Kolumne des Oberbürgermeisters (17. Februar 2011)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

es ist nicht unbedingt selbstverständlich, dass ich mich über eine Maßnahme der Bundesregierung aufrichtig freue und innerlich applaudiere. Kein Wunder, zu oft werden Beschlüsse auf Kosten der Kommunen gefasst. Jetzt gab es aber eine rühmliche Ausnahme von dieser Regel: die Initiative der Bundesregierung zur Neubewertung von Kinderlärm.

Kern des Vorstoßes ist es, die Geräusche von Spielplätzen und Kindergärten toleranter zu behandeln als andere Lärmquellen. Gut so! Dieser Schritt war längst überfällig. Weniger erfreulich ist dagegen, dass er überhaupt nötig war. Was sagt es über unser Land aus, wenn wir das Recht aufs Kindsein gesetzlich regeln müssen? Nichts Gutes, fürchte ich. Dass für die Neuregelung eine Änderung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes nötig ist, einer Rechtsnorm, die auch den Schadstoffausstoß von Müllverbrennungsanlagen regelt, passt ins schiefe Bild einer Gesellschaft, die Kinder mitunter als störend empfindet.

Aber sehen wir das Positive: Der Beschluss des Kabinetts ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. „Wer Kinder will, muss auch Kinderlärm respektieren“, kommentierte Bundesumweltminister Norbert Röttgen den Beschluss. Völlig richtig! Das sehe ich genauso. Nur eine Anmerkung dazu: In dieser Formulierung schwingt mit, dass es eine Last sein könnte. „Wir müssen respektieren“ klingt jedenfalls nicht besonders mitreißend. Ich plädiere dafür, dieses im Grunde selbstverständliche Verhalten positiver darzustellen. Kinderlärm ist nichts, was wir „erdulden“ müssten. Er gehört zum Leben dazu. Auch vor der eigenen Haustür. Und ich weiß durchaus, wovon ich spreche. Bei mir steht dort nämlich eine Schule.

Ich kann den Wunsch nach Ruhe gut verstehen. Ich kann auch nachvollziehen, dass man von Kinderlärm gelegentlich schlichtweg genervt ist. Das ist völlig normal. Und angesichts der Reiz- und Immissionsüberflutung der Gegenwart wird die individuelle Erholung – auch der Gehörgänge und mithin der Nerven – immer wichtiger. Allerdings – und da bitte ich zu unterscheiden – darf das Ruhebedürfnis nicht auf Kosten unserer Kinder gehen. Schließlich ist Lärm nicht gleich Lärm. Der Vergleich, dass Kinder eine Lautstärke erreichen können wie ein Presslufthammer, hat mich immer gestört. Als ob es allein um Dezibelwerte ginge. Es geht genauso sehr um die Art der Geräusche. Und nicht zuletzt um deren Bedeutung. Wenn ein wenig Lärm andere glücklich macht, dann kann ich meine eigenen Ansprüche durchaus mal zurückstellen. Und wenn es dabei um Kinder geht, dann erst recht!

In Oldenburg sehen das viele Menschen so. Und den verbleibenden Rest will ich nicht brandmarken, sondern lieber überzeugen. Dazu braucht es nur eine Veränderung in der Wahrnehmung. Wenn man Kinderlärm als Zukunftsmusik interpretiert, dann kann man das Positive in ihm sehen. Auch wenn man sonst die Ruhe liebt. Denn wie gesagt: Lärm ist nicht gleich Lärm. Und im Falle von Kindern ist es gar keiner. Sondern die Melodie einer neuen Generation.

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister