Kolumne vom 17. Oktober 2011

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

es gibt eine Landkarte von Deutschland, die darstellt, an welchen Standorten Medizinstudiengänge angeboten werden und welches Einzugsgebiet die jeweiligen Hochschulen abdecken. Das Netz ist relativ engmaschig und deckt nahezu das gesamte Bundesgebiet ab. Es gibt nur eine einzige Lücke. Eine Region, in der es weit und breit keine Universitätsmedizin gibt. Ganz oben im Nordwesten. Hier bei uns.

Zum Glück sind die allermeisten Landkarten früher oder später veraltet; auch diese. Zum Wintersemester 2012/2013 wird die European Medical School Oldenburg-Groningen an den Start gehen und die Versorgungslücke zwischen Weser und Ems schließen. Und zwar auf hohem Niveau. Am 15. November 2010 beurteilte der Wissenschaftsrat den Medizinstudiengang in Oldenburg positiv. In seiner 158 Seiten starken Stellungnahme hob er die bisherigen Forschungsleistungen der Carl von Ossietzky Universität hervor und prognostiziert eine weitere Stärkung in diesem Bereich durch die künftige medizinische Fakultät. Dank der internationalen Ausrichtung werden zudem „wichtige Impulse für die hochschulmedizinische Ausbildung in Deutschland“ und die „konsequente Erprobung neuer Wege in der medizinischen Lehre“ erwartet. Das Gründungskonzept bezeichnete der Rat als „überzeugend“. Am 31. März 2011 wurde der EMS der fünfte Nordwest-Award verliehen. Der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen nannte sie dabei einen „Ausweis der besonderes Kreativität und Innovationskraft unserer Region“. Am 5. Juli beschloss die Niedersächsische Landesregierung die Finanzierung der European Medical School im Volumen von 49 Mio. Euro für die ersten vier Jahre. Ministerpräsident David McAllister betonte, dass die Regierung von der „europaweit einzigartigen“ Idee überzeugt sei. Wissenschaftsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka bezeichnete die EMS als „bahnbrechende Chance“. Wie sehr das Land Niedersachsen an sie glaubt, zeigt auch die Tatsache, dass zusätzlich 8,5 Mio. Euro aus der Volkswagenstiftung freigegeben werden sollen. Das würde weiteren Rückenwind für den Start der EMS im kommenden Jahr bedeuten.

Das ist viel Lob aus berufenem Munde. Zu Recht? Ich denke schon. Den Stellenwert der European Medical School  für unsere Region kann man kaum hoch genug einschätzen. Vor allem natürlich wegen ihrer Primäraufgabe, der Medizinerausbildung. Das allein wäre – mit Blick auf die zukünftige Ärzteversorgung – schon wichtig genug. Die EMS setzt aber zusätzlich innovative inhaltliche Akzente wie z.B. die Internationalität. Außerdem gehe ich  – wie der Wissenschaftsrat – davon aus, dass sie  Impulse für die Forschung geben wird. Das wiederum bedeutet Entwicklungspotenziale für die gesamte Universität, für Institute und Unternehmen. Auch unsere Medizinlandschaft wird profitieren. Zwar werden wir unsere Krankenhäuser nicht zu einem Uniklinikum zusammenfassen. Die Zusammenarbeit wird aber erheblich ausgeweitet und intensiviert. Wir haben in dieser Hinsicht schon heute gute Voraussetzungen. Sowohl die fachliche Qualität unserer Krankenhäuser als auch deren Vernetzung und Kooperationsbereitschaft sind außerordentlich hoch. Mit der EMS wird beides einen zusätzlichen Schub erhalten. Zudem stärkt sie unsere bereits jetzt exzellente Zusammenarbeit mit unserer Partnerstadt Groningen. Wir wachsen immer weiter zusammen; und ich bin überzeugt davon, dass dieser Prozess ausschließlich Vorteile für uns hat. Auf beiden Seiten der Grenze.

Kein Wunder also, dass schon jetzt – fast ein Jahr vor dem Start – eine große Aufbruchstimmung in der Stadt zu spüren ist. Das war auch bei der konstituierenden Sitzung des Gründungsauschusses der EMS zu erkennen. Die Mitglieder gehen mit großem Enthusiasmus und viel Engagement, gleichzeitig aber konzentriert und fokussiert an ihre Aufgabe. Alle spüren, dass sie an etwas Bedeutendem mitwirken. Und genau das wird die EMS sein: bedeutend. Es ist eine fantastische Leistung aller Beteiligten, dass dieses äußerst ambitionierte Projekt realisiert werden konnte. Viel Überzeugungskraft, Durchsetzungsvermögen und Beharrlichkeit waren nötig, um das Ziel zu erreichen. Ich danke allen, die im Laufe der Jahre dazu beigetragen haben.

Ob das alles auch mit unserem Titel „Stadt der Wissenschaft 2009“ zu tun hatte, mit unserer neuen Schlagkraft als akademisches und innovatives Zentrum im Nordwesten, mit unserer stark verbesserten Außenwirkung und unserer gestiegenen internationalen Bekanntheit, will ich nicht beurteilen. Das sollen andere tun. Fest steht aber: Oldenburg hat lange für diesen Erfolg gekämpft. In den letzten Jahren wurden die entscheidenden Schritte getan. Und nun dürfen wir stolz auf das Erreichte sein. Egal, welche Entwicklung oder welche Entscheidung letztlich den Ausschlag gegeben hat. Hauptsache, die eingangs erwähnte Lücke wird geschlossen. Denn das ist wertvoll. Für Oldenburg. Für die Region. Und für die Menschen im Nordwesten.

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister