Kolumne des Oberbürgermeisters (14. Juli)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

vor zwei Wochen habe ich sie noch angetäuscht, nun kommt sie wirklich: Die Sommerkolumne. Allerdings ist sie etwas anders als die anderen. Sie benötigt etwas Vorstellungskraft – denn es geht um eine virtuelle Wanderung. Stellen Sie sich vor, Sie seien relativ neu in Oldenburg. Sie sind erst seit ein oder zwei Jahren hier. Und nun machen Sie gemeinsam mit anderen Neubürgern einen Sommerspaziergang durch diese Stadt. Eine kleine Erkundungstour. Ganz entspannt, ohne Hetze. Es ist nicht zu warm, es ist nicht zu kalt. Die Strecke ist machbar, rund drei Kilometer. Sie führt von Donnerschwee in die Innenstadt. Genauer gesagt: vom Europaplatz zum Julius-Mosen-Platz. Haben Sie Lust? Dann kommen Sie mit!

Sammelpunkt ist der Europaplatz. Die Wartenden blicken auf die Weser-Ems Halle und sie stellen fest: Der markante Bogen ist ganz schön in die Jahre gekommen. Kein Wunder. Er stammt aus dem Jahr 1954. Damals hieß der Bundespräsident noch Theodor Heuss, nicht Christian Wulff. Aber zum Glück, so erinnern wir uns, gibt es ja das „Projekt 2014“. Wir haben darüber gelesen. In den kommenden vier Jahren soll die Weser-Ems Halle umfangreich saniert und zum Teil neu gebaut werden. Das betrifft zwar nicht den Bogen. Dieses Wahrzeichen soll erhalten bleiben. Der Rest der Halle dürfte – bei einem Investment von bis zu 30 Millionen Euro – aber neu erfunden werden. Wir sind gespannt darauf. Doch nun wenden wir uns erstmal ab. Die Gruppe ist vollzählig und wir machen uns auf den Weg.

Wir gehen ein Stück auf der Donnerschweer Straße und biegen dann links in die Straßburger Straße. Nach ein paar Metern passieren wir die EWE Arena. Sie sieht nach wie vor auffallend gut aus. Keine Frage: Architektonisch ist der Rundbau sehr gelungen. Nur die Größe stößt in der Gruppe auf Irritationen. Ist sie nicht etwas klein für den Deutschen Meister? Selbst dann, wenn er inzwischen abgelöst wurde? Man ist sich schnell einig: Ja, ist sie. Allerdings waren die Baskets im Baujahr 2005 noch weit davon entfernt, einen Titel zu erringen. Von daher ist die Entscheidung für die 3.100er-Kapazität nachvollziehbar. Außerdem gibt es ja den Neubau der Weser-Ems Halle. Der wird auch Platz für die Baskets bieten. Den übernächsten Titel können wir dann mit einer Kulisse von 8.000 Fans abfeiern. Bis zum nächsten wird die Halle aber leider nicht rechtzeitig fertig …

Wir überqueren die Maastrichter Straße und erinnern uns, dass ein paar hundert Meter östlich das Baskets-Center erheblich erweitert werden soll. Haben wir nicht sogar etwas von einer „Verdoppelung“ gehört? Mag sein. Sicherer sind wir uns beim Verwendungszweck. Neben Geschäftsführung und Profitraining soll vor allem die Jugend gefördert werden. Eine gute Entscheidung, die alle in der Gruppe sehr unterstützen. Das benachbarte Jugendleistungszentrum des VfB schlägt in die gleiche Kerbe. Wir freuen uns, dass man in Oldenburg so konsequent auf den Nachwuchs setzt. Das passt gut zu einer Stadt, die sich im vergangenen Jahr „Stadt der Wissenschaft“ nennen durfte. Das scheint also viel mehr als nur ein Etikett gewesen zu sein.

Direkt vor uns türmt sich nun ein imposanter Bau auf. Es handelt sich um die neue Zentrale der LzO, die vor knapp einem Jahr fertig gestellt wurde. Der 90-Millionen-Euro-Bau dominiert und prägt die Kreuzung, auf der wir stehen. Immerhin zehn Geschosse ragt er über uns empor. 38 Meter. Ein echter Turm. Ungewöhnlich für Oldenburg, findet jemand. Gerade deswegen toll, antwortet ein anderer. Fest steht: Die LzO-Zentrale ist ein Symbol für das Oldenburg der Gegenwart. Sie deutet an, wie es wirken könnte, wenn Oldenburg in Teilbereichen noch urbaner werden würde. Nämlich: ziemlich attraktiv. Man braucht etwas Mut, um an sensiblen Orten große Schritte zu wagen. Die LzO hatte ihn. Und das hat sich – auch nach Meinung unserer Gruppe – ausgezahlt.

Direkt auf der anderen Straßenseite steht die Zentrale der GSG. Sie war ein Pionier in diesem Areal. Ihre Einweihung liegt schon ein paar Jährchen zurück. Das sieht man ihr jedoch nicht an. Sie kann sich im Vergleich mit ihren neuen Nachbarn durchaus behaupten. Gleich dahinter erkennen wir den Neubau der VHS. Er ist in seinen Formen noch klarer als die GSG. Einige in der Gruppe fühlen sich an Bauhaus-Architektur erinnert. Man kann schlechtere Vorbilder haben. Aber kaum bessere. Die veranschlagten Kosten von 6,8 Millionen Euro scheinen auf jeden Fall angemessen zu sein. Genauer wollen wir das ab November nachprüfen – indem wir so viele Kurse belegen wie möglich.

Der VHS-Bau befindet sich bereits in der Karlstraße. In diese Richtung wollen wir nicht weitergehen. Wir wissen aber, dass es da noch mehr zu sehen gäbe – bzw. bald zu sehen geben wird. Die DAK ist mit ihrer Erweiterung schon fast fertig, die Vierol AG hat mit dem Neubau ihrer Zentrale für 5 Millionen Euro gerade erst begonnen. Gegenüber, neben dem ZOB, gäbe es weitere Entwicklungsmöglichkeiten. Wir könnten uns vorstellen, hier ein Justizzentrum anzusiedeln, da das Oldenburger Gerichtsviertel aus allen Nähten platzt und die Infrastruktur dort – zurückhaltend ausgedrückt – suboptimal ist. Wir wenden unseren Blick von der Karlstraße wieder ab und richten ihn nach vorn. Uns zieht es zum Stau. Vorher wundern wir uns aber noch kurz: Wir sind noch keinen Kilometer gegangen, wir sind noch keine zehn Minuten unterwegs – doch wir haben schon eine ganze Reihe attraktiver Neubauten gesehen, die ein Investitionsvolumen in Höhe von rund 150 Millionen Euro darstellen. Außerdem haben wir realistische Potenziale für viele weitere Projekte erkannt. Wir sind uns einig: Wir spüren eine Aufbruchstimmung in dieser Stadt.

Unsere Gruppe geht durch die folgende Unterquerung und danach weiter geradeaus in die Güterstraße. Aha, zu unserer Rechten sehen wir die Rückseite der Klävemannhalle. Das von verschiedenen Kultureinrichtungen gemeinschaftlich genutzte Haus ist ein Vorbote des „neuen“ Bahnhofsviertels. Wir haben davon gehört: Der bisher sehr ungeordnete Stadtteil soll zu einem Kreativquartier umgestaltet werden. Kunst und Kultur werden dabei zwei Schwerpunkte bilden. Ein paar Meter westlich von hier soll es noch in diesem Jahr mit der Sanierung der Bahnhofstraße losgehen. Danach wird das gesamte Viertel umgestaltet. Und zwar in enger Zusammenarbeit mit der betroffenen Bevölkerung. Wir denken, dass so ein Kreativquartier der Stadt gut zu Gesicht stehen würde – weil es jeder Stadt gut zu Gesicht stehen würde. Schließlich ist die Kreativität die Schlüsselgröße für die Zukunft. Das haben einige von uns zumindest irgendwo gelesen. Und wir anderen glauben ihnen gern.

Wir gehen weiter und kommen ein paar Schritte später am Stau an. Einen Steinwurf entfernt können wir das Wasser schon sehen. Direkt vor uns sehen wir aber etwas anderes. Auf der anderen Straßenseite werden Vorbereitungen für einen größeren Bau getroffen. Das Bauschild verrät den Namen des Projekts: Hafenpromenade. Jetzt fällt der Groschen. Die meisten von uns haben davon gehört. Das 10-Millionen-Euro-Projekt umfasst zwei Baukörper. Sie schließen die Lücke zwischen LZB und der Agentur für Arbeit – und zwar so, wie man es sich in dieser attraktiven Lage wünschen würde: Mit einer Mischung aus Wohnen, Gastronomie und Gewerbe. Wir erinnern uns an die Entwurfsskizzen in der Zeitung: Moderne Architektur, die sich in der – im weitesten Sinne – maritimen Umgebung gut machen wird. Wir sind gespannt darauf. Und wir fragen uns, ob wohl noch Wohnungen frei sind …

Zu unserer Linken sehen wir das Cinemaxx, dessen Glasfront in der Sonne funkelt. Das sieht gut aus, uns interessiert aber etwas anderes. Hinter dem Gebäude beginnt eines der interessantesten Vorhaben der jüngeren Stadtgeschichte. Nämlich: die Entwicklung des Alten Stadthafens zu einem Wohngebiet am Wasser. Man könnte es mit der Hafen City in Hamburg oder mit der Überseestadt in Bremen vergleichen. Allerdings ist es ein bis zwei (oder drei) Nummern kleiner. Dafür hat es zwei entscheidende Vorteile: Erstens befindet es sich in Oldenburg. Und zweitens liegt es im Gegensatz zu den genannten Beispielen mitten in der Stadt. Fünf Minuten bis zur Fußgängerzone. Besser geht’s gar nicht. Wir fragen uns, warum früher niemand auf die Idee kam, in dieser Lage Wohnen und Leben möglich zu machen. Und wir finden keine Antwort darauf.

Der Stadthafen wird aber noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. So viel Zeit haben wir gerade nicht. Deshalb gehen wir weiter. Wir queren den Stau und gehen am gut gefüllten Stattstrand vorbei die Huntestraße entlang Richtung Schloss. Wir sehen in der Amalienstraße einige Baugerüste und freuen uns über die Sanierung der denkmalgeschützten Altbauten. Dann gewinnt etwas anderes unsere Aufmerksamkeit. Jenseits der Poststraße sind die Schlosshöfe mittlerweile ganz schön in die Höhe gewachsen. Allerdings sind sie nicht so hoch, wie wir damals gedacht hatten. Das Schloss kann sich gut behaupten. Und dieser Würfel an der Ecke, in dem die Kulturlounge untergebracht werden soll, sieht richtig interessant aus. Auch die Naturstein-Fassade gefällt uns; vor allem im Zusammenspiel mit den kontrastierenden Fensterrahmen. Hmm! Gar nicht so schlecht, diese Schlosshöfe. Auf jeden Fall sehr viel besser als das alte Hallenbad oder die ehemalige Zentrale der LzO. Da sind sich alle einig. Die 110 Millionen Euro scheinen gut investiert zu sein. Wenn jetzt noch die richtigen Läden einziehen …

Wir wundern uns über uns selbst. Anfänglich waren einige von uns gegen das Projekt. Es schien nicht zu passen. Die Realität überzeugt uns nun aber vom Gegenteil. Wir spüren tatsächlich so etwas wie Vorfreude in uns. Wer hätte das gedacht? Über uns selbst schmunzelnd gehen wir weiter. Wir wählen den Weg zwischen Schloss und Schlosshöfen hindurch, freuen uns über die erhaltenen Bäume und gehen schließlich an der Alten Wache vorbei zum Marktplatz. Wir registrieren, dass die BLB im Erdgeschoss offener gestaltet wurde und erinnern uns, dass die Bank hier 11 Millionen Euro investiert hat, um das Gebäude für die Zukunft fit zu machen. Das zeugt von großem Vertrauen in den Standort Oldenburg. Nach den bisherigen Eindrücken unseres Spaziergangs wundert uns das aber nicht. Oldenburg ist eine Boomtown.

Wir halten uns links, queren den Marktplatz und betreten das neue Pflaster in der Langen Straße. Entspannt schlendern wir weiter, an Schütting-, Gast- und Haarenstraße vorbei. Wir freuen uns über einige hübsch restaurierte Altbauten und bemerken auch hier eine rege Bautätigkeit. Wir fragen uns: Was ist los in dieser Stadt? Ächzt die Welt nicht unter den Folgen einer globalen Krise? Ja. Und hier? Keine Spur davon! Eher vom Gegenteil.

Ein paar Sekunden halten wir inne und beobachten die Arbeiten an einer schmalen Baustelle. Die Jungs müssen ganz schön schuften. Dann gehen wir weiter. Ein paar Schritte später, als wir am Leffers Eck ankommen, sehen wir in der vorderen Achternstraße einen weiteren Bau, der bald fertig gestellt ist. Wir haben gehört, dass diese beiden Baumaßnahmen allein Investitionen in Höhe von rund 25 Millionen Euro bedeuten. Es scheint, als trüge alle Welt sein Geld nach Oldenburg. Keine schlechte Entscheidung, wie wir finden.

Wir passieren einen schönen Cottagegarten (mitten in der Stadt!) und gehen auf eine Kreuzung zu. Der Heiligengeistwall begrenzt diesen Teil der Fußgängerzone. Auf der anderen Straßenseite sehen wir ein weiteres großes Bauprojekt, das zu weiten Teilen bereits vollendet ist. Die „Heiligengeisthöfe“ – so der Name – bilden einen ganz neuen (Innen)Stadtteil, der ganz anders ist als alle anderen. Er wirkt durch seine engen Schluchten geradezu großstädtisch. Uns fällt es schwer, uns an die Vorher-Situation zu erinnern. Was war da eigentlich? Und war da überhaupt was? Niemand aus unserer Gruppe weiß es. Das Resultat der 22-Millionen-Euro-Investition kann sich jedenfalls sehen lassen. Wir nehmen uns eine genauere Erkundung für die nahe Zukunft vor. Jetzt halten wir uns aber erstmal links und biegen in den Heiligengeistwall ein. Was für eine schöne Straße! Die Wallanlagen auf der anderen Straßenseite sehen prächtig aus. Aber auch die Innenstadtseite kann sich sehen lassen. Neu gepflastert, ansprechend gestaltet – und zudem mit einer eigenen Baumreihe, die zwar jung ist, aber offensichtlich gut anwächst. Wir stellen uns vor, wie es in ein paar Jahren aussieht, wenn die Bäume größer sind. Ein echter Boulevard. Nicht schlecht.

Ein paar Schritte später queren wir die Mottenstraße. Sie gewährt einen Blick auf den Waffenplatz. Im Moment ist er wunderbar grün. Das sieht großartig aus. Aber wir wissen, dass er unter einigen architektonischen Mängeln leidet. Wir stehen direkt vor den Problembauten. Abgesehen von den beiden Eckgebäuden sehen sie wirklich bemitleidenswert aus. Wir haben jedoch gehört, dass dafür eine Lösung naht. Ein Investor will an dieser Stelle 20 Millionen Euro für eine seniorengerechte „Residenz an den Wallanlagen“ aufwenden. Das klingt vielversprechend. Und es hätte – ganz nebenbei – positive Effekte für den Heiligengeistwall und den Waffenplatz. Apropos: In der Zeitung war zu lesen, dass das alte VHS-Gebäude an der Westseite des Platzes kürzlich von einem Hotel erworben wurde, um es für Veranstaltungen nutzen zu können. Auch diese Idee gefällt uns. Denn sie unterstreicht den Eindruck, dass der Waffenplatz bald aus seinem Dornröschenschlaf erwachen könnte. Man müsste ihn nur noch dauerhaft begrünen. Auf die Idee kommt aber sicherlich bald jemand …

Wir gehen etwas weiter zum Julius-Mosen-Platz. Er soll das Ziel unseres Spaziergangs sein. Kurz überlegen wir, ob wir trotzdem weitergehen sollten. Wir haben gehört, dass die Sanierung des Staatstheaters in diesen Tagen starten soll. Und will das Evangelische Krankenhaus nicht auch im großen Stil aus- und umbauen? Eine neue Feuerwache steht doch auch auf der Agenda. Dann gibt es da noch diesen Neubau von OFFIS. Und die Erweiterungen der Universität am Campus Wechloy. Dort steht doch auch dieses Forschungszentrum „Next Energy“, von dem alle reden. Vergessen werden sollen nicht die Aktivitäten der Wirtschaft, zum Beispiel plant die Schenker Deutschland AG ein neues Umschlagszentrum an der Holler Landstraße … Doch halt! Irgendwo müssen wir eine Grenze ziehen. Sonst könnte man vermutlich ewig herumwandern in dieser wunderbaren Stadt.

Für uns steht nach nur drei Kilometern und 45 Minuten fest: Es ist wirklich faszinierend, was hier passiert! Anderswo wird gejammert und geklagt, hier wird gehandelt und gebaut! Wenn wir richtig gerechnet haben, dann wurde hier in den letzten Jahren locker eine halbe Milliarde Euro investiert. Und das – unter anderem – während der größten Wirtschaftskrise der jüngeren Geschichte! Kein Zweifel: Diese Stadt ist etwas Besonderes. Wir freuen uns, hier zu sein. Wir freuen uns, hier zu leben. Und wir freuen uns auf unseren nächsten Sommerspaziergang.

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister