Kolumne vom 12. August 2011

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

ich kann mich noch gut erinnern: Im letzten Jahr habe ich eine längere Sommerkolumne geschrieben. Ohne konkrete Botschaft, sondern einfach nur ein positives Stimmungsbild unserer Stadt. In diesem Jahr fällt das aus. Nicht, weil die Stimmung schlechter wäre. Sondern weil der Sommer fehlt.

Trotzdem muss Zeit sein für die „kleinen“ Dinge, die man im Alltagsakkord wenig beachtet oder schlichtweg übersieht. Liebenswerte Begebenheiten oder Beobachtungen, die keine tiefere politische Botschaft haben, sondern einfach nur ein – mehr oder weniger – verkapptes Kompliment an unsere Heimatstadt sind. Geschichten gibt es zum Glück genug. Neben Bahnlärm, Solarpark und Kommunalwahl gibt es viele Themen, die genauso inspirierend und motivierend sein können wie große Projekte und Entwicklungen. Für besonders wichtig halte ich dabei die elementaren Dinge: Zusammenhalt. Gegenseitigkeit. Solidarität.

Diese Tugenden zeigen sich häufig dann am deutlichsten, wenn Hilfe in der Not gefragt ist. Ich nenne einfach mal zwei Beispiele aus dem Sport – weil sie aktuell sind, weil sie viele Menschen betreffen, und weil sie jeder kennt. Erstens: den Brand des Sportzentrums des BTB. Dieser Verein, mit 4.424 Mitgliedern einer der größten der Stadt, war von einem Tag auf den anderen heimatlos. Schnelle, unbürokratische Hilfe war gefragt – und sie wurde vielfach gewährt. Vereine, Verwaltung und Privatpersonen trugen ihren Teil dazu bei. Niemand schaute ausweichend zum anderen, alle handelten. So hatte das Unglück immerhin zwei positive Effekte: Der BTB erfuhr massive Unterstützung aus allen Teilen der Bevölkerung – und wir haben einen starken Beweis für unsere gesellschaftliche Stärke erhalten. Zudem war es kein Einzelfall. Die Situation der Handballsparte des VfL Oldenburg war im Frühjahr ähnlich. Genau wie der BTB war sie – durch die Beluga-Pleite – plötzlich und unverschuldet in Not geraten. Hier war es zwar nicht die Bevölkerung, die einsprang. Das übernahmen Sponsoren und Unterstützer. Aber auch ihr Engagement zeugte von einem hohen Maß an Solidarität in unserer Stadt.

Eine solche Kultur der Gegenseitigkeit kann man nicht in Zahlen oder Statistiken ausdrücken und in Imagebroschüren damit werben. Trotzdem – oder gerade deswegen? – sollte man ihre Bedeutung nicht unterschätzen. Ein positives gesellschaftliches Klima, das akzeptiert, toleriert und integriert anstatt zu teilen und auszugrenzen, bedeutet ein Plus an Lebensqualität. Sie wiederum ist der wichtigste Standortfaktor von allen – denn sie beeinflusst alle anderen.

Als Stadt muss man sich bewusst sein, dass derlei nicht von allein entsteht. In Oldenburg dürfen wir uns zwar glücklich schätzen, dass unsere Bevölkerung mehrheitlich aufgeschlossen, freundlich und hilfsbereit ist. Das sind gute Voraussetzungen. Es gibt aber keine allgemeingültigen Garantien. Deshalb müssen wir immer wieder daran arbeiten, dass der gute Status quo erhalten bleibt – oder sogar weiter aufgewertet werden kann. In meiner nächsten Kolumne werde ich näher auf das Thema eingehen und ein konkretes Projekt aus diesem Bereich vorstellen.

Was das alles mit dem Sommer 2011 zu tun hat? Nichts. Er wird dadurch nicht besser als er ist. Damit kann ich aber leben. Wichtiger als Temperaturen und Sonnenscheindauer sind nämlich das Lebensgefühl und die Lebensqualität in unserer Stadt. Und was das angeht, dürfen wir uns ein gutes Zeugnis ausstellen. Egal, wie das Wetter gerade ist.

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister

PS: Wenn jetzt – zusätzlich – auch noch die Sonne scheinen würde, hätte ich allerdings auch nichts dagegen.