Das Prinzenpalais

„Hallo, Prinzessin Mia und Prinzessin Lena!“ Mias und Lenas Mütter saßen im Kerzenschein im Schlossinnenhof und schauten ihren Töchtern erwartungsvoll entgegen. Es ist die „Nacht der Museen“ in Oldenburg. „Habt ihr eure Prinzen gefunden?“, fragt Lenas Mutter. Die beiden haben an einer Führung für Kinder durch das Prinzenpalais teilgenommen.
„Wir haben sie um knapp 200 Jahre verpasst – schade!“, antwortet Lena. „Übrigens, heißt das Museum ‚Prinzenpalais‘, weil Herzog Peter Friedrich Ludwig das Gebäude für sich und seine Enkelsöhne, die Prinzen Peter und Alexander, als Wohnpalast hat bauen lassen. Das Arbeitszimmer der Prinzen ist noch komplett erhalten. Außerdem gibt es tolle Treppenhäuser, Wandmalereien und schöne Deckenverzierungen. Die Museumspädagogin hat uns alte Fotos gezeigt, auf denen man die Möbel, die Vorhänge, die Teppiche und die Bilder an den Wänden aus der Herzogszeit sehen konnte!“, berichtet Mia.

„Wir haben einen verzauberten Prinzen getroffen, fällt mir gerade ein!“, sagt Lena und grinst. Mia nickt und fügt hinzu: „Der war grün und glitschig, nicht mein Typ, aber niedlich!“ Die Mütter schauen fragend. „Der hatte schon eine Partnerin und zwar … die ‚Froschprinzessin’“, ergänzt Lena. „Ach, ihr sprecht von dem Gemälde mit der schlanken Frau im gelben Kleid, die ihre Hände von sich streckt - das habe ich schon häufig auf Plakaten gesehen!“, sagt Lenas Mutter schmunzelnd. „Ja, das Bild von Christian Rohlfs erzählt die Geschichte vom Froschkönig auf besondere Art“, klärt Mia auf. „‚Auf der Farbspur’, so hieß der Rundgang, sind wir vielen interessanten Persönlichkeiten begegnet.“
„Lena hat übrigens auf dem Kopf gehangen!“, berichtet Mia, als die Väter mit Zwiebelkuchen zum Tisch kommen. „Wer steht Kopf?“, fragt Mias Vater lachend.

„Die Artistin auf dem Zirkusbild von Ernst Ludwig Kirchner steht auf dem Kopf, sie zeigt eine extrem gefährliche Nummer kopfüber in Schlaufen. Ich weiß noch genau, sie hat ein grünes Gesicht. Der Maler wollte ausdrücken, wie die Frau sich in dieser Situation fühlte. Damit wir uns auch in diese Zirkusnummer hineindenken, hat die Museumspädagogin mit Hilfe von zwei Erwachsenen Lena in ein Schlaufengestell gehängt. Und ich durfte mich auf dem ‚Hochseil’ versuchen, und ein Junge hat mit Tüchern jongliert, mitten im Museum!“, sprudelt es aus Mia heraus.

„Klingt nach Action, aber es ging doch um Farben!“, hakt Mias Mutter nach. „Genau, darum ging es. Die Malerkollegen von Kirchner haben ungewöhnliche Farben benutzt: Ich sehe noch die rote Wiese und blaue Baumstämme vor meinem inneren Auge. Und das ist hundert Jahre her, dass diese Bilder in Dangast gemalt wurden. Die Betrachter von damals waren entsetzt“, erklärt Mia.

„Wenn ich dich richtig verstanden habe, passten die Farben nicht zu den Dingen?“, will Lenas Papa wissen. „Genau, das war das Moderne und Besondere an den Bildern, aber auch der Malstil: Die ‚Brücke-Maler’ haben zu Anfang mit heftigen Pinselstrichen viel Farbe auf die Leinwand aufgetragen. Die Dinge bestehen aus vielfarbigen Pinselstrichen und sind kaum noch erkennbar. Später haben die Maler riesige Farbfelder in kräftigen Farben gemalt, aber die Kleinigkeiten in der Landschaft fehlten. Wir sahen Vulkane, wo keine waren“, erzählt Lena begeistert. „Da spricht die kleine Kunstexpertin“, merkt Lenas Vater an und lacht. „Lena, warte mal, ich glaube, Mia würde auch gern mal zu Wort kommen!“, unterbricht er sie. „Mir fallen Bilder ein, die Tiergeschichten erzählen, die nur wenige Jahre zuvor von Malern einer anderen Künstlergruppe gemalt wurden. Sie lebten in der Nähe von Bremen im Teufelsmoor!“, beschreibt Mia. Sie zeigt den anderen das Schulprogramm.

„Genau: Worpswede hieß das Dorf. Die Bilder erzählen von Menschen und Tieren, von der Moorlandschaft, vom ungemütlichen und feuchten Wetter und von der schweren Arbeit der Moorbauern. In diesen Bildern hatten noch alle Dinge ihre echte Naturfarbe“, ergänzt Mia.
„Aber auch viele Jahre später hat der Maler, der so lange in Dangast gelebt hat, doch auch noch wie echt gemalt, manchmal sogar wie fotografiert.

Du weißt schon, der das Bild vom Fenster seines Nachbarn gemalt hat“, mischt sich Lena ein. „Radziwill!“, rufen die Eltern fast einstimmig.

„Genau, Franz Radziwill. Besonders sehe ich die anderen Bilder vor mir, wo man den Eindruck hat, der Himmel stürzt ein: lauter dunkle Wolken, Flugzeuge, Engel, glühende Himmelskörper. Auf der Erde scheint schon alles zu zerbröckeln. Überall Risse an Dingen, die eben noch schön waren. Da kriegt man richtig Angst“, Mias Stimme wurde viel lauter als zuvor.

Mias Mutter erinnert sich und erzählt: „Wenn ich zurückdenke an meinen letzten Besuch im Prinzenpalais, dann fällt mir beim Wort Angst gleich der ‚Nagelkopf’ des Bildhauers Rainer Kriester ein, von Nägeln durchbohrt, den Mund zum Schrei geöffnet. Da läuft mir ein Schauder über den Rücken. Das Museum bietet nämlich auch eine beeindruckende Sammlung von Plastiken » und Skulpturen, Denkmäler für berühmte Persönlichkeiten, aber auch merkwürdige Kopfgebilde. Sie alle sind Zeugen von Menschen, die spannende Geschichten erzählen können.“ Und schon wurde sie aus ihrer kurzen Nachdenklichkeit gerissen.