Kolumne des Oberbürgermeisters (19. September 2013)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

ich habe schon oft über das Filmfest geschrieben. Auch an dieser Stelle. Eigentlich ist alles gesagt. Mehrfach. Und doch schreibe ich jetzt einen Text über das Filmfest. Es muss einfach sein. Nicht, weil das Filmfest zufällig meinen persönlichen Interessen entspricht. Das ist zwar der Fall, aber das ist nicht der Grund. Meine Begeisterung ist mehr als ein Faible. Sie ist das Resultat dessen, was das Filmfest ist, schafft und bewirkt. Und das ist so viel, dass man gar nicht genug Kolumnen schreiben kann, um dem gerecht zu werden.

Und außerdem: Es war das 20. Filmfest! Jubiläum! Da ist eine Kolumne doch das Mindeste.

Schauen wir nur mal aufs „Kerngeschäft“: die Filme. Sie sind sicherlich etwas sperriger, schwieriger, weniger zugänglich als große Teile der Mainstream-Blockbuster-Soße, die uns von Hollywood verkauft wird (Ausnahmen bestätigen die Regel). Aber es ist wie in vielen anderen Bereichen des Lebens: Das, was leicht zu bekommen ist, hat weniger Wert. Was wir uns erst erarbeiten, erlernen, ersparen (oder was auch immer) müssen, das ist uns besonders lieb und teuer. Und das ist beim Independent-Film ganz ähnlich. Die Storys wirken nicht so ausgedacht, die Charaktere nicht so glattgeschliffen, Kameraführung, Regie, Inszenierung, Kulisse –alles ist weniger poliert und optimiert als wir es aus Fernsehen und Kino gewohnt sind. Wer diese (vermeintlichen) Hürden aber überwindet, der wird dafür reich belohnt. Denn der Independent-Film vereint mehr Ansprüche auf sich als nur zu unterhalten. Er setzt ästhetische, visuelle, filmfotografische Akzente, aber auch inhaltlicher Art wissen die Beiträge zum Filmfest zu überzeugen. Sie provozieren Reaktionen, regen zum Nachdenken an, erweitern Horizonte, eröffnen Perspektiven – sie bereichern unsere Leben durch eine andere oder ungewohnte Sicht auf die Dinge. Das ist sehr viel wert; und es hat auch Bestand, wenn die fünf Filmfesttage vorüber sind.

Abgesehen davon ist es doch per se eine schöne Geschichte, wenn Filme unabhängig von den großen Studios entstehen. Dort sorgen Investoren dafür, dass die Nummer Sicher über allem steht. Deswegen die x-te Comichelden-Adaption, deswegen die x-te Fortsetzung eines erfolgreichen Films. Das Motto dazu: Wer Kasse macht, hat Recht. Schließlich stimmt dann die Rendite. Mag sein. Aber ist das Sinn und Zweck von Film? Geld verdienen? Haben die Film-Pioniere daran gedacht, die im Zelluloid ein Kunst- und kein Unterhaltungsmedium sahen? Eher nicht. Ich freue mich, dass Oldenburg ein Zeichen gegen diese unkreative Kommerzialisierung setzt – und in Erinnerung ruft, was der Film einmal war und was er heute noch sein kann, wenn wir ihn zu nutzen wissen.

Anders als manchmal dargestellt geht es beim Filmfest also nicht in erster Linie (und auch nicht in zweiter) um Glamour, rote Teppiche oder Blitzlichter. Das alles gehört dazu und hat seinen Reiz. Das Filmfest ist in erster Linie aber eine (populär)kulturelle Veranstaltung; und als solche ist es ungeheuer wertvoll – für den Film, die Filmschaffenden und für die Menschen, die diese Filme sehen. Und das sind immer mehr. Fast 15.000 (!) Zuschauer waren in den 70 Vorstellungen, zehn Prozent (!) mehr als im letzten Jahr – und das bei weniger Filmen und kleineren Kinos. Wer die Schlangen zum Beispiel am Freitagabend und Sonntagnachmittag gesehen hat, weiß ganz genau: Unter den Oldenburgerinnen und Oldenburgern ist das Festival längst ein „Muss“, zu dem „man“ hingeht – selbst wenn man kein Cineast ist. Die Botschaft ist ganz klar: Oldenburg ist Filmfeststadt – und die Bevölkerung ist voll dabei.

Und weil dieses Festival so hochwertig und international geschätzt und anerkannt ist, kann es neben seinen Kernaufgaben und -zielen weitere Effekte erzielen. Das Filmfest lockt jedes Jahr viele kreative, intelligente, sympathische, interessante, umgängliche, kommunikative Menschen aus aller Welt nach Oldenburg. Es geht nicht darum, irgendwelche „Stars“ hierherzuholen. Das kann gar nicht der Anspruch sein, wenn man sich auf Independent-Film konzentriert. Es gehört zu dessen Wesen, dass er abseits der „Starszene“ operiert. Viel wichtiger als jemand, der auf Fotos gut aussieht, ist jemand, der gute Filme macht. Wobei das bei den Gästen des Filmfestes häufig einhergeht, was der medialen Aufmerksamkeit sicher nicht abträglich ist. Interessant sind aber weniger Posen und Gesten als vielmehr die Arbeit und was darüber gesagt wird. Ein Filmfestival ist ja mehr als das Zeigen der Filme. Die Diskussionen und Gespräche im Abschluss sind manchmal (fast) genauso viel wert oder rücken bestimmte Elemente des Films in anderes Licht und lassen sie so ganz anders erscheinen. Das ist eine große Bereicherung. Genauso übrigens wie die spezielle Atmosphäre, die das „Gesamtpaket Filmfest“ ausstrahlt. Oldenburg ist während des Festivals spürbar internationaler, aufregender, hipper als sonst. Darum geht es nur am Rande, aber es ist eine Facette, die unserer Stadt gut steht und gut tut.

Ich fasse nochmal zusammen: Das Filmfest bietet großartiges internationales Independent-Kino, es ist ein Treffpunkt für talentierte Menschen aus aller Welt und es genießt größte Wertschätzung beim Oldenburger Publikum. Durch all diese Faktoren ist es ein Werbeträger und Marketinginstrument, wie wir es – selbst in den kühnsten Träumen und mit den größten Budgets – kaum selber kreieren könnten. Ein weltweit wirkender Botschafter, der sich mit einem bedeutenden zeitgemäßen Medium beschäftigt, dabei wichtige inhaltliche Akzente setzt, als Knotenpunkt für Kontakte dient und zudem noch publikumswirksam, beliebt und sympathisch ist? Und das, nebenbei bemerkt, mit Eintrittspreisen von 7,50 Euro sehr niedrige Zugangsschwellen hat? Geht es noch besser?

Ich antworte einfach mal entschieden: nein. Geht es nicht. Auf keinen Fall zu diesem Preis. Was Oldenburg von diesem Fest hat, ist in Relation zu unserem finanziellen Einsatz gar nicht zu ermessen. Unsere Rendite ist so traumhaft, dass man fast ein schlechtes Gewissen haben muss, für so wenig Geld so viel Gegenleistung zu bekommen. Ach, streichen Sie das „fast“: Wir sollten ein schlechtes Gewissen haben. Schließlich pfeift das Filmfest – antiproportional zu seiner Bedeutung und Anerkennung – finanziell aus dem letzten Loch und hat vor allem technisch immer wieder mit Problemen zu kämpfen – was für Produzenten, Regisseure, Schauspieler und Publikum bitter ist, da der Filmgenuss erheblich getrübt wird.

Ich hoffe sehr, dass in diesem Jahr möglichst viele, die bisher keine Fans waren, die Gelegenheit genutzt haben, um zu sehen/spüren/erleben, was das Filmfest leistet – für den Film, für das Publikum, für die Stadt. Wer das halbwegs objektiv beurteilt, kommt zu dem gleichen Schluss wie Gäste, Fachpresse und tausende Zuschauer: Der Star ist das Festival. Wir – die Stadt Oldenburg – sollten unsere Scheinwerfer ausrichten und den roten Teppich ausrollen, um das ausreichend zu würdigen.

Ihr
Gerd Schwandner