Kolumne des Oberbürgermeisters (17. Januar 2014)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

ich kann mich nicht genau daran erinnern, wann es war. Fest steht nur: Es ist lange her, dass ich das erste Mal die „Neue Urbanität“ als ein Ziel unserer Stadtentwicklung erwähnt habe. Viele dachten anfangs, der Begriff steht für Betonwüsten und Wolkenkratzer. Darum ging es aber nie. Die Neue Urbanität, die ich mir vorstelle, ist viel intelligenter. Sie respektiert den Bestand – entwickelt ihn aber weiter – und eröffnet dadurch neue Potenziale. Behutsam – nicht brachial.

Jetzt gerade entwickelt sich ein Projekt, das dieses Prinzip sehr gut widerspiegelt: das Quartier am Waffenplatz. Die Gestaltung von Plätzen ist eine Schlüsselaufgabe der Stadtentwicklung. Hier sind die Chancen besonders groß – der Aufwand und die Risiken aber auch. Das hat die Ausstellung „Plätze in Deutschland 1950 und heute“ ziemlich deutlich gezeigt, die bis Mitte Dezember im Technischen Rathaus zu sehen war. Vielleicht waren Sie da? Falls nicht: Die Bilder zeigten ein „Who-is-Who“ der städtebaulichen Fehler und Versäumnisse. Und ganz ehrlich: Es gab Zeiten, in denen der Waffenplatz da absolut reingepasst hätte. Historisch gesehen ist er ein Ort der Zweckmäßigkeit. Tankstelle, Parkplatz, Funktionalfläche – das alles war genauso unspektakulär, wie es sich anhört. Dazu kam die Randbebauung, die bis vor ein paar Jahren oft nur Rückseitencharakter hatte. Auf den ersten Blick konnte man hier keinen Charme und keine Aufenthaltsqualität entdecken. Auf den zweiten auch nicht. Aber auf den dritten.

Diesen „dritten Blick“ hat lange Zeit aber kaum jemand gewagt. Der verlangt nämlich etwas mehr als die Blicke eins und zwei. Nicht nur Hinschauen, sondern auch Fantasie, Kreativität, Optimismus, Idealismus. Jeder wusste, dass ein Platz dieser Größe und Lage irgendein Potenzial haben musste. Aber kaum jemand hatte die richtige Idee, das nötige Herzblut und das entsprechende Kapital, um hier tatsächlich etwas umzusetzen.

Zu unserem Glück gab es aber einige Pioniere, die in Teilbereichen den Anfang gemacht haben. Besonders wichtig war das Altera Hotel. Ausgerechnet an dieser Stelle ein Vier-Sterne-Haus zu eröffnen – das war genau der Impuls, den das Areal brauchte. Kein Kompromiss, kein „irgendwie“ oder „irgendwas“ – sondern eine Qualität, die die Zukunft des Platzes vorausgeahnt hat. Auch das ist Neue Urbanität: Das Ungewohnte wagen – und gewinnen. Wichtige Impulse waren auch die Entwicklung des alten Pupasch zum Franziskaner/Ferdinand. Geholfen haben natürlich auch die Stadtgärten und die Begrünung der Hauptfläche. Diese Entwicklungen haben dafür gesorgt, dass wir über einige Nachteile des Waffenplatzes mittlerweile in der Vergangenheitsform sprechen können. Wenn nun noch die Hochbauarbeiten des neuen Quartiers beginnen, dann wird man schnell eine Vorstellung bekommen, was an diesem Ort möglich ist: die zeitgemäße Interpretation einer lebenswerten Großstadt.

Fest steht: Wir sollten bei der Stadtentwicklung nicht immer nur in die Fläche schauen, sondern auch in den Bestand. Es gibt viele Bereiche, die momentan suboptimal genutzt sind und die Aufwertungsreserven haben. Die Frage ist: Sind wir in der Lage, diese städtischen Potenziale zu entdecken und zu heben? Der Waffenplatz antwortet eindeutig „Ja! Sind wir!“. Und das macht ihn wichtig – für die Stadt und für die Neue Urbanität.

Stadtentwicklung ist zwar eine Kunst der Kompromisse. Das sieht man ihr leider auch häufig an. Große Würfe sind aber trotzdem möglich. Sie gelingen dann, wenn sich jemand mehr engagiert, als man erwarten kann oder hoffen darf. Dieses Plus an Leidenschaft – und manchmal wohl auch Leidensfähigkeit – macht den Unterschied. Denn es eröffnet Möglichkeiten, die bei Rendite- und Effizienzanalysen außen vor bleiben.

Ich freue mich, dass die Impulsgeber vom Architekturbüro Angelis und Partner in diesem Fall den „Spirit“ hatten, den so ein Projekt einfach braucht. Man hat das Potenzial des Areals erkannt – man hat eine intelligente Lösung entworfen – und man hat einen Investor gefunden, der das Konzept aus Überzeugung mitträgt. Das Quartier am Waffenplatz ist genau das, was ich mir unter Neuer Urbanität vorstelle: intelligente, zukunftsorientierte, anspruchsvolle und ansprechende Stadtentwicklung. Wir dürfen uns darauf freuen.

Ihr Gerd Schwandner