Kolumne des Oberbürgermeisters (8. März 2013)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

das Standard-Feierabendfernsehen ist nicht gerade reich an Aha-Momenten. Vor ein paar Tagen gab es aber einen. In der Quizshow „Wer wird Millionär?“ wurde folgende Frage gestellt: „Wovon ist häufig die Rede, wenn das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung gemeint ist?“ Als Antwort gab es folgende Optionen: A: Induktion B: Infusion C: Inklusion D: Interpunktion.

Hätten Sie’s gewusst? Die Kandidatin war sich jedenfalls nicht sicher. Sie tendierte zunächst zu Interpunktion und landete schließlich – dank der gnädigen Mithilfe Günther Jauchs – bei Inklusion. Korrekt.

Was sagt uns das? Überwiegt das Positive – weil das Thema Inklusion zur besten Sendezeit aufgegriffen wurde? Oder überwiegt das Negative – weil die Kandidatin nichts damit anfangen konnte? Ich denke, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen – denn diese Szene spiegelt die momentane Situation der Inklusion ganz gut wider. Tatsächlich hat sie in den letzten Jahren einen erheblichen Bedeutungszuwachs bekommen. Genauso stimmt es aber, dass große Teile der Bevölkerung bisher nur wenige Berührungspunkte damit hatten und deshalb zwangsläufig uninformiert sind. Aus diesem Grunde nutze ich diese Gelegenheit einfach mal, um das (zumindest ansatzweise) zu ändern. Die Beschäftigung mit diesem Thema lohnt sich nämlich auch dann, wenn es gerade nicht um 16.000 Euro geht.

Die Inklusion » hat ihre Wurzeln international in der Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen und in Deutschland zum Beispiel in den Grundrechten des Grundgesetzes. Nun kommt das Thema in vielen Bereichen und auf vielen Ebenen ganz konkret auf die Tagesordnung und auch hier in Oldenburg wollen wir uns dieses Bereichs intensiv annehmen. Getragen wird dieses Bestreben nicht nur von Politik und Verwaltung, sondern auch von einem breiten Bündnis aus Bürgerinnen und Bürgern sowie diversen Organisationen.

Eine besondere Position nimmt im Moment der Schulbereich ein. Inklusive Bildung wird an niedersächsischen Schulen zum Schuljahr 2013 verbindlich eingeführt. Für Kommunen wie die Stadt Oldenburg ergibt sich hieraus die große Herausforderung, binnen relativ kurzer Zeit die Grundlagen auf den Weg zu bringen. Hierin liegt aber auch die große Chance, den gesamtstädtischen Inklusionsprozess in einem wichtigen Lebensbereich schnell voranzubringen und so auch insgesamt zu stärken.

Wir haben daher direkt nach Verabschiedung des Schulgesetzes die AG „Inklusion an Oldenburger Schulen“ ins Leben gerufen und uns das Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik der Universität Oldenburg als Unterstützung mit ins Boot geholt. Die AG umfasst mittlerweile weit über 40 Mitglieder unter anderem aus Selbsthilfegruppen, Schulen, Stadtelternrat, Stadtschülerrat, Landesschulbehörde, freien Trägern, Politik und Stadtverwaltung. In den Unterarbeitsgruppen zu diversen Einzelthemen sind noch einmal deutlich mehr Personen aktiv. Als Stadt Oldenburg möchten wir auf diese Weise nicht nur die Vorgaben des Schulgesetzes umsetzen, sondern den ganzen Prozess aktiv gestalten.

Uns zeichnet dabei nicht nur die partizipative Gestaltung des Prozesses aus. Auch auf das Ergebnis können wir stolz sein. In Oldenburg werden sich mit Beginn der Inklusion alle Schulen im Rahmen ihrer Möglichkeiten hieran beteiligen. Obwohl wir nicht jede Schule bereits zum nächsten Schuljahr vollständig „inklusionsfit“ machen können, soll so jedem Kind – ob mit oder ohne Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung – möglichst der Besuch der gewünschten Regelschule ermöglicht werden. Durch die sofortige Öffnung aller Schulen für Kinder mit Förderbedarf schaffen wir einen deutlich größeren Schritt in Richtung Inklusion, als ihn uns das Schulgesetz vorgibt. Wir tun dieses in der Gewissheit, dass inklusive Unterrichtsformen durch die individuelle Ausrichtung allen Kindern gleichermaßen zugutekommen können.

Sie sehen schon – das Konzept der Inklusion hat das Potenzial, die Gesellschaft in ihren Grundstrukturen zu verändern. Das gilt im Kleinen – wie in der Stadt Oldenburg – und auch im Großen. Dabei ist Inklusion mehr als Einbeziehung einzelner benachteiligter Gruppen oder die Konzentration auf Menschen mit einer Behinderung. Es geht um die Anerkennung jedes einzelnen Menschen in seiner Besonderheit – egal was ihn nun eigentlich so besonders macht. Niemand soll deswegen sozial, kulturell, ökonomisch, räumlich oder institutionell ausgegrenzt werden.

Um den Faden vom Anfang mal wieder aufzunehmen: Das Thema Inklusion dürfte nicht bei einer 16.000-Euro-Frage auftauchen und dort für Probleme sorgen. Es müsste Gegenstand einer 100-Euro-Frage sein – als etwas, das so selbstverständlich ist, dass es sich von allein beantwortet. Wenn wir so weit sind, dann haben wir’s geschafft!

Ihr
Gerd Schwandner