Ingrid erlaubt hätte, diese Schule zu besuchen. Familie Cohen wurde am 25.10.1937 eine Absage erteilt. Ingrid müsse die jüdische Volksschule in Oldenburg besuchen, alles andere sei, „unzulässig“.
So musste sich die Familie Cohen, nachdem sie den Schock darüber verwunden hatten, um eine Unterbringung in Oldenburg kümmern, denn die arme Ingrid sollte ja nicht jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen müssen und dann den langen Zugweg in Kauf nehmen. Der Ärger darüber war nicht genug, Ingrid wurde krank. So krank, dass sie keine Schule besuchen konnte. Keine Schule der Welt – weder eine arische, noch eine jüdische. Bis zum Ende der Herbstferien war Ingrid offiziell krank geschrieben und musste erst danach nach Oldenburg ziehen, um hier zur Schule zu gehen. Am 19. Oktober 1938 hatte sie ihren ersten Schultag in Oldenburg. Hier lernte ich sie erstmals kennen, denn ich bin Lehrerin für Handarbeiten. Ingrids Eltern hatten mit Hilfe des Landesrabbiners Leo Trepp einen Kontakt zu einer anderen jüdischen Familie hergestellt, die Ingrid aufnahm.
Erste Schultage sind immer aufregend, das wisst ihr bestimmt auch von euch selbst. Viele Fragen schwirren im Kopf herum: Wie sieht die Schule aus, ist die Lehrerin oder der Lehrer nett, wie sind die Mitschüler, komme ich bei denen gut an und so weiter. Für Ingrid war es noch etwas schwerer, denn sie musste zeitgleich eine neue Stadt und eine neue Familie kennen lernen. Julius und Annette Vogel, die Ingrid aufnahmen, lebten in der Bürgereschstraße 86 und hatten zwei Söhne, die beide älter als Ingrid waren. Sie lebte dort bis zum 9. November 1938.
Der 9. November 1938 war ein schrecklicher Tag. Nicht, dass es vorher angenehm in Deutschland gewesen wäre, oh nein. Seit Hitler an die Macht gelangt war, wurde uns Juden Stück für Stück mehr verboten. Seit September 1935 durften keine jüdischen Zeitungen mehr verkauft werden. Mitte September wurden dann die Nürnberger Gesetze erlassen. Sie verboten unter anderem jüdischen Kindern den Besuch allgemeiner Schulen und allerhand Schreckliches mehr. Den jüdischen Kindern wurde im Sommer das Baden verboten. Kein jüdisches Kind wurde ins Huntebad gelassen. Meine Kinder Manfred und Lea waren sehr traurig und wütend zugleich, aber es war nichts zu machen. Sie mussten schwitzen, genau wie Ingrid, während alle arischen Kinder planschten und badeten.
Im April 1938 wurden wir vom Staat beraubt. Die Nazis nannten es unser Vermögen „verstaatlichen“. Jeder jüdischen Familie wurde das Geld weggenommen und der NSDAP, der Regierungspartei, übergeben. Also, ihr merkt schon, vorher, vor dem November 1938, war es auch nicht gerade schön.
An dem besagten 9. November verwandelte sich die Stadt in ein Fegefeuer. Abends drangen Männer der Gestapo in unsere Wohnung ein, verhafteten uns nacheinander, schlugen uns. Unsere Wohnung wurde geplündert und zerstört. Alle wertvollen Gegenstände wurden einfach gestohlen, alles, was übrig blieb, wurde zerschlagen. Dasselbe taten die Nazis mit anderen jüdischen Wohnungen und Häusern. Alle Synagogen, all unsere Plätze der Hoffnung, wurden verbrannt. Die Gestapo verschleppte uns in die Kaserne am Pferdemarkt, wir sahen es unterwegs an zahlreichen Stellen brennen. Trotz des vielen Feuers war es eine finstere, tiefschwarze Nacht. Am frühen Morgen wurden meine Kinder und ich entlassen. Wir sahen auf dem Weg zu unserer zerstörten Wohnung Annette Vogel mit ihren Kindern und mit Ingrid. Allen war das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Die meisten Kinder weinten, so auch viele Frauen. Ingrid hielt sich fest am Ärmel von Annette Vogel, sie sah ängstlich aus, weinte aber nicht.
Mein Mann Normann wurde am selben Morgen zusammen mit den anderen jüdischen Männern durch die Stadt geführt. Die Bevölkerung säumte die Straßen und schaute zu, schaute einfach zu. Von der Gestapo bewacht, wurden sie an der ausgebrannten Synagoge vorbei geführt, ehe man sie ins Konzentrationslager Sachsenhausen brachte. Wir sorgten uns um unsere Männer und Väter. Wie ihr euch leicht vorstellen könnt, machte sich auch die Familie von Ingrid Sorgen. Zwar passierte das Gleiche auch in Wilhelmshaven, aber jeder will nach solch einer schlimmen Nacht bei seiner Familie sein, also fuhr Ingrid zurück nach Wilhelmshaven, wo sie wieder bei ihrer Mutter wohnte. Die meisten Männer saßen durchschnittlich für zwei bis drei Wochen in Sachsenhausen in Haft, ehe sie entlassen wurden. Einige kamen gar nicht zurück...
Dass nach dieser Nacht zunächst keine Schule für die jüdischen Kinder stattfand, könnt ihr euch sicherlich denken. Vor allem anderen waren alle jüdischen Menschen damit beschäftigt, ihre Wohnungen wieder in Stand zu setzen, mit dem Wenigen, was alle hatten, zu überleben und irgendwie an genügend Nahrung zu kommen. Da auch die jüdische Volksschule stark beschädigt worden war, musste ein neues Gebäude gesucht werden. Schulpflicht bestand weiterhin für alle jüdischen Kinder, nur durften sie auf keine deutsche Schule mehr gehen. Vor allem blieb die Schulpflicht für jüdische Kinder deshalb bestehen, weil das Naziregime nach außen hin, vor anderen Ländern, den Schein wahren wollte. Es sollte wirken, als könnten Juden frei und mit Rechten leben.
So begann die Wanderschaft der jüdischen Volksschule. Der Schule von Ingrid. Zunächst wurde die Schule am 2.01.1939 in der Nordstraße 2 eingerichtet, wo aber keine guten Bedingungen herrschten. Die Räume waren zu klein, überall lag Schutt und Dreck. Im April zog die Schule in die Alteneschstraße 15 um, wo sie aber nur bis August bleiben konnte. Die Räume wurden von Nationalsozialisten in Beschlag genommen. Danach zog die Schule dann in die Kurwickstraße 5. Die Räume waren viel zu klein und eng, aber anders ging es eben nicht.
Ingrid zeichnet neue Felder auf den Gehweg. Gerade als sie die Zeichnung ihres nächsten Parcours abschließt, hält sie plötzlich inne. Vielleicht um ihn sich anzuschauen. Es sind einige Felder mehr geworden, sie hat die Regeln wohl erweitert. Da hat sie noch einiges zu hüpfen. Sie bleibt einfach stehen, rührt sich nicht mehr.
Unsicher, ängstlich schaut sie sich ein letztes Mal um, ehe sie völlig zur Salzsäule erstarrt. Ich bleibe wie gebannt am Küchenfenster stehen und sehe zu.
Vier größere Jungs! Sie sind alle um die 13 Jahre alt. Sie kommen in ihrer Uniform der Pimpfe. Oh, nein!! Sie bleiben bei Ingrid stehen. Reihen sich vor ihr auf. Sie hat keine Fluchtmöglichkeit ins Haus. Die vier Jungs stehen genau zwischen ihr und der Haustür. Selbst wenn sie vorbeirennen würde, die Jungs wären ja doch zu schnell.
Der eine von den Vieren, der größte, schleicht nun um Ingrid herum, immer im Kreis und er spricht irgendetwas. Ich kann hier drin nichts verstehen.
Plötzlich sieht Ingrid auf. Sie hat keinen der vier Jungs bislang auch nur angesehen, doch plötzlich haftet ihr Blick an dem Jungen, der sie umkreist. Er muss irgendetwas gesagt haben. Er gibt Anweisungen. Die drei anderen Junge postieren sich im Kreis um Ingrid, der Große, wohl ihr Anführer bleibt hinter Ingrid stehen.
Ich will das Fenster aufreißen, aber es klemmt. Es lässt sich nicht öffnen. Hilflos sehe ich, wie die Jungs beginnen Ingrid zu schubsen. Ingrid gerät ins Taumeln, stolpert, fällt zu Boden. Ihr Gesicht ist kurz verzerrt, sie hat sich das Knie aufgeschürft. Ihre Augen lodern vor Zorn. Die Jungs kennen keine Gnade und beginnen erneut. Sie wird wieder geschubst. Ingrid schreit, schlägt um sich, aber sie ist zu schwach und zu klein gegen diese vier älteren Jungs. Einer unserer Nachbarn geht an ihnen vorbei. Endlich naht Rettung, denke ich. Der Nachbar ruft ihnen etwas zu, die Jungen hören für einen Moment auf, halten Ingrid aber fest. Sie kann noch immer nicht fliehen. Einer der Jungs nimmt den Stein auf, mit dem Ingrid ihr Himmel-und-Hölle-Feld gezeichnet hat und schmeißt diesen nach dem Mann. Er kann sich schnell genug ducken und verschwindet schimpfend. Sie schubsen Ingrid weiter.
Ich muss raus. Meinen anderen Kindern habe ich beigebracht, sie sollen sich selbst wehren, aber vier ältere Jungs gegen Ingrid, sie ist zehn Jahre alt, das ist einfach unfair. Ich renne so schnell ich kann, schmeiße die Wohnungstür hinter mir zu und renne durch den Hausflur. Da kann ich es schon hören. Sie verspotten Ingrid.
„Judensau! Judensau! Judensau!“, höre ich sie rufen.
Die Hölle wartet auf dich!“, ruft einer der Pimpfe.
Ich reiße die Haustür auf. Sie schubsen Ingrid immer wieder. Ingrid laufen Tränen über die Wangen.
„Finger weg von Ingrid!“
Die Jungs hören auf und sehen mich entgeistert an. Ihr Anführer findet als erster wieder Worte.
„Die Judensau heißt Ingrid?!“
Die anderen lachen. Ingrid will sich losreißen, aber sie wird weiter festgehalten.
„Lasst sie los, oder ich mache euch die Hölle heiß!“
Sie tauschen einen unsicheren Blick aus, zögern, wissen nicht, was sie tun sollen. Ihr Anführer nickt einem seiner Kumpels zu und der schubst Ingrid in meine Richtung.
„Ihr Judensäue kommt alle in die Hölle!“, brüllt er uns zu, als sie schon weglaufen.
Auf halbem Weg bleiben sie stehen, nehmen ein paar kleine Kieselsteine auf und schmeißen sie in unsere Richtung. Ich nehme Ingrid in meinen Arm und wir gehen zurück ins Haus. Als wir die Haustür hinter uns verschlossen haben, vergräbt Ingrid ihr Gesicht in meinen Armen und vergießt einige letzte Tränen, bevor sie mich aus ihren großen Augen ansieht und kein Wort sagt. Ihr Blick spricht. Ich sehe in ihren Augen, dass sie ‚Danke’ sagt. Als Ingrid sich beruhigt hat und sich vor mich stellt, sage ich ihr, die vier Rabauken könnten froh sein.
„Warum?“, fragt mich Ingrid.
Ich zwinkere ihr zu.
„Darüber, dass ich gekommen bin, bevor du ernst gemacht hast.“
Ingrid sieht mich verdutzt an und ich zwinkere ihr zu. Das mag sie, glaube ich, denn sie lächelt verschmitzt, sieht zu Boden und kichert.
Wieder in der Wohnung, sitzen wir an dem kleinen Ofen. Ich wasche die Wunde an Ingrids Knie und wickele ihr ein Tuch um das Knie. Die Abschürfung ist zum Glück nicht schlimm.
„Warum sind diese Jungs so böse?“, fragt mich Ingrid.
„Es ist eine böse Zeit“, antworte ich und weiß selbst nicht, ob das der Grund ist.
Ingrid denkt einen Augenblick darüber nach.
„Und kommen wir wirklich in die Hölle, nur weil wir Juden sind?“
„Ingrid!“, ich schaue sie vorwurfsvoll an, „das darfst du nicht einmal denken. Diese Jungs reden nur Quark. Von denen brauchst du dir nichts anhören. Und schon gar nichts gefallen lassen. Genauso wenig von sonst jemandem, der so etwas sagt.“
Ingrid scheint zufrieden und meint, sie wolle draußen weiterspielen. Unerschrocken geht sie wieder auf die Straße und beginnt aufs Neue durch die vielen, vielen Felder zu hüpfen.
Während sie draußen springt und hüpft und es mir Spaß macht, ihr zuzusehen, stelle ich mir dieselbe Frage wie eben Ingrid. Warum ist es solch eine böse Zeit?