Kolumne des Oberbürgermeisters (1. November 2013)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

Stadtentwicklung passiert ja normalerweise in kleinen Schritten, als Summe einzelner Teile. Hier mal ein Projekt, da mal ein Baugebiet. Das große Ganze wird meistens erst im Laufe der Zeit sichtbar. Es ist ein Ausnahmefall, wenn man einen ganz großen Schritt tut. Wenn man ein Quartier entwickelt, das beinahe Stadtteildimensionen hat. So etwas kommt nur alle Jubeljahre mal vor.

Für das letzte Mal muss man weit zurückblicken. Genauer gesagt in die Jahre 1922 und 1924. Damals wurden zunächst Osternburg und dann Eversten eingemeindet. Heute bemerkt man es kaum noch, aber bis vor etwa 90 Jahren waren diese beiden zentralen Stadtteile nur größere Dörfer vor den Toren der Stadt. Erst nach der Eingemeindung wurden sie zunehmend urbaner – und sind heute prägende Bestandteile der Übermorgenstadt.

Etwas Ähnliches könnte uns in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren erneut bevorstehen. Aber schon der Zeitraum deutet an: Es handelt sich um keine Eingemeindung. Die Oldenburger Stadtfläche wird sich nicht verändern, potenzielle „Übernahmekandidaten“ wie Hundsmühlen, Metjendorf, Ofen und Wahnbek können also aufatmen. Trotzdem wird die Stadt um einen Quadratkilometer – oder mehr als 150 Fußballfelder – wachsen. Das wundersame Wachstum hat aber nichts mit einer geheimnisvollen Alchimie zu tun. Es entsteht – ganz profan – durch den Ankauf der Restflächen des ehemaligen Fliegerhorstes durch die Stadt. Die lagen auch schon vorher innerhalb Oldenburgs – sie waren durch die militärische Verwendung aber faktisch nicht nutzbar. Das ändert sich jetzt. Durch den Kauf haben wir die Weichen für den Oldenburger Nordwesten auf Zukunft gestellt. An die Stelle von Hallen, Hangars und Tower rücken Wohngebäude und Gewerbeeinheiten. In beiden Fällen besteht ein erheblicher Bedarf an zusätzlichen Flächenressourcen – den wir dank der jüngsten Entwicklung mittelfristig bedienen können.

Natürlich muss vorher noch viel passieren. Die Kampfmittel müssen wir auf unsere Kosten räumen. An der Altlastensanierung beteiligt sich die BImA aber zu 90 Prozent. Dazu kommen einige Abrisse und Rückbauten. Danach erhalten wir aber ein Areal, das größtenteils attraktiv nutzbar ist und stadtplanerisch viele Optionen eröffnet.

Ich bin auch deshalb zuversichtlich, weil Oldenburg große Erfahrung mit Konversionen hat. Die Clausewitz-, Hindenburg- und aktuell die Donnerschwee-Kaserne sowie die zahlreichen ehemals militärischen Gebäude am Pferdemarkt und entlang der Ofener Straße sind Beispiele dafür. Vieles ist dabei gut, manches nicht so gut gelaufen. All diese Erfahrungen nehmen wir mit in das neue Projekt – das allerdings, soviel steht fest, eine ganz andere Größenordnung ist. Zum Vergleich: Die Hindenburg-Kaserne hatte eine Fläche von 25 Hektar, die Donnerschwee-Kaserne von knapp 19 Hektar. Nun folgt also deutlich mehr als das Doppelte der addierten Areale – die für sich schon alles andere als klein sind.

Wie gesagt: Veränderungen dieser Größenordnung – die man „ad-hoc“ als wegweisend wahrnehmen kann – sind selten genug. Wenn dazu auch noch die Konditionen stimmen und in der Politik große Einigkeit herrscht – dann ist eine gute Entscheidung getroffen. Abgesehen davon gefällt mir auch der „Schwerter-zu-Flugscharen“-Aspekt an der Sache. Aus einer Militärbasis machen wir langfristig Raum zum Wohnen, zum Arbeiten und zum Aufhalten. Wir schaffen Lebensqualität wo vorher Fluglärm war. Sagen wir mal so: Es hat schon schlechtere Entwicklungen gegeben.

Nur eine Bitte habe ich zu diesem frühen Zeitpunkt: Lassen Sie uns bei der Planung und Entwicklung des Areals Ruhe und Vernunft bewahren. Der Ankauf ist eine große Chance. Wir sollten respektvoll mit ihr umgehen und nach gemeinsamen Konzepten suchen. Ich bin sicher, das Gelände wird genug Raum für verschiedene inhaltliche, politische oder gesellschaftliche Akzente bieten.

Ich freue mich für Oldenburg, dass uns dieser Kauf gelungen ist. Es kommt zwar eine Menge Arbeit auf uns zu. Da gibt es nichts zu beschönigen. Ich bin aber sicher, dass wir uns im Nachhinein noch oft glücklich schätzen werden, dieses Stück Zukunft gesichert zu haben – und damit einen dieser seltenen „großen Schritte“ in der Stadtentwicklung getan zu haben.

Ihr Gerd Schwandner