Kolumne des Oberbürgermeisters (15. Mai 2012)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

haben Sie schon mal über Strom nachgedacht? Derzeit gibt es einen Werbespot im Fernsehen, der mit diesem Satz beginnt. Die offenbar junge weibliche Sprecherin bekennt daraufhin freimütig „Ich nicht“ – um gleich danach erstaunlich eloquent über einen großen Energiekonzern zu referieren. Werbung halt.

Interessant ist sowieso nicht der Inhalt des Spots, sondern der gedankliche Ansatz: Es gibt tatsächlich Dinge im Leben, über die wir kaum nachdenken, obwohl sie präsent und wichtig sind. Vielleicht liegt die gewisse Nichtbeachtung auch gerade an ihrer Bedeutung. Diese Dinge sind so elementar für uns, dass wir sie gar nicht mehr als eigenständig begreifen, sondern als Teil von uns selbst verstehen. Dennoch: Es ist paradox, dass wir häufig das, was uns am nächsten ist, gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Deshalb möchte ich an ein weiteres Beispiel erinnern. An eines, das eine größere emotionale Bedeutung hat. An Freundschaft.

Dieses einfache Wort steht für Werte, Eigenschaften und Qualitäten, die für jede(n) von uns von höchster Bedeutung sind. Es steht für Nähe, Vertrauen, Zusammenhalt. Freundschaften gehören zu den engsten Bindungen, die zwischen Menschen entstehen können. Manchmal, in seltenen Fällen, können sie aber auch zwischen zwei Städten entstehen. Nämlich dann, wenn an beiden Orten ein sehr großes Interesse daran besteht, Menschen kennen zu lernen, die andere Hintergründe haben als man selbst – und wenn diese Unterschiede als Bereicherung wahrgenommen werden, nicht als Hindernis. Dieses Prinzip funktioniert nicht nur in unserer direkten Nachbarschaft, sondern auch über Grenzen hinweg. Doch wie pflegt man eine Freundschaft, die große Distanzen überbrücken muss? Berechtigte Frage. Die modernen Kommunikationsmittel – E-Mail, Skype, Twitter, Facebook – sind uns zwar eine Hilfe, sie ersetzen persönliche Kontakte aber nicht. Sagen wir mal: Sie sind eine passable Notlösung. Sie tragen dazu bei, dass die Qualität der Beziehungen nicht stark abnimmt. Sie schaffen aber keine Nähe, Vertrauen, Zusammenhalt. Dafür braucht man mehr als hin und wieder eine Nachricht. Dafür braucht man persönlichen Kontakt.

Genau darum geht es beim 2. Internationalen Freundschaftstreffen vom 17. bis 20. Mai 2012. Es ist ein bewusster Gegenentwurf zu den Möglichkeiten der digitalen Welt. Wir koppeln uns ab davon und machen stattdessen etwas vermeintlich Altmodisches: Wir treffen uns in der realen Welt, sprechen miteinander, lernen uns besser kennen und verstehen. So, wie man es vor Jahrzehnten auch schon gemacht hat. Damals, als es noch gar kein Internet gab. Aber ist das Ganze tatsächlich antiquiert, nur weil es keinem aktuellen globalen Trend entspricht? Nein, ist es nicht. Das Konzept mag traditionell sein, inhaltlich sind wir aber auf der Höhe der Zeit. Dafür steht zum Beispiel der Thementag „Aktives Altern“. Und sowieso: Freundschaften kommen niemals aus der Mode. Schon gar nicht über Grenzen hinweg.

Aber passt das Treffen überhaupt zu meiner Idee von Internationalität? Glaubt man dem Klischee, denke ich dabei sowieso nur an China. Aber dieser Eindruck ist falsch. Mir geht es bei meiner Akzentuierung nur um zusätzliche Aspekte. Wir sollten auch nach China und nach Südafrika schauen, weil das hochinteressante Länder mit wachsender Bedeutung und spannenden Perspektiven sind. Das heißt aber nicht, dass wir unsere europäische Nachbarschaft, unsere traditionellen Partnerschaften vernachlässigen sollten. Das Ausland beginnt nur 80 Kilometer von uns entfernt. Das ist ein großer Standortvorteil, den wir noch stärker nutzen könnten (und sollten).

Ich betone es an dieser Stelle noch einmal: Unsere Städtepartnerschaften sind genauso wichtig wie strategische Kontakte, sie bespielen lediglich eine andere Facette der Internationalität. Und genau das ist ihre Stärke. Bei ihnen wird nichts unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet oder quantifiziert, hier geht es allein um Menschen und um Kultur. Das eröffnet Möglichkeiten, die man in anderen Kontexten nicht hätte. Auf dieser Basis können tatsächlich Freundschaften entstehen, die diesen Namen verdienen – und die nicht nur in irgendeinem digitalen Schaufenster eines sozialen Netzwerks liegen.

Internationalität ist eine Bereicherung für uns – egal, ob sie eine Autostunde westlich von uns oder zwölf Flugstunden östlich von uns beginnt. Ich freue mich gemeinsam mit vielen Oldenburgerinnen und Oldenburgern auf etwa 330 Freundinnen und Freunde aus Cholet, Groningen, Kingston upon Thames, Machatschkala, Mateh Asher, Rügen und Taastrup. Und ich würde mich ebenfalls darüber freuen, wenn Sie mit dabei wären. Einfach rausgehen, Menschen treffen, Freundschaften schließen. Offline. Ganz ohne Strom.

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister