Kolumne des Oberbürgermeisters (12. Februar 2013)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

wenn man in unserer Stadt größtmögliches Unverständnis – oder vielleicht ausgelassenes Gelächter – ernten möchte, dann braucht man nur eine einzige Frage stellen: Ist Oldenburg eine Fahrradstadt?

Sagen wir mal so: Es ist nicht sonderlich schwer, eine Antwort darauf zu finden. Am besten stellt man sich nur fünf Minuten an eine Straße nach Wahl. Das reicht schon. Man könnte aber auch Statistiken wälzen – und würde dabei herausfinden, dass es in Oldenburg 250.000 Fahrräder gibt, also anderthalb pro Einwohner. Man könnte aber auch Kenny Hasbrouck fragen. Der ehemalige Baskets-Spieler twitterte damals kurz nach seiner Ankunft in Oldenburg: „I’ve never seen so many people on bikes in my life! I’m talkin groups of at least 15 people that don’t know each other every quarter mile“. Sinngemäß übersetzt: „Ich hab' in meinem ganzen Leben noch nie so viele Menschen auf Fahrrädern gesehen! Ich treffe hier auf Pulks von mindestens 15 Leuten, die sich gegenseitig gar nicht kennen – und zwar alle 400 Meter!“. Und wem das noch nicht reicht, sollte bei Wikipedia mal „Fahrradstadt“ eingeben. Das Ergebnis nennt vier Städte: Münster, Erlangen, Bremen – und Oldenburg.

Es gibt also keinen Zweifel: Oldenburg ist eine Fahrradstadt. 42,7 Prozent unseres Binnenverkehrs werden per Rad zurückgelegt; innerhalb des Autobahnrings sind es sogar 49 Prozent. Zum Glück! Man stelle sich den Wallring zur Feierabendzeit vor, wenn dem nicht so wäre. Die hohe Bereitschaft der Bevölkerung, bei Wind und Wetter (selbst bei Regen sind es noch 36,8 Prozent) das Rad zu nutzen, ist ein großer Vorteil für unsere Stadt. Man sollte das nicht für selbstverständlich halten. Mein herzlicher Dank geht deshalb an alle, die mehr oder weniger regelmäßig den Drahtesel satteln und das Auto stehen lassen! Sie helfen uns – und der Umwelt – sehr damit.

Die Frage ist aber: Macht uns das starke Aufkommen von Fahrrädern automatisch auch zu einer fahrradfreundlichen Stadt? Das ist nicht zwangsläufig so; und das wird auch gerne mal verwechselt. Bei uns scheint es aber der Fall zu sein. Das lässt sich aus den Ergebnissen des ADFC-Fahrradklimatests 2012 herauslesen, der vor kurzem erschienen ist. Dort belegten wir unter 69 Großstädten über 100.000 Einwohnern Platz 5. Selbst von den – räumlich tendenziell bevorteilten – 252 Städten unterhalb der 100.000er-Marke schnitten nur 20 besser ab als wir. In unserer direkten Vergleichsgruppe der Städte zwischen 100.000 und 200.000 Einwohnern erreichten wir sogar den zweiten Platz. Schon wieder Silber! Über dieses starke Ergebnis freue ich mich sehr. Vor allem deshalb, weil es nicht von Jurys oder Gremien bestimmt wurde, sondern von den Oldenburgerinnen und Oldenburgern selbst. Und wer könnte die Qualität unserer Radwege besser beurteilen als diejenigen, die sie tagtäglich nutzen?

Trotzdem sollten wir aufmerksam bleiben. Im Vergleich mit vielen anderen Städten sind wir zwar sehr gut aufgestellt. Es gibt aber auch Vorbilder, die wir bei weitem nicht erreichen und von denen wir uns nach viel abgucken können – wie Kopenhagen oder Amsterdam. In Dänemark existiert sogar der Begriff „copenhagenize“ („kopenhagenisieren“) als Verb für die Verbesserung des Radverkehrs. Natürlich haben die beiden Hauptstädte mit ihren 550.000 bzw. 790.000 Einwohnern andere Möglichkeiten als wir. Etliche Ideen lassen sich aber auch ohne üppige Budgets – und stattdessen mit etwas Kreativität – umsetzen. Man denke nur an die längst etablierte Möglichkeit für Radfahrer, Einbahnstraßen in entgegengesetzte Richtung zu befahren: Einfach, günstig, genial. Wir müssen nicht alles neu erfinden. Gutes abkupfern ist in diesem Fall legitim – denn es geht um Lösungen, nicht um Innovationen.

Wichtiger ist es aber erstmal, unsere latenten Gefahrenstellen zu minimieren und die grundsätzliche Qualität unserer Radwege weiter zu erhöhen. Dafür investieren wir in diesem Jahr annähernd eine halbe Million Euro. Das ist eine Summe, mit der man durchaus was bewegen kann. Zum einen quantitativ – denn es geht um insgesamt 18 Einzelmaßnahmen. Zum anderen aber auch qualitativ – denn es geht vielfach um die Sicherheit im Straßenverkehr. Ich bin sicher: Das ist gut angelegtes Geld – denn die Rendite stimmt.

Amerikanische Basketballstars* mögen sich angesichts der Heerscharen an Fahrradfahrern zwar wundern. Ich verstehe das aber als Kompliment, denn ich halte diese Affinität für ein sehr positives und sympathisches Charakteristikum unserer Stadt. Allerdings bleibe ich dabei: Die hohe Zahl an Radfahrern und das gute Ergebnis beim Fahrradklimatest befreien uns nicht von der Pflicht, ständig weiter an uns zu arbeiten. Die jüngste Auszeichnung ist dabei ein Ansporn. Sie müssen wir uns immer wieder neu verdienen – und genau das haben wir vor. Das Niveau unserer Radwege wollen wir – konzeptionell und konkret – immer weiter steigern. Als mittelfristige Ziele könnte ich mir vorstellen: Eine Erhöhung der Radverkehrs-Quote auf 50 Prozent – und eine Fahrradklimatest-Note mit einer „2“ vor dem Komma. Beides ist ambitioniert, aber beides ist machbar. Wenn uns das gelingen sollte, dann gibt es vielleicht auch hierzulande einen Neuzugang fürs Wörterbuch: „oldenburgisieren“.

Ihr
Gerd Schwandner


* Mit Ausnahme von Rickey Paulding. Der ist längst ein waschechter Oldenburger.