Kolumne vom 2. Juli 2012

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

grundsätzlich sollte diese Kolumne so aktuell wie möglich sein. Manchmal muss man dieses Prinzip aber außer Kraft setzen. Nämlich dann, wenn viele wichtige Dinge gleichzeitig passieren. Das ist eben der „Preis“ des Lebens in einer Großstadt (und den zahle ich gern!). In solchen Fällen muss man die Ereignisse einfach mal hintereinander abarbeiten. Zumal dann, wenn ein Ereignis zwar zu einem bestimmten Zeitpunkt passiert, wenn seine Bedeutung aber ganze Dekaden betrifft. Wie das 20-jährige Bestehen der Jüdischen Gemeinde Oldenburg.

Die Bedeutung dieses Tages konnte man bereits vorab – an der Zahl der geplanten Redebeiträge – ablesen. Es waren sieben oder acht. So eine Konstellation birgt ja normalerweise die Gefahr, dass sich Beiträge überschneiden oder dass die Aufmerksamkeit der Zuhörer überbeansprucht wird. Beim Festakt im PFL war aber eher das Gegenteil der Fall. Es war für alle spürbar, wie wichtig es den Rednerinnen und Rednern war, der Jüdischen Gemeinde persönlich zu gratulieren, ihr zu danken und sie zu loben. Die hohe Zahl an Beiträgen ist Ausdruck der freundschaftlichen Beziehungen, die von der JGO im ganzen Land gepflegt werden und die Menschen aller Glaubensrichtungen betreffen. Bei diesem Festakt war die lange Liste also nicht irgendwelchen Eitelkeiten geschuldet oder einem gewissen Missmanagement in der Veranstaltungsplanung. Sie war Ausdruck der Bedeutung der jüdischen Gemeinde – für Oldenburg und innerhalb Deutschlands. Und damit war sie ein großes Kompliment.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum diese Konstellation in diesem Fall alles andere als ermüdend war: Die Redner wussten ihre Worte zu verpacken. Es war faszinierend zu hören, welche unterschiedlichen Verbindungen die Persönlichkeiten zur Jüdischen Gemeinde Oldenburg haben. Auch zwischen den Zeilen war in den Beiträgen sehr viel herauszuhören; manchmal sogar das Entscheidende, das Emotionale. Die Tonalität wechselte zwischen locker und getragen, der Duktus zwischen Umgangssprache und Festtagsvokabular. Alles funktionierte, weil es zum jeweiligen Redner – und immer zur Jüdischen Gemeinde – passte. Quantität und Qualität der Grußworte spiegelten ihre Vielschichtigkeit. Sie ist kein uniformes Gebilde, das sich in wenigen Worten skizzieren ließe. Vielmehr ist sie ein Kaleidoskop, das in vielen verschiedenen Farben und Facetten funkelt.

Die Entwicklung unserer Jüdischen Gemeinde ist tatsächlich atemberaubend. Seit ihrer Gründung im Jahre 1992 ist sie um tausend (!) Prozent gewachsen. Dabei musste sie eine enorme Integrationskraft beweisen, denn der Zuwachs entstand überwiegend von außen. Dass dieser gewaltige Prozess weitgehend reibungslos und so erfolgreich verlaufen ist, war alles andere als selbstverständlich. Ich freue mich sehr darüber.

Ebenso wichtig ist ein anderer Integrationsprozess, der parallel dazu verlaufen ist – und der genauso positiv war. Nämlich derjenige der Jüdischen Gemeinde innerhalb Oldenburgs. Zu diesem Erfolg haben zwei Strömungen beigetragen. Zunächst war die Freude in Oldenburg sehr groß, als sich im Jahre 1992 abzeichnete, dass es wieder eine Jüdische Gemeinde in unserer Stadt geben würde. Dementsprechend wurde die anfangs kleine Gruppe von der Oldenburger Bevölkerung mit offenen Armen empfangen. Den Ewiggestrigen, die das anders sehen, werden wir keinen Raum zur Entfaltung geben. Die zweite Strömung war das eigene Engagement, die eigene Kraft der Jüdischen Gemeinde. Sie war von Beginn an offen, initiativ und aktiv – und hat damit genau den richtigen Weg gewählt. Das verdient auch deshalb Hochachtung, weil die neuen Mitglieder häufig nicht nur einen anderen kulturellen Hintergrund hatten, sondern auch eine andere Sprache sprachen. Für mich selbst ist die Entwicklung der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg ermutigend und inspirierend. Dass hier etwas entstehen konnte, dass früher – von 1933 bis 1945 – so drastisch abgelehnt und zeitweise ausgelöscht wurde, gehört für mich zu den imponierendsten Kapiteln in der Geschichte unserer Stadt.

Es besteht keinerlei Zweifel daran, aber ich betone es hier trotzdem einmal, um es zu bekräftigen: Die Jüdische Gemeinde gehört zu Oldenburg. Als Teil eines Ganzen, ohne den der Rest unvollständig wäre. Vor zwanzig Jahren haben wir eine Wunde geschlossen, die mittlerweile hervorragend verheilt ist. Und das erfüllt viele Menschen mit Freude und mit Stolz. Das haben sie beim Festakt im PFL deutlich zum Ausdruck gebracht. Wenn solche Bekundungen viele Redner verlangen – und wenn wir deshalb mal auf die Tagesaktualität in der Kolumne verzichten müssen – dann ist das ein weiterer „Preis“, den ich liebend gerne zahle.

Ihr
Gerd Schwandner

Oberbürgermeister