Kolumne des Oberbürgermeisters (1. Juni 2012)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

ich wollte diese Kolumne ursprünglich mit einer Frage beginnen. Und zwar mit dieser: Wissen Sie, was am 20. November gefeiert wird? Und ich wollte auch gleich die Antwort darauf geben: der Weltkindertag der UNESCO. Daran sollte sich eine zweite Frage anschließen. Nämlich die, wieso ich gerade jetzt – Ende Mai – darauf komme. Die Antwort hier: antizyklisches Handeln. Ich wollte etwas über Kinder und Jugendliche schreiben, wenn es nicht jeder erwartet oder weil es gerade en vogue ist. Ziel war es, das Thema ganzjährig in der öffentlichen Wahrnehmung zu verankern. Deshalb dieser Zeitpunkt, genau ein Halbjahr nach (und vor) dem Weltkindertag.

Diese Konstruktion ist jetzt obsolet. Dank des Zehn-Punkte-Programms von Familienministerin Schröder für den beschleunigten Ausbau der Kindertagesstätten ist das Thema schon präsent, da muss ich nicht mehr nachhelfen. Grundsätzlich begrüße ich die Entwicklung sehr, denn das war ja auch mein Ziel. Mir gefällt die Konnotation der Diskussion aber nicht. Irgendwie kriegen wir es immer wieder hin, selbst den angenehmsten Themen einen negativen Touch zu verleihen. In diesem Fall: „Wir schaffen es nicht rechtzeitig“ – „Das Geld reicht nicht“ – „Klagewellen drohen“ – „Der Zehnpunkteplan ist Mist“. Das mag zwar alles stimmen. Aber besinnen wir uns doch auch mal auf den Kern des Projekts: den Anspruch auf einen Kita-Platz für Kinder unter drei Jahren ab August 2013. Das ist eine großartige Entwicklung!

Okay, zugegeben: Es wird nicht leicht, die geforderte Quote von 35 Prozent zum Starttermin einzuhalten. Auch für uns nicht. Das ärgert mich, denn wir möchten mit gutem Beispiel vorangehen. Das entspräche unserer Haltung. Aber die Kosten lassen es für uns einfach nicht zu, die Vorgaben rigoros umzusetzen. Es bleibt ja nicht bei den einmaligen Investitionen in die Gebäudeinfrastruktur. Hinzu kommen die laufenden Kosten für Personal und Unterhaltung. Und hier wollen wir keine Abstriche machen. Ein Haus allein macht noch keine Betreuung. Es wird schwer sein, ausreichend – und ausreichend gute – Kräfte zu bekommen und diese angemessen zu bezahlen. Das ist angesichts des Mangels an Fachkräften absehbar. Wer hier zu schmal kalkuliert und auf Laien oder Hilfskräfte setzt, stellt seine Kinderbetreuung auf ein wackliges Fundament. Dafür ist das Thema – zumindest uns – viel zu wichtig.

Es geht hier nicht in erster Linie darum, unbedingt eine Deadline einzuhalten. Ich will den Stellenwert eines konkreten Zeitplans nicht kleinreden. Es ist aber zweifellos nicht das alleinige Kriterium für Kinderfreundlichkeit: Wichtig ist, dass wir insgesamt – gesamtgesellschaftlich – eine Kultur der Kinderfreundlichkeit entwickeln. Also eine Haltung die ganz automatisch in jede unserer Entscheidungen einfließt, ohne dass wir Gesetze, Vorgaben und Zehnpunktepläne dafür brauchen. Wenn uns das gelingt, dann kommen wir einem wirklich wichtigen Ziel näher; auch wenn der Ausbau der Kinderbetreuung dabei sicherlich zu den Eckpfeilern gehört.

Zum Glück müssen wir darüber in Oldenburg nicht unbedingt im Konjunktiv sprechen. Unser umfangreiches Programm zum Krippenausbau geht noch im Juni in die Gremien und soll ab dem kommenden Jahr umgesetzt werden. Und grundsätzlich gibt es in Politik und Verwaltung eine hohe Sensibilität, was die Förderung von Kindern und Jugendlichen angeht. Oldenburg hat gerade erst ein gutes Zeugnis dafür bekommen. Für das Projekt „Donnerschwee wird freizeitfit“ haben wir Mitte Mai den City for Children Award 2012 erhalten. Dank unserer innovativen, kinderfreundlichen Quartiersplanung konnten wir uns gegen 22 Konkurrenten aus ganz Europa durchsetzen. Das war ein schöner Erfolg, wir haben uns darüber gefreut und wir sind stolz darauf. Gleichzeitig sind wir uns bewusst: Es geht nicht um Preise. Es geht um konkrete Maßnahmen. Und das heißt nicht zwangsläufig: um viel Geld. Mit Kreativität und guten Ideen kann man aber genauso viel – manchmal auch viel mehr – erreichen. „Donnerschwee wird freizeitfit“ war ein gutes Beispiel dafür. Das Mädchenfußballprojekt MICK ein ganz ähnliches. Weder hier noch dort standen anfangs große Mittel zur Verfügung. Es waren lediglich gute Ideen und die nötige Leidenschaft sie umzusetzen. Das sollten wir uns zum Vorbild nehmen – und weiterhin kreativ, innovativ, ehrgeizig und engagiert sein, wenn es um die Förderung unserer Kinder und Jugendlichen geht.

Die Ausweitung der Kinderbetreuung ist ein eminent wichtiges Thema. Ich halte es für eine der bedeutendsten gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart. Sie wird für die Kinder und die Eltern viel Positives bewirken. Wir werden deshalb alles daran setzen, für möglichst alle Kinder adäquate Angebote vorzuhalten. Wir wissen aber genau, dass es damit nicht getan ist. Wir stellen uns breiter auf. Wenn das bedeutet, dass wir die Vorgaben mit Verspätung erfüllen, dann wirkt das zwar nicht sehr elegant. Es ist aber vielleicht verzeihlich, wenn unsere Maßnahmen dafür eingebettet sind in ein stimmiges Konzept, das unseren Standort langfristig deutlich aufwerten wird. Und „aufwerten“ bedeutet hier: noch attraktiver werden für Kinder und Familien. Das schließt nicht nur Kita-Plätze ein, sondern auch Arbeitsplätze und berufliche Perspektiven, Bildungsangebote und -einrichtungen, Kultur-, Sport- und Freizeitmöglichkeiten, attraktive Wohn- und Lebensräume, eine intelligente Infrastruktur, ein integratives und tolerantes gesellschaftliches Klima, eine spürbare Offenheit gegenüber Neuem und Fremdem.

Der 20. November ist der Weltkindertag. Wir werden ihn auch dieses Jahr angemessen begehen. Viel wichtiger ist aber, wie wir an den restlichen 364 Tagen des Jahres mit diesem Thema umgehen. Unser Ziel ist es, jeden Tag zu einem Kindertag machen. Ohne viel Tamtam. Ohne aktuelle Anlässe. Sondern ganz selbstverständlich und allgegenwärtig, als Teil unserer alltäglichen Normalität. Da wollen wir hin. Und wir sind auf einem guten Weg.

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister