Altenbericht der Bundesregierung vorgestellt

Das Thema „demografischer Wandel“ ist eines der großen gesellschaftlichen Zukunftsthemen und bekommt deshalb auch in Oldenburg eine immer größere Bedeutung. Am Mittwoch, 14. Februar 2018, wurde bei einer Veranstaltung im Hüppe-Saal des Stadtmuseums der 7. Altenbericht der Bundesregierung vorgestellt und diskutiert. Zur Veranstaltung kamen etwa 80 Gäste.

Referent war Dr. Frank Berner, der Leiter der Geschäftsstelle für die Altenberichte der Bundesregierung beim Zentrum für Altersfragen. Für ihn ist der 7. Altenbericht deutlich politischer ausgerichtet als die Vorgänger und gibt vor allem den Kommunen gute Anregungen und Handlungsempfehlungen. Die Stärkung der Kommunen ist für Berner ein zentrales Anliegen bei der Umsetzung der Empfehlungen des Altenberichts. Nach der Vorstellung des Altenberichts folgte eine Podiumsdiskussion, an der auch Oldenburgs Sozialdezernentin Dagmar Sachse teilnahm.

Knapp 19 Prozent der Bürgerinnen und Bürger sind älter als 65 Jahre
„Das Thema demografischer Wandel wird in Zukunft eine immer wichtigere Rolle im Rahmen der Strategischen Sozialplanung der Stadt spielen“, sagte Sachse vor dem Hintergrund sehr eindrucksvoller Zahlen. „Bereits heute sind knapp 19 Prozent der Bürgerinnen und Bürger – und damit gut 30.00 Menschen – älter als 65 Jahre. Fünf Prozent der Bevölkerung in unserer Stadt sind sogar älter als 80 Jahre. Das stellt uns vor ganz unterschiedliche Herausforderungen.“ In zehn Jahren wird diese Altersgruppe weiter angewachsen sein, auf dann etwa 36.000 bis 38.000 Menschen in Oldenburg.

Selbstbestimmte Wohnen und mehr Wohngemeinschaften
Besonders wichtig ist den Menschen das selbstbestimmte Wohnen in der gewohnten Umgebung. Dafür ist eine gut funktionierende Nahversorgung in den Quartieren erforderlich. Besondere Bedeutung bekommen Stadtteilzentren, in denen Einkauf und ärztliche Versorgung möglich ist, ambulante Pflegedienste und eine gute Nachbarschaft. Genauso wichtig sind Orte der Begegnung, sowie Hauptamtliche und Freiwillige aus der Stadtgesellschaft, die diese Orte organisieren und gestalten. Oldenburg hat hierfür vier Gemeinwesenarbeiten sowie sechs Stadteilprojekte der offenen Altenhilfe oder die Jugendfreizeitstätten. Aber auch die Bürgervereine und Kirchen unterstützen das lebendige Miteinander der Menschen im Stadtteil.

Für Ältere werden nicht mehr stationäre Pflegeplätze benötigt, sondern mehr Wohngemeinschaften, in denen die Pflege über einen ambulanten Pflegedienst gesichert wird. In Oldenburg gibt es bereits sieben solcher Wohnformen. In diesen kleineren Settings ist es leichter, Selbstbestimmung zu verwirklichen. Problematisch ist in diesem Zusammenhang der zunehmende Fachkräftemangel in den Pflegeberufen, wobei die Lösung dieses Problems nur zum geringen Teil in den Händen der Kommune liegt. Notwendig sind eine erheblich bessere Bezahlung und ein besserer Personalschlüssel, damit mehr Menschen diese Berufe wählen und langfristig dort tätig sein wollen.

Viele Ältere wollen sich engagieren
Alter(n) sollte so gestaltet sein, dass es für die Menschen sinnstiftend ist. Viele Ältere wollen sich engagieren und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Sie wollen solidarisch mitwirken. Die Agentur Ehrensache bündelt dieses bürgerschaftliches Engagement. Aber auch zahllose Vereine und die Kirchen sind Orte, wo Ältere sich einbringen und teilhaben. Nicht zuletzt gilt es, auch Benachteiligte im Blick zu haben, um Vereinsamung zu verhindern. In diesem Kontext spielt das Thema Armut eine große Rolle.

Als besonders wichtig gilt bei allen Anstrengungen eine gute Zusammenarbeit aller Beteiligten. „Der demografische Wandel im Hinblick auf die Situation älterer Menschen in unserer Stadt erfordert ein solidarisches Miteinander von Alt und Jung“, sagt Sachse. Hier kann die Stadt einen wesentlichen Beitrag leisten, indem sie Netzwerke vorhält oder bestehende gut unterstützt; darauf achtet, dass die Netzwerke generationsübergreifend zusammengesetzt sind und ihre Arbeit so ausrichten.

Kernbotschaften

Die Kernbotschaften des 7. Altenberichts der Bundesregierung sind:

•    Gestaltungsaufgaben der Kommunen
Die Kommunen können und sollen die örtlichen Rahmenbedingungen für das Älterwerden maßgeblich gestalten. Ihre Gestaltungsmöglichkeiten und Kompetenzen sollten deshalb gestärkt und ausgebaut werden, vor allem in der Pflege, im Bereich Wohnen sowie im Gesundheitswesen. So ist es beispielsweise sinnvoll, dass die Kommunen seit Kurzem die Möglichkeit haben, in Eigenregie medizinische Versorgungszentren einzurichten und zu betreiben. Dies ist ein wichtiger Baustein, um eine hochwertige gesundheitliche Versorgung mit kurzen Wegen auch in ländlichen Regionen sicherzustellen.

    Finanzielle Spielräume der Kommunen
Viele Kommunen haben allerdings nur geringe oder gar keine finanziellen Spielräume für wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenssituation ihrer älteren Bürgerinnen und Bürger. Dies betrifft insbesondere hochverschuldete Kommunen. Zwar gibt es einige nationale und europäische Förderprogramme, mithilfe derer vereinzelt Strukturen effektiv verändert werden können (z.B. das Bund-Länder-Programm Soziale Stadt). Es muss aber auch darüber nachgedacht werden, wie die finanzielle Situation vor allem der stark verschuldeten Kommunen langfristig verbessert werden kann.

•    Vernetzung lokaler Akteure
Auf  lokaler Ebene können die Herausforderungen des demografischen und sozialen Wandels besser bewältigt werden, wenn mehr Planung, Abstimmung, Vernetzung und Koordinierung zwischen den Akteuren der lokalen Seniorenpolitik stattfindet. Lokale Projekte der Altenhilfe funktionieren besser und erreichen mehr Menschen, wenn sie von mehreren Akteuren gemeinsam initiiert und umgesetzt werden.

•    Kommunen als Netzwerkmanager
In solchen Akteursnetzwerken können die Kommunen wichtige Aufgaben übernehmen: Sie koordinieren, sie managen, sie moderieren, sie motivieren, sie ermöglichen. Dies sieht man beispielsweise in jenen Kommunen, in denen es eine hauptamtliche Pflegekoordination gibt, deren Aufgabe es ist, lokale Pflegenetzwerke aufzubauen. Dabei kooperieren die Kommunen, die Pflegekassen und andere Akteure und verbessern auf diese Weise die Pflegeinfrastruktur vor Ort. Dafür müssen die Kommunen zum Teil neue Kompetenzen sowie ein neues Rollenverständnis entwickeln.

•    Regionale Unterschiede in Deutschland
Bei all dem muss berücksichtigt werden, dass jede Kommune spezifischen Herausforderungen gegenübersteht und entsprechend angepasste Lösungen braucht. So ist in vielen ländlichen Regionen das wichtigste Thema die Mobilität und die Erreichbarkeit der medizinischen Versorgung, in Ballungsräumen steht hingegen eher die Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum, die Gestaltung von Quartieren und die Belebung von Nachbarschaften im Vordergrund. Wenn der Bund und die Länder die Rahmenbedingungen für kommunales Handeln setzen und Förderprogramme auflegen, müssen sie diese regionale und kommunale Vielfalt im Blick behalten und dürfen keine pauschalen Lösungen vorgeben.

•    Lokale Sorgestrukturen
Lokale Strukturen der Sorge und der Mitverantwortung funktionieren dann am besten, wenn sich Familienangehörige, professionelle Fachkräfte, Nachbarinnen und Nachbarn, Freundinnen und Freunde sowie freiwillig Engagierte zusammen um einen Menschen kümmern. Es ist eine wichtige Aufgabe der lokalen Politik, solche Sorgestrukturen systematisch zu fördern und aufzubauen.

•    Ausgleich sozialer Benachteiligungen
Allerdings ist es eine Herausforderung, bestimmte Bevölkerungsgruppen in lokale Netzwerke einzubinden, etwa Menschen mit sehr niedrigen Einkommen, zurückgezogen lebende Menschen, Menschen mit Mobilitätseinschränkungen oder Menschen mit Sprachbarrieren. Maßnahmen zur Stärkung von lokalen Sorgestrukturen müssen sich deshalb daran messen lassen, wie gut sie sozial benachteiligte Menschen erreichen.

•    Aufteilung von Sorgeaufgaben zwischen Männern und Frauen
Weitaus mehr Frauen als Männer übernehmen Sorgeaufgaben, vor allem innerhalb der Familie und im informellen sozialen Netzwerk. Daraus können den Frauen handfeste materielle Nachteile entstehen, wenn sie etwa wegen der Pflege eines Familienmitglieds ihre Arbeitszeit reduzieren oder früher in den Ruhestand gehen und deswegen im Alter eine niedrigere Rente bekommen. Ein Ausbau lokaler Sorgestrukturen ist deshalb nur dann nachhaltig und gerecht, wenn solche Nachteile abgebaut werden und Frauen und Männer in gleichem Maße Aufgaben der Sorge und der Unterstützung übernehmen.

•    Teilhabe und Partizipation als Ziel lokaler Politik
Teilhabe drückt sich auch darin aus, dass Menschen die Möglichkeit haben, sich in die Gemeinschaft einzubringen und sich an Planungs- und Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Ältere Menschen sollten stärker an der Planung und Umsetzung von Maßnahmen der Seniorenpolitik beteiligt werden. In den Kommunen sollte eine lokale Politik nicht nur für ältere Menschen, sondern auch mit älteren Menschen praktiziert werden!