Kolumne des Oberbürgermeisters (11. Oktober 2013)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

es ist mindestens sieben Jahre her, dass der Hafen als Entwicklungspotenzial für Wohnungsbau auserkoren wurde. Mindestens sieben, weil es dieses Projekt schon gab, bevor ich mein Amt als OB angetreten bin. Ich kann mich ganz gut daran erinnern, weil ich sofort dachte: Gute Idee – auch wenn’s nicht meine war.

Die Ausgangslage ist geradezu zwingend: Der Stadthafen liegt mehr oder weniger in der Fußgängerzone. Diese Lage wäre mit Ausdrücken wie „Filetstück“ und „Rarität“ noch zurückhaltend umschrieben. Und was finden wir dort bis jetzt? Banken. Behörden. Büros. Brachen. Dabei braucht dieses Viertel vor allem eins: Bewohner. Und zwar mehr als bisher.

Mindestens sieben Jahre – das ist auch in einem tendenziell langfristig orientierten Segment wie dem Wohnungsbau eine kleine Ewigkeit. Trotzdem passierte den größten Teil davon – nichts. So zwingend die Idee, Wohnen am Wasser in Oldenburg möglich zu machen, auch ist – es geht nicht von heute auf morgen. Jedenfalls dann nicht, wenn sich auf dem Areal Gleise, Industrieanlagen und eine Wagenburg befinden. Wobei sich überraschenderweise letztere – als einzig mobiles Element – als das beharrlichste herausstellte.

Den Wert und die Bedeutung eines Zuhauses kann ich durchaus einschätzen. Ich weiß, wie wichtig es ist, weil es mir ebenfalls wichtig ist. Und ich kann auch verstehen, dass es Bewohnerinnen und Bewohnern einer Wagenburg ähnlich gehen kann. Nicht nachvollziehbar ist dagegen, dass man sich als mobil und selbstbestimmt definiert – und sich dann auf einmal als statisch und subventionsbedürftig darstellt. Das Wesen eines Wagens ist doch die Mobilität. Sie ist doch auch der Grund, warum der Bauwagen als Domizil gewählt wurde, kein Baumhaus und keine Lagerhalle. Dass Zeiten sich ändern, dass man älter wird und sesshafter, ist legitim. Nur entwickelt sich daraus nicht zwangsläufig ein Anspruch auf Verbleib. Mit dem jetzigen Verhalten konterkariert die Wagenburg ihr eigenes Wesen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde es gut, dass es die Wagenburg gibt. Schon allein der städtischen Vielfalt wegen. Ich habe auch kein Problem damit, dass die Bewohnerinnen und Bewohner zum Teil eine andere Diskussionskultur pflegen als z.B. in der Politik üblich ist. Aber nach mehrjährigen Verhandlungen mit vielen Vorschlägen, ebenso vielen Einwänden und Ablehnungen und einigen Missverständnissen muss man einfach mal einen Schlussstrich ziehen. Das hat nun das Landgericht für uns getan, indem es die Räumungsklage der Stadt für erfolgreich erklärte. Das wäre nicht passiert, wenn es Zweifel an der Angemessenheit gegeben hätte.

Trotzdem wird wohl mit weiterem Widerstand zu rechnen sein. Das ist ansatzweise vielleicht zu verstehen, letztlich ist es aber unangemessen. Zwanzig Jahre lang konnten die Wagenburger zu sehr akzeptablen Preisen in einer wunderbaren Lage wohnen und arbeiten. Warum sollen nicht auch mal andere in diesen Genuss kommen – wenn die Nachfrage da ist? Das war früher aufgrund anderer Wohntrends nicht der Fall, heute schon. Da Oldenburg weiterhin wächst, unser Hafen einzigartig zentrumsnah liegt und auch die Vorlieben am Markt in Richtung Wasser gehen, ist es geradezu logisch, dieses Areal für Wohnzwecke zu entwickeln. Das würde an anderer Stelle ja auch Luft aus dem Markt nehmen und tendenziell zu sinkenden (oder zumindest nicht weiter steigenden) Preisen führen.

Nebenbei mal eine Frage: Wenn Ihnen jemand über viele Jahre hinweg aus freien Stücken einen Vorteil gewährt, das Ganze dann aber irgendwann ein Ende hat – sind Sie dann dankbar oder sauer?

Dass der Ort am Hafen für die bisherigen Bewohnerinnen und Bewohner ideal war, bezweifle ich nicht. Wenn wir zwei oder drei Häfen hätten oder ein viel größeres Areal, dann könnte ich mir auch eine Wagenburg in unmittelbarer Nähe zur Wohnbebauung vorstellen. Kontraste machen eine Stadt ja aus. Aber der Konjunktiv ist und bleibt ein Konjunktiv. Wir haben zwar einen äußerst reizvollen und extrem günstig gelegenen Hafen – aber eben auch einen sehr kleinen. Viele Menschen möchten da wohnen, nicht nur die Wagenburger. Dass bestimmte Wohnungen sich in einem Preissegment bewegen werden, das nicht für alle erschwinglich ist, mag man bedauern. Aber auch diese Klientel – aus der häufig wichtige Arbeitskräfte für uns und unsere Unternehmen stammen – muss eine wachsende Großstadt mit den Ansprüchen Oldenburgs bedienen können.

Es geht hier nicht um den Konflikt zwischen Arm und Reich. Ich sehe die Entwicklung auch nicht als klassische Gentrifizierung wie z.B. in Hamburgs Schanzenviertel. Bei den dortigen Sanierungen entstehen wenige Wohneinheiten, wo vorher viele waren. Hier ist es andersrum. Extensiv genutzte Flächen werden – ihrer Lage gemäß – urbanisiert und städtisch genutzt. Darüber hinaus entsteht entlang der Kaimauern eine neue Aufenthaltsqualität, die sich für die gesamte Bevölkerung öffnet.

Natürlich muss in einer modernen Großstadt Platz für alles und jeden sein. Nicht nur für die tendenziell gutsituierten Wohnungssuchenden mit Hang zum maritimen Flair – sondern auch für die kulturellen Kreativzellen, die ganz anders sind als der Mainstream und deren Anderssein und Anecken durchaus positiv ist für unsere Stadt. Aber: Dieses Anderssein funktioniert theoretisch überall, nicht nur in städtischen Filetstücken. Ich bin sicher, dass dieser Gedanke sich über kurz oder lang auch bei den Bewohnerinnen und Bewohnern der Wagenburg durchsetzt – ebenso wie das Bewusstsein, dass die Alternativangebote der Stadt längst nicht so schlecht sind, wie sie öffentlich dargestellt werden (erst recht nicht mit Blick auf den allgemeinen Wohnungsmarkt).

Eines steht aber schon fest: Es wird nicht nochmal „mindestens sieben Jahre“ dauern, bis wir endlich Ergebnisse sehen. Der Anfang ist gemacht, die nächsten Schritte werden folgen. Am Hafen entsteht ein attraktives neues Stadtviertel – und darauf dürfen sich alle Oldenburgerinnen und Oldenburger freuen, nicht nur einige wenige.

Ihr
Gerd Schwandner