Kolumne des Oberbürgermeisters (12. Mai 2010)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

wer in den letzten Monaten aufmerksam die Zeitung(en) gelesen hat, konnte mitunter den Eindruck gewinnen, Oldenburg entwickle sich langsam zum Nabel der Welt. Zum einen wurde vom Rat eine neue Städtepartnerschaft zu Kingston upon Thames in England auf den Weg gebracht; übrigens der erste „Neuzugang“ seit 1995. Zum anderen entstanden beziehungsweise intensivierten sich Kontakte zu anderen internationalen Partnern wie Baltimore County, Bursa, Port Elizabeth und Xi'an. Was ist da los? Ist der Rest der Welt plötzlich näher an Oldenburg herangerückt?

Das könnte man durchaus so ausdrücken. In unserer Region passiert genau dasselbe, was auf der ganzen Welt passiert: Die globale Vernetzung nimmt zu. Die fremden Namen mögen zwar ungewohnt klingen und die positiven Effekte der neuen Kontakte lassen sich nicht sofort in Zahlen ausdrücken. Ich begrüße den Prozess aber dennoch ausdrücklich. Schließlich ist Oldenburg kein gallisches Dorf, sondern Teil der Welt. Außerdem spiegeln die zusätzlichen Kontakte lediglich eine gesamte gesellschaftliche Öffnung Oldenburgs wider. Unsere Vereine, Unternehmen, Schulen und Hochschulen blicken immer mehr, immer weiter und immer intensiver über die Grenzen – und die Bürgerinnen und Bürger machen es ganz genauso. Es ist sinnvoll und logisch zugleich, dass auch die Verwaltung die internationale Zusammenarbeit ausweitet.

Obwohl wir also aus gutem Grund neue Kontakte in der Welt etablieren, schätzen und pflegen wir unsere traditionellen Partnerschaften und entwickeln sie behutsam weiter. Ein Beispiel dafür ist die Partnerschaft mit Kingston upon Thames. Sie ist über 15 Jahre hinweg gereift und steht nun kurz vor der offiziellen Beurkundung. Ich bin überzeugt davon, dass sie unser traditionelles Portfolio sehr aufwerten wird. Schließlich steht Kingston für Kontakte nach England und Großbritannien – und damit für interessante Partner und Ziele in großer Nähe. Das ist ein Gewinn für uns. Was allerdings für alle unserer traditionellen Partnerschaften gilt. Deshalb freue ich mich sehr darüber, dass es in den letzten Monaten in diesem Bereich einiges zu feiern gab: Im Januar das 20-jährige Jubiläum der „Städtefreundschaft“ mit Groningen, Ende März das 20-jährige Bestehen der Partnerschaft mit Rügen und nun – Mitte Mai – 25 Jahre Partnerschaft mit Cholet.

Am Beispiel Cholet lassen sich die Qualitäten der klassischen Partnerschaften gut darstellen. Zunächst fällt auf: Unsere Städte begegnen sich größenmäßig nicht gerade auf Augenhöhe. Cholet hat 55.000 Einwohner – Oldenburg knapp 162.000. Ein Verhältnis von 1:3. Ist das ein Problem? Nein, überhaupt nicht. Wir wissen diese Ungleichheit seit 25 Jahren als Vorteil zu nutzen. Von vornherein war klar: Hier geht es nicht darum, im wirtschaftlichem Sinne voneinander zu profitieren. Hier geht es ums Kennenlernen, ums Annähern und ums Verstehen. Mit anderen Worten: Es geht um die Menschen. Dabei spielt es keine Rolle, ob an einem Standort 10.000 oder 100.000 von ihnen leben. Es kommt darauf an, wie offen und interessiert sie einander begegnen. Was das angeht, kann ich unserer Partnerschaft mit Cholet Bestnoten ausstellen. Und darüber freue ich mich sehr. Es geht mir also nicht nur um die messbaren Effekte von internationalen Beziehungen. Das ist ein Missverständnis. Ich achte zwar durchaus auf ihren Nutzen. Doch denke ich dabei nicht an Zahlen. Ich denke dabei an immaterielle Faktoren: an Einblicke und Einsichten. Und an die Erweiterung des persönlichen Horizonts. Ich möchte grenzüberschreitende Kontakte deshalb keinesfalls ökonomisieren. Die Partnerschaft mit Cholet gefällt mir gerade deshalb so gut, weil offensichtlich kein Kalkül dahintersteckt – sondern eine gelebte Völkerfreundschaft. Sie ist ein hervorragendes Beispiel für die direkten und fühlbaren Auswirkungen einer Städtepartnerschaft.

Ich möchte mich ganz herzlich bei all jenen bedanken, die sich um diese Partnerschaft bemüht und sie mit Leben gefüllt haben. Auch wenn uns die französisch-deutsche Freundschaft heute ganz normal zu sein scheint, so mussten doch erst historische Gräben überwunden werden, bis es soweit sein konnte. Das ist eine große Leistung, zu der wir – die Choletais und die Oldenburger – ein kleines Stückchen beigetragen haben. Darauf dürfen wir durchaus stolz sein. Obwohl es uns in erster Linie um etwas ganz anderes ging. Nämlich: um freundschaftliche Kontakte zu liebenswerten Menschen aus einer schönen Region in einem wunderbaren Land. Genau das ist gelungen. Und ich kann mit Stolz sagen: Die Choletais sehen das genauso.

Ihr
Gerd Schwandner

Oberbürgermeister