Kolumne des Oberbürgermeisters (4. Juli 2014)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

die allesentscheidende Frage in der langfristigen Stadtentwicklung lautet: Was ist wichtig für unsere Zukunft?

Ein erfolgreiches Wirtschaftssystem? Ein starker Bildungssektor? Innovative, zukunftsweisend, gleichzeitig aber ethisch vertretbare Forschung und Entwicklung? Ein funktionierender gesellschaftlicher Zusammenhalt?

Alles richtig. Aber was setzt das alles voraus? Ganz einfach: Menschen. Mündige, offene, engagierte, gebildete, in positivem Sinne neugierige Bürgerinnen und Bürger. Sie sind entscheidend. Und diese Menschen kann man nicht „politisch beschließen“. Man kann nur geeignete Umfelder entwickeln – die kinder- und familienfreundlich sind, eine hohe Lebensqualität bieten und in denen sich Beruf und Familie miteinander vereinbaren lassen.

Wir haben unsere Zukunft selbst in der Hand. Denn wir entscheiden darüber, was wir tun und was wir lassen. Aber wenn von Zukunft die Rede ist, dann meint dieses „wir“ nicht uns – sondern unsere Kinder. Denn sie sind es, die in Verantwortung sind oder die die Folgen zu tragen haben, wenn aus übermorgen heute wird. Deshalb ist es unsere wichtigste Verantwortung, Kinder – auch wenn es nicht die eigenen sind oder wenn man selbst möglicherweise keine haben möchte – als den wertvollsten Teil unserer Gesellschaft zu begreifen.

Ich weiß, dass meine Amtszeit in erster Linie mit Themen wie Wissenschaft und Internationalität verbunden wird. So eine Zuspitzung ist erlaubt, zumal sie meine Leitgedanken widerspiegelt. Sie greift aber natürlich zu kurz. Stadtentwicklung lässt sich nicht auf wenige Schlagworte reduzieren. In den letzten Jahren haben wir sehr viel mehr geplant, konzeptioniert und realisiert als das, was uns intuitiv einfällt. Und dazu zählen viele wichtige Entwicklungen im Bereich der Kinder und Familie.

Das Konzept zur „Familienfreundlichen Stadt Oldenburg“, das im März 2009 einstimmig (!) vom Rat verabschiedet wurde, diente dabei als gute Grundlage. Allerdings ist auch das beste Papier nur ein Papier. Es bewirkt und ändert nichts, solange man es nicht umsetzt. Das aber haben wir getan.

Vielleicht erinnern Sie sich an meine Kolumne zum Rechtsanspruch auf frühkindliche Förderung im letzten August? Damals habe ich schon begründet, dass wir die Entscheidung und ihre Folgen nicht gefürchtet, sondern begrüßt haben. Warum das so ist, lässt sich leicht begründen: Wir sind überzeugt von der Richtigkeit – und handeln längst entsprechend. Der Versorgungsgrad ist bei Kindergartenplätzen ausgezeichnet (95,2 Prozent) und auch bei den Krippen/Kindertagespflege liegt sie bereits über der bundesweiten Zielvorgabe von 35 Prozent. Und in diesen Wochen haben wir nochmal nachgelegt: Ende Mai haben wir die neue Krippe der Kita Kurlandallee eröffnet, Anfang Juli die Kita Eschenplatz eingeweiht. Vor allem letztere bedeutet eine erhebliche Verbesserung der Versorgung im Stadtteil – und eine konkrete, spürbare Entlastung vieler Eltern.

Diese positive Entwicklung ist die logische Folge unserer Schwerpunktsetzungen der letzten Jahre. Wir haben beim Kita-Ausbau in den letzten Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um den Anforderungen und Vorstellungen der gesellschaftlichen Realität gerecht zu werden; auch wenn das medial nicht immer wahrnehmbar war. Sicher: Wir sind noch nicht am Ziel und es gibt in Teilbereichen der Stadt immer noch punktuelle Unterversorgungen. Das stört uns und deshalb arbeiten wir an Lösungen. Dennoch ist die Gesamtbilanz positiv. Übrigens auch im bundesweiten Vergleich, in dem wir weit vorne liegen.

Zur Verdeutlichung: im Kita-Jahr 2006/2007 lag der Versorgungsgrad bei Krippen/Kindertagespflege bei 11,2 Prozent – 2013/2014 lag er bei 39,2 Prozent. Und die Tendenz ist weiterhin deutlich steigend. Allein im kommenden Kindergartenjahr werden wir 360 neue Krippenplätze schaffen – und das Versorgungsziel für 2017/2018 lautet 60 Prozent. Dieses ambitionierte Vorhaben kostet zwar Geld, nicht nur in Form von Investitionen sondern auch in Form von Betriebskosten. Schließlich wollen wir Quantität und Qualität. Besser können wir unser Geld aber nicht anlegen. Denn: Krippen, Kindergärten, Kindertagespflege und Schulkindbetreuung sind die Keimzellen unserer Zukunft. Und auf die würden wir alle doch ungern verzichten, oder?

Ich hefte mir die Erfolge der letzten Jahre sicher nicht ans eigene Revers. Der Prozess ruht auf vielen Schultern. Dennoch bin ich stolz auf das, was wir erreicht haben. Denn so wichtig auch das Engagement einzelner ist, so kommt es doch immer auch darauf an, wie die Kommune solche gesellschaftlichen Entwicklungen triggert, steuert, begleitet, unterstützt. Und was das angeht, haben wir – wie ich glaube – gute Arbeit geleistet. Wir verstehen uns als Teil eines größeren Ganzen – nicht allesentscheidend, aber auch nicht ganz unwichtig. Mit diesem gemeinschaftlichen, kooperativen Selbstverständnis und mit der Unterstützung der engagierten anderen freien Träger, ohne deren Hilfe wir das alles nicht erreicht hätten, konnten wir – als Stadtgesellschaft – die ehrgeizigen Ziele umsetzen.

Es ist eindeutig: Wenn wir in Zukunft ein erfolgreiches Wirtschaftssystem, einen starken Bildungssektor, innovative aber ethische Forschung und Entwicklung und einen funktionierenden gesellschaftlichen Zusammenhalt haben wollen, dann müssen wir heute entsprechend handeln. Wir müssen Lebensqualität und Familienfreundlichkeit, Betreuung und Bildung für Kinder und Jugendliche, Chancen und Perspektiven für junge Menschen bieten. Genau daran arbeiten wir. In den letzten acht Jahren. Und auch weiterhin.

Ihr Gerd Schwandner