Kolumne des Oberbürgermeisters (12. Juni 2012)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

eine Kolumne ist ein meinungsstarkes Medium. Hier geht es um einen persönlichen Blickwinkel, um eigene Gedanken in eigenen Worten. In diesem Fall ist es aber etwas anders. Die folgenden Zeilen entsprechen zwar meiner eigenen Meinung, sie sind aber nicht mein eigener Text. Ich habe nämlich gerade in das Programmheft zum CSD Nordwest 2012 geschaut. Und darin enthalten ist ein Beitrag, der viele meiner Gedanken sehr genau widerspiegelt. Praktischerweise wurde er im Rathaus erstellt, sodass ich ihn hier einfach mal zitieren kann. Selbstverständlich klar gekennzeichnet und mit Fußnote versehen:

„Oldenburg ist eine Stadt mit starken Bezügen zur Geschichte. Das sieht jeder, der sich hier umschaut. Doch die historische Architektur ist irreführend. Der Blick geht nach vorn. Es herrscht Aufbruchstimmung. Alte Strukturen machen Platz für moderne großstädtische Akzente, sie öffnen Raum für Vielfalt, Offenheit und Toleranz. Das Oldenburg der Gegenwart orientiert sich nicht an Grenzen, sondern an Freiräumen.

Dazu gehört eine große homosexuelle ‚Szene‘, wenn man sie überhaupt so nennen will. Es gibt zwar viele Angebote, die sich explizit an sie richten, weil nach wie vor Bedarf daran besteht. Dazu gehört zum Beispiel das Lesben- und Schwulenzentrum des Na Und e.V., das für eine Stadt dieser Größe einzigartig ist. Es gibt aber keine Abgrenzung. Die starke Beteiligung am und die positive Resonanz auf den CSD Nordwest ist ein Symbol für das unkomplizierte Miteinander in Oldenburg. Der CSD vereint Party und Protest, er steht für den Stolz auf das Erreichte und für den Bedarf an weiteren Veränderungen. Die Forderungen stoßen bei vielen Bürgerinnen und Bürgern auf großes Verständnis und werden von Verwaltung und Politik ernst genommen. Auch die Stadt selbst zeigt Flagge: Am Rathaus weht das Regenbogen-Banner, der Oberbürgermeister nimmt am Umzug teil, ein offizieller Empfang für die Organisatoren ist selbstverständlich.

Ein jährlicher Event wie der CSD ist ein starkes Signal nach innen und außen; es ist aber nur ein Kristallisationspunkt der Bemühungen, ein attraktiver Lebensmittelpunkt für Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle zu sein. Als Mittel- und Bezugspunkt einer großen ländlichen Region hat Oldenburg den Anspruch und die Aufgabe, eine Heimat für Homosexuelle zu sein. Diese ‚Leuchtturmfunktion‘ übernehmen wir gern und sind überzeugt, dabei auf einem guten Weg zu sein. Oldenburger Stadtluft macht auch in heutigen Kontexten frei. Sie erlaubt zu sein, wie man ist. Der hohe Anteil von Lesben und Schwulen an unserer Bevölkerung verdeutlicht das; und wir verstehen ihn als Kompliment. Und zwar als eines, das immer wieder neu verdient sein will.“¹

Das Programmheft des CSD hat zwar eine hohe Auflage; ich bin mir aber bewusst, dass längst nicht jede/r Oldenburger/in durch dieses kleine Heftchen blättert. Dabei sind viele Beiträge lesenswert; unter anderem dieser. Mir ist wichtig, dass er die Blickweite öffnet. Ich schätze den CSD zwar als ein Ausrufezeichen. Es kommt aber noch mehr darauf an, wie wir uns verhalten, wenn gerade keine bunte Parade durch die Stadt marschiert. Es geht mir um die anderen 364 Tage im Jahr, an denen wir nicht so lebhaft an die Rechte der Lesben und Schwulen erinnert werden. Hier sollten wir ebenso positiv reagieren, wie wir es am 16. Juni, an diesem Feiertag der Toleranz, tun. Und wenn ich hier „sollten“ schreibe, dann mache ich das mit der Gewissheit, dass wir in dieser Hinsicht schon weit vorangekommen sind; und mit dem Anliegen, dass es in diese Richtung noch weiter gehen sollte.

Oldenburg ist eine lebendige, vielfältige, freundliche, offene, tolerante, internationale, moderne, aber auch traditionelle, regional verwurzelte und teilweise noch agrarisch geprägte Großstadt. Hier vereinen sich verschiedenste Strömungen zu einem unverwechselbaren Ganzen – und zu einem lebenswerten Ort für alle. Genau das soll eine Großstadt sein. Genau das sind wir. Und genau das wollen wir weiter kultivieren und entwickeln. Damit dieser Glanz gar nicht erst Patina ansetzt.

Ihr
Gerd Schwandner

Oberbürgermeister


¹ Stadt Oldenburg in „ALLESAUSSERGEWÖHNLICH – CSD Programm 2012“, S. 5