Kolumne des Oberbürgermeisters (1. Oktober)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

man sollte es nicht zur Gewohnheit werden lassen, ab und zu darf man jedoch bei sich selber „klauen“ und eigene Worte wiederverwerten. Deshalb greife ich mal einen Satz aus meiner letzten Kolumne auf: „Gegensätze ziehen sich an“, stand dort. Das bezog sich zwar auf die Filmwelt und den Standort Oldenburg. Das Prinzip funktioniert aber überall. Deswegen passen sogar Bundespolitik und Kramermarkt in eine Kolumne.

Blicken wir mal auf die letzten Wochen. Sie wurden vom Wahlkampf dominiert. Der war zwar harmlos bis langweilig – und nach dem Fernseh-Duell zwischen Merkel und Steinmeier titelte die BILD gar „Yes, we gähn!“ –, aber der Wahlkampf war dennoch allgegenwärtig. Auf Plakaten, in den Medien, in den Köpfen. Daran ist nichts falsch, schließlich gibt es kaum etwas Wichtigeres als die Entscheidung über die Zukunft unseres Landes.

Und ja, das mitunter nicht wirklich unterhaltsam inszenierte Polit-Theater kann auf die Dauer schon sehr ermüdend wirken. Erst recht, wenn Inhalte und Positionen zu Nebendarstellern degradiert werden. Und jetzt stellen Sie sich zusätzlich vor, der Wahlkampf wäre nicht nach einigen Akten vorbei, sondern würde noch ein paar Wochen/Monate länger dauern. Eine verlockende Aussicht? Nein. Eher nicht. Den Ausdruck „Zuviel des Guten“ gibt es nicht umsonst. Selbst bei sinnvollen Dingen – wie der Politik – gibt es eine Grenze der Zumutbarkeit, die besser nicht überschritten werden sollte. In Oldenburg wissen wir das längst.

Fest steht: Das Leben wäre ganz schön trist, wenn es ausschließlich von Ernsthaftigkeit geprägt wäre. Zum Glück – und damit nehme ich den Faden der Gegensätze wieder auf – gibt es aber auch noch eine Welt außerhalb der Wahlkabinen, Talkrunden und Parlamente. Nach Wochen der konzentrierten politischen Entscheidungsfindung dürfen wir uns wieder der Leichtigkeit des Seins widmen. Und wo könnte das besser funktionieren als auf dem Kramermarkt?

Unser Kramermarkt ist außerordentlich belebend für unsere Stadt. Allein schon ökonomisch. Wenn anderthalb Millionen Menschen den Kramermarkt besuchen, dann bedeutet das anderthalb Millionen positive Effekte für unsere Stadt. Doch darum geht es mir an dieser Stelle nicht. Ich wollte schließlich weg von der Ernsthaftigkeit. Denn gerade die Leichtigkeit des Kramermarktes ist es, die diesen so einzigartig und wertvoll macht.

Ich habe ihn irgendwann einmal als eine „positive Form des Eskapismus“ bezeichnet. Und das ist er tatsächlich. Wer das Marktgelände betritt, verlässt den Alltag. Er flieht nicht vor ihm, aber er lässt ihn hinter sich. Was viel wert ist. Denn wir brauchen Kontraste zu unseren Routinen, um einen offenen Geist zu bewahren und keinen Tunnelblick zu bekommen. Niemand geht genau deswegen auf den Kramermarkt. Aber es ist schön, dass die entspannten Stunden im bunten Trubel so einen positiven Nebeneffekt haben.

Ich halte es für wichtig, sich zu interessieren und zu engagieren. Für die Politik. Für die Gesellschaft. Für die Umwelt. Für all das muss Zeit sein. Ich weiß aber auch diejenigen Momente zu schätzen, in denen all das in den Hintergrund gerät und in denen wir einfach mal unproduktiv sind. Das sind die Augenblicke, in denen wir Kraft tanken und Zuversicht schöpfen. Ich weiß, das klingt arg philosophisch. Aber trotzdem ist es so.

Ich freue mich jedenfalls darüber, dass unser Leben so vielseitig ist. An einem Sonntag stimmen wir über die Zukunft unseres Landes ab – und am nächsten laufen wir mit Zuckerwatte über den Rummel. Ich würde auf keins von beidem verzichten wollen. Diese Gegensätze machen den Reiz des Seins aus. In Oldenburg und anderswo. In Oldenburg aber ganz besonders. Denn wir haben den Kramermarkt. Viel Spaß dabei!

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister