Kolumne vom 15. Juni 2011

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

manchmal sind es die kleinen Dinge, die Großes verkünden. Am 11. Juni war es die Zahl der E-Mails, die mich erreichte. Ab 18.27 Uhr ging es Schlag auf Schlag. Es müssen um die fünfzig gewesen sein. Und alle hatten denselben Inhalt: „Wir! gegen! den! HSV!“ Es waren nur schwarze Pixel vor weißem Hintergrund. Doch die Begeisterung war förmlich zu spüren. Eine Begeisterung, wie sie nur in wahren Fußballstädten – wie Oldenburg – zu finden ist.

Das Traumlos im Pokal hat die Sehnsucht nach den großen alten Zeiten wieder geweckt, als der VfB in den höchsten deutschen Spielklassen zu Hause war. Dort, wo er hingehört. Momentan ist er allerdings ein schlafender Riese, ein inaktiver Vulkan. In Oldenburg existiert ein enormes Potenzial, doch es ruht derzeit. Wir trösten uns mit dem Blick zurück. Wir erinnern uns an die Zweite Liga und an die „Hölle des Nordens“, der legendäre Fußballtempel in Donnerschwee, rau und ungeschliffen, berühmt-berüchtigt wie Millerntor, Tivoli und Bremer Brücke. Die Atmosphäre muss unvergleichlich gewesen sein; die Spiele begeisternd und mitreißend. Zum Beispiel: Das 2:3 im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund in der Saison 1967/1968. Oder das Eröffnungsspiel gegen den Hamburger SV im Jahre 1949 – das der VfB vor 20.000 Zuschauern mit 1:0 gewann!

Ein gutes Omen für die Gegenwart? Hoffentlich. Zumindest haben wir die Chance, in der ersten Runde des DFB-Pokals 2011/2012 für 90 oder 120 Minuten an die großen Traditionen anknüpfen. Und ich schreibe ganz bewusst „wir“. Die Sensation kann nur gemeinsam gelingen. Dann, wenn sich Mannschaft und Fans kongenial ergänzen. Dann, wenn wir die berühmten „eigenen Gesetze“ des Pokals für uns nutzen. Sie basieren auf Leidenschaft, Atmosphäre, Begeisterung. Qualitäten also, die Oldenburg reichlich zu bieten hat.

Bevor der VfB dem HSV ein Bein stellen kann, müssen aber noch zwei Fragen geklärt werden: Wann spielen wir? Und wo spielen wir? Ganz klar: So ein Spiel gehört nach Oldenburg, ins Marschwegstadion! Da gibt es gar keine Diskussion. Doch am Termin für die erste DFB-Pokalrunde steht es nach Stand der Dinge nicht zur Verfügung. Die Laufbahn wird saniert, das Spielfeld kann nicht genutzt werden. Mit dem ausführenden Unternehmen ist vereinbart, dass der Platz Ende August wieder bespielbar sein wird. Ab diesem Zeitpunkt könnten wir einen regelkonformen Ablauf gewährleisten. Ich habe den DFB deshalb schriftlich um eine Verlegung des Spieltermins gebeten. Das wurde jedoch zügig abgelehnt, obwohl man sich dort – ganz offiziell – die besondere Berücksichtigung der Belange von Amateurclubs auf die Fahne geschrieben hat. Doch die TV-Verträge gehen offensichtlich vor. Deshalb ist jetzt Kreativität gefragt. In einem Ad-hoc-Gespräch mit dem Bauunternehmen werden wir alle Möglichkeiten ausloten, die Abläufe so zu verändern, dass uns das Stadion doch zur Verfügung steht. Ich hoffe, wir werden dabei zu einer Lösung kommen. Und wenn das bedeutet, dass ich selbst eine Schippe in die Hand nehmen muss, dann werde ich das tun! Gar keine Frage!

Sollten dies trotz unseres Engagements nicht klappen, müssten wir uns mit einem Ausweichspielort in der Nachbarschaft anfreunden. Das wäre aber bestenfalls eine B-Lösung. Jede Möglichkeit hat einen Haken. Das Wilhelmshavener Stadion ist zwar nah und kompakt, mit 7.500 Plätzen aber sehr klein. Das Weserstadion hätte zwar die nötigen Ressourcen, kostet aber viel Geld (und könnte wegen der Nähe zu Hamburg zum Auswärtsspiel werden). Das Stadion an der Bremer Brücke in Osnabrück hat zwar eine schöne Pokalgeschichte. In der Saison 2009/2010 gewann der VfL dort gegen Dortmund und – ja, genau – gegen den HSV! Allerdings hat auch der VfL in der 1. Runde des DFB-Pokals ein Heimspiel. Es gibt also keine einfache Lösung. Deshalb wiederhole ich mich: So ein Spiel gehört nach Oldenburg, so ein Spiel muss ein waschechtes Heimspiel sein! Deshalb werden wir alles Mögliche tun, um es auch hier stattfinden zu lassen.

Die Hölle des Nordens ist zwar Geschichte. Die Oldenburger Fans machen aber aus jeder Schüssel einen Hexenkessel. Das hat im Pokal schon häufig den Ausschlag gegeben – für den Außenseiter, gegen den Favoriten. Deshalb sollte sich der HSV nicht zu sicher sein.

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister