Kolumne des Oberbürgermeisters (12. März 2010)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

am 6. März 2010 hat die Oldenburgische Landschaft ihr 35-jähriges Jubiläum gefeiert. Das war ein willkommener Anlass, über das Verhältnis von Vergangenheit und Zukunft im Oldenburg der Gegenwart nachzudenken. Was dabei herausgekommen ist, dürfte allerdings nicht nur für die Gäste des Festaktes interessant sein – sondern für alle Oldenburgerinnen und Oldenburger. Deswegen haben wir die Rede » (PDF) in vollem Wortlaut online gestellt. In kompakterer Form will ich Ihnen meine Überlegungen zu Oldenburg nun hier vorstellen.

Also, was ist Oldenburg? Residenzstadt oder Übermorgenstadt? Die Indizien sprechen derzeit für Letzteres. Schließlich waren wir im vergangenen Jahr Deutschlands Stadt der Wissenschaft. Wir haben damit ein neues Selbstbewusstsein eingeleitet. Eines, das sich nicht nur aus der Geschichte ableitet – sondern eines, das unser Wissen, unser Können und unsere Kreativität in den Mittelpunkt rückt. Zudem betonen wir nicht nur, was wir schon erreicht haben. Wir betonen genauso sehr, was wir noch erreichen wollen. Und erreichen werden.

Wir verstehen diese Neuausrichtung als gesamtgesellschaftlichen Ansatz. Wir wollen auf dem Weg nach Übermorgen die ganze Bevölkerung mitnehmen. Deswegen steht dieser Text online. Und deswegen haben wir unsere Pläne nicht anhand irgendeiner komplexen Strategie dargestellt, sondern anhand dreier Buchstaben: 3T – für Talente, Technologie und Toleranz. Auch daran wird deutlich, dass wir auf Veränderung und auf Fortschritt setzen. Denn diese Begriffe implizieren Bewegung und Entwicklung. Außerdem verleihen wir Oldenburg damit zusätzliche Facetten. Zum Image der gemütlichen Großstadt kommen zusätzliche Qualitäten wie Urbanität, Modernität und Sexappeal. Unser Blick geht eindeutig nach vorn.

Nach vorn? Dann ist Oldenburg also eine Übermorgenstadt. Das wäre geklärt. Und was heißt das für unsere historischen und kulturellen Belange? Hat die Residenzstadt ausgedient? Nein. Auf keinen Fall. Es geht hier nämlich nicht um ein Entweder-oder. Wir verstehen die Oldenburger Gegenwart als Schnittstelle von Vergangenheit und Zukunft. Um das zu dokumentieren, haben wir unsere Strategie erweitert. Zu den 3T kommt ein weiteres dazu. Das vierte T – für Tradition. Es ist zwar nach wie vor richtig, auf die Zukunftsthemen Talente, Technologie und Toleranz zu setzen. Ebenso richtig ist es aber, den eigenen überkommenen Charakter zu betonen. Die eigene Geschichte. Die eigene Kultur. Die eigene Identität. Also: Die eigenen Traditionen. Sie wollen wir noch stärker betonen. Dabei möchten wir den – scheinbaren – Widerspruch von Vergangenheit und Zukunft aufheben. Beide Themen besitzen zwar auch jeweils für sich eine hohe Bedeutung. Aber erst die Kombination aus beidem – und der entstehende Kontrast – reizen das volle Potenzial aus.

Ein Beispiel für diesen Gedanken ist die Entwicklung der „Marke Oldenburg“, die wir letztes Jahr begonnen haben. Wir haben uns selbst – und das, was uns ausmacht – im Rahmen der Markenbildung hinterfragt. Und neben Themen wie Wissenschaft und Wirtschaft haben wir auch unsere gemeinsame Heimoot als eine wesentliche Stärke identifiziert. Ja, richtig: Heimoot. Plattdeutsch statt Hochdeutsch. Dieser Begriff steht in doppeltem Sinne – inhaltlich wie sprachlich – für Traditionen und Gebräuche. Diese Dinge machen unsere Heimat aus. Sie vermitteln das Gefühl eines Dazugehörens und eines Zuhauses. Und genau das ist unsere Region für ihre Bevölkerung: Ein Zuhause. Und zwar in einer Weise, die über Begrifflichkeiten wie „Wohnort“, oder „Unterkunft“ weit hinausgeht. Das erkennt man an zwei Verhaltensweisen: Wer hierher kommt – bleibt meist hier. Und wer hier weggeht – kommt meist zurück.

Tradition darf aber nicht Selbstzweck sein. Sie muss in einem Kontext zu Gegenwart und Zukunft stehen. Gerade das ist das Reizvolle: Das Vergangene in einen Zusammenhang mit dem Hier und Jetzt zu stellen. Ich sehe in dieser Aufgabe eine Chance, den Begriff Tradition zu entstauben und ihm neue Kraft zu verleihen. Wenn wir etwas Neues oder Anderes wagen, dann ist das keine Ablehnung des Alten und Bekannten. Und wenn wir Internationalität und Globalität betonen, dann ist das keine Ablehnung der Regionalität und Lokalität. Aus diesen Gründen wehre ich mich gegen Sätze wie: „Das passt hier nicht her.“ Das ist eine unzulässige Argumentation. Sie beschränkt uns. Und sie unterstellt, dass es einen bestimmten „Status Quo“ gäbe, der nicht verändert werden darf. Dass dies nicht zutrifft, hat Giuseppe Tomasi de Lampedusa schon 1954 in seinem Roman „Der Leopard“ betont. Dort hieß es: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, müssen wir zulassen, dass sich alles verändert“. Das sehe ich genauso.

Unser starker Bezug zur Heimat ist zwar positiv. Er darf uns aber nicht daran hindern, uns weiterzuentwickeln. Aber diese Philosophie hat Oldenburg längst verinnerlicht. Wie drückte Fokki das noch in unserem Image-Film aus? „Das Gute an Oldenburg ist, dass der Rest der Welt so nah dran liegt“. Stimmt genau. Unter anderem diese Haltung macht Oldenburg zu der liebens- und lebenswerten Stadt, die sie ist. Ich lebe jedenfalls gerne hier – am Schnittpunkt von Vergangenheit und Zukunft. Und Sie?

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister