Kolumne des Oberbürgermeisters (17. Januar 2013)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

wie schön, dass Sie auch im neuen Jahr die Kolumne lesen. Das freut mich sehr. Denn das heißt: Sie haben den Weltuntergang am 21.12.2012 gut überstanden. Aber geht’s Ihnen wie mir? Ich finde das postapokalyptische Oldenburg sieht nicht viel anders aus als vorher. Eher besser als schlechter. Und das soll das Ende aller Tage sein? Okay. Dann kann ich damit leben.

Ich weiß, ich weiß: Das Weltuntergangszenario ist lange her. Interessant bleibt das ganze Phänomen aber trotzdem. Ein ganzes Jahr lang gab’s viel Lärm um nichts. Der mediale „Danse macabre“ war zwar unterhaltsam; er hat aber gezeigt, wie leicht sich Themen verselbstständigen können, wenn es nur noch um Überschriften und Schlagzeilen geht, nicht mehr um die Inhalte, die sich dahinter verbergen. „Weltuntergang“ lässt sich eben leichter vermarkten als „Kein Weltuntergang“.

In Oldenburg müssen wir uns zum Glück nicht viel mit Schreckensszenarien beschäftigen. Das neue Jahr hat begonnen wie das alte aufgehört hat: mit guten Nachrichten. Zum Beispiel: Baustart bei den Broweleit-Häusern, Verkauf der Alten Hauptpost, Förderung für Next Energy. Warum sollte sich das auch ändern, nur weil eine Ziffer variiert? Unser Aufschwung hat Substanz. Er ist weder hip noch cool, sondern wohltuend altmodisch: nämlich das Ergebnis einiger richtiger Entscheidungen auf Basis sachlicher Analysen und langfristig solider Arbeit. Klingt langweilig? Ja, irgendwie schon. Aber ich find’s großartig!

Aber keine Sorge, ich will gar nicht so tun, als sei hier alles perfekt. Das wäre Unsinn. Auch wir laufen hier und da Gefahr, zu sehr in Überschriften und Schlagzeilen zu denken und dabei die inhaltliche Diskussion zu vernachlässigen. Dass 2013 ein Superwahljahr ist, dürfte diesen Trend sicherlich nicht abschwächen. Ich sehe derzeit – rund um die Landtagswahl – zwar noch keinen Verfall der Diskussionskultur. Das läuft alles ganz ordentlich ab. Es schadet aber trotzdem nicht, daran zu erinnern, dass wir auch in Oldenburg darauf achten müssen, uns auf die richtigen/wichtigen Dinge zu konzentrieren und uns nicht in Aufgeregtheiten oder Nebensächlichkeiten zu verlieren. Ein Beispiel dafür ist die aktuelle Wahrnehmung des „step2025“. Ich habe durchaus Verständnis für die Kritik aus der Bevölkerung. Wir sollten uns aber daran erinnern, was dieser „step2025“ eigentlich ist: ein langfristig orientiertes Strategiepapier, das Vorschläge für mögliche Projekte macht, um bestimmte Probleme zu lösen. Es ist kein Masterplan, den die Verwaltung auf Gedeih und Verderb durchziehen will. Also, verstehen wir ihn einfach wieder so, wie er gemeint ist: als Diskussionsgrundlage. Und dann reden wir drüber. Ohne große Aufregung.

Dann wird’s auch weitergehen mit den guten Nachrichten in und aus Oldenburg. Sie fühlen sich schon ein bisschen nach Alltag an. Es ist einerseits faszinierend, so etwas sagen zu können – andererseits aber auch gefährlich. Denn keiner unserer Erfolge wurde „aus der Hüfte heraus“ erzielt. Als mittlere Großstadt werden wir nicht ohne weiteres mit Millionen aus Länder- oder Bundeshaushalten bedacht. Außerdem verfügen wir nicht über ein unerschöpfliches Reservoir potenter privater Großinvestoren. Wir müssen unsere Erfolge hart erarbeiten. Das hat zuletzt sehr gut funktioniert. Und deshalb sollten wir auch im neuen Jahr genau so weitermachen – und eher noch zulegen als nachlassen. Dafür dürfen wir auch weiterhin die Mühen der Ebene nicht scheuen. Wir werden nach wie vor einen langen Atem haben müssen, um unsere Ziele zu erreichen. Ganz besonders beim Thema Umgehungstrasse, aber auch bei anderen Angelegenheiten. Und wir werden uns auch weiterhin Vorteile dadurch kreieren müssen, dass wir mehr tun und weiter denken als andere.

Es ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, dass nur noch an Oberflächen gekratzt wird anstatt zu Kernen vorzudringen. Das ist eine Folge der Verdichtung und Dynamisierung der Informationsflüsse. Wenn wir die Nachrichten, die uns erreichen, nicht konsequent filtern, bleibt uns gar nichts anderes übrig als ständig nur in seichten Gewässern zu waten. Denken Sie nur an Ihr E-Mail-Postfach bei der Arbeit. Es gibt Tage, an denen kommt man mit dem Lesen nicht nach. Und privat sieht es nicht viel anders aus. Was früher ein „Zeitvertreib“ war (was für ein Wort!) ist heute „Freizeitstress“.

Wir werden Frequenzen und Taktungen der Welt nicht ändern können, nur unseren Umgang damit. Und das ist der Schlüssel zum Erfolg. Wenn es uns – wie zuletzt – gelingt, die richtigen Themen und Trends zu erkennen und sie konzentriert zu bearbeiten, dann haben wir gute Chancen, unsere starke Entwicklung fortzusetzen. Wie wichtig diese strategische und konzeptionelle Arbeit ist, haben wir ja selbst bewiesen. Die Nordwest-Zeitung titelte erst kürzlich mit Blick auf unsere Neupositionierung seit 2007: „Die Saat geht auf“. Die immer wieder attestierte hohe Dynamik und die erfolgreiche Haushaltspolitik sind Indizien dafür, dass wir bei unseren Schwerpunktsetzungen etwas richtig gemacht haben. Und das liegt vor allem daran, dass wir uns die Zeit genommen haben, die Situation genau zu analysieren. Das heißt also: Unsere Entwicklung war vor allem deshalb möglich, weil wir Dinge zu Ende gedacht haben. Das kann – und sollte – uns weiterhin als Vorbild dienen.

Ich bin niemand, der mit vielen guten Vorsätzen in das neue Jahr geht. So etwas mache ich nicht von einem Datum abhängig. Aber wenn es einen gäbe, dann diesen: Schauen wir nicht nur auf Headlines, bleiben wir nicht nur an der Oberfläche, laufen wir nicht irgendwelchen Trends hinterher. Gehen wir weiter unseren Weg. Behutsam und besonnen, aber konsequent und mutig. Dann werden wir die gute Entwicklung Oldenburgs sicher noch eine ganze Weile fortschreiben können. Und dann werden wir im Laufe des Jahres noch oft denken, fühlen, sagen: Wie gut, dass die Welt am 21.12.2012 nicht untergegangen ist. Wir hätten viel verpasst.

Ihr
Gerd Schwandner