Kolumne des Oberbürgermeisters (22. Dezember)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

am Ende eines Jahres sucht man immer das Besondere. Man fragt sich: Was war, was bleibt? In diesem Jahr fällt das weitgehend aus. Wir müssen nicht lange suchen. Oldenburg war Stadt der Wissenschaft 2009. Das ist etwas, das war. Und das ist etwas, das bleibt.

Ich weiß, dass der Titel in den letzten Monaten bisweilen überpräsent war. Allerdings war er das zu Recht. Nicht, weil er ein Garant für Zukunftsfähigkeit wäre oder weil er uns in neue Sphären der Bedeutsamkeit katapultiert hätte. Sondern, weil er Oldenburgs neue Stärken und Oldenburgs neues Selbstbewusstsein widerspiegelt. Das Entscheidende: Wir sind nicht gut, weil wir den Titel bekommen haben. Wir haben den Titel bekommen, weil wir gut sind. Und weil wir zudem Potenzial haben.

Oldenburg hat den Anspruch, eine Stadt der Wissenschaft zu sein, in den vergangenen Monaten voll erfüllt. Es gab hunderte Veranstaltungen: Mal fachlich anspruchsvoll, mal niedrigschwellig und massenkompatibel, mal konsequent kindgerecht. Der Titel hat Menschen für Wissenschaft begeistert, die vorher wenig Bezug dazu hatten. Zukunftsrelevante Themen wie Energie und Umwelt, Nachhaltigkeit und Demographie wurden diskutiert und weiterentwickelt. All das hat ein Verständnis und eine Wertschätzung für unsere Forschung geschaffen, die vorher nicht – oder nicht so sehr – zu spüren waren. Ich freue mich, dass wir diese Entwicklung mit dem Schlauen Haus auch in Zukunft fortsetzen können.

Wichtig war aber auch etwas anderes. Der Titel hat unser Image enorm aufgewertet. Regional und – vor allem – überregional. In der bundesweiten Presse wurde so viel und so gut über uns berichtet wie selten zuvor. Es gab unzählige Aha-Effekte. Natürlich gab es auch kritische Stimmen. „Warum Oldenburg?“ wurde gefragt. Das zeigt aber nur, wie nötig wir diesen Neustart hatten. Und es hat uns die Gelegenheit gegeben, die passenden Antworten zu geben. Und nicht zu vergessen: Hunderte auswärtige Gäste waren zu Gast in Oldenburg und konnten sich selbst ein Bild machen. Auch durch das Jahr als Stadt der Wissenschaft können wir uns in Oldenburg über die Zunahme der Übernachtungen um 19 Prozent freuen.

Der Titel hat die positive Entwicklung unserer Stadt nochmals forciert. Er ist mehr als ein hübsches Etikett. Er ist eine Marke. Und Marken strahlen aus. Nicht zuletzt dank des Titels – und dank der Veranstaltungen – konnte Oldenburg sich endlich einmal so darstellen, wie es tatsächlich ist: Lebenswert und gemütlich, gleichzeitig aber fortschrittlich und modern. Diesen Spagat bekommt kaum eine andere Stadt so gut hin wie wir!

Das Beste an alledem: Wir haben uns in den vergangenen Monaten nicht verstellt. Wir haben einfach nur gezeigt, was wir können – und wie spannend es sein kann, davon zu erzählen. Das ist vielleicht nicht in dieser Intensität wiederholbar. Prinzipiell aber schon. Unsere Qualitäten besitzen wir schließlich nach wie vor. Deshalb wollen wir die spürbare Aufbruchstimmung nicht wieder abflauen lassen. Auch in Zukunft werden wir den Anspruch haben, wissenschaftliche Akzente zu setzen und der Bevölkerung unsere Stärken in diesem Bereich zu vermitteln. Wir möchten die Menschen weiterhin informieren, unterhalten, begeistern. Deshalb schreiben wir die Erfolgsgeschichte „Übermorgenstadt“ fort – und hängen noch viele Kapitel dran. Deshalb ist der Titel nicht nur etwas, das war. Sondern außerdem etwas, das bleibt.

Wenn man etwas weitersuchen würde – nach dem, was war und was bleibt – dann würde man vermutlich schnell bei der Wirtschaftskrise landen. Sie hat das Jahr ebenfalls geprägt. Und sie tut es noch. Wir bewegen uns nach wie vor auf dünnem Eis. Diesen Eindruck untermauern verschiedene Indikatoren. Allerdings existieren auch positive Vorzeichen. Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal 2009 so stark gewachsen wie zuletzt Anfang 2008. Und nicht zu vergessen: Die Vergleichsjahre vor der Krise waren extrem erfolgreich. Tief gefallen sind wir auch deshalb, weil wir zuvor hoch gestiegen waren.

Oldenburg würde ich in diesen Zusammenhängen nicht als eine von vielen Städten sehen – sondern als eine besondere. Ein anschauliches Beispiel für unsere relative Stärke ist die Innenstadt. Wüsste man nichts über ökonomische Rahmendaten und würde sich dort umschauen – man käme kaum auf die Idee, dass Deutschland die schwerste Nachkriegsrezession erlebt. Zahlreiche Baustellen künden eher von Aufbruchs- als von Untergangsstimmung. Die Investitionen summieren sich auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Die lokale Wirtschaft beschränkt sich zwar nicht auf die Innenstadt. Deren derzeitige Situation ist aber durchaus auf andere Bereiche übertragbar. Insgesamt schlagen wir uns in der Krise mehr als ordentlich. Und wir dürfen selbstbewusst feststellen, dass nicht „irgendjemand“ dafür verantwortlich ist – sondern wir selbst. In den vergangenen Jahren hat Oldenburg individuelle Stärken entwickelt. Unser breiter – und sehr zukunftsorientierter – Branchenmix macht uns unabhängiger von der Konjunktur als viele andere Standorte. Zudem zeichnen sich die Unternehmen und die Bürgerinnen und Bürger vielfach durch hohe Kreativität und Flexibilität aus. Die „Krise-als-Chance“-Philosophie ist weit verbreitet. All diese Positivfaktoren heben strukturelle Nachteile mehr als auf.

Was ist in alledem zum lesen? Zumindest dies: Dass Oldenburg trotz ungünstiger Bedingungen eine sehr gute Entwicklung nimmt. Das ist bemerkenswert genug – weil alles andere als selbstverständlich. Ich meine aber noch mehr zu erkennen. Und zwar einen Wandel im Denken. Es ist nur ein kleiner Wandel. Es geht um Nuancen. Aber dennoch ist er spürbar. Oldenburg beginnt selbstbewusster aufzutreten. Mit einem gewachsenen Gespür für die eigene Bedeutung – die höher ist als in der Vergangenheit und weiter zunimmt. Der Titel „Stadt der Wissenschaft“ war dabei nur ein Katalysator. Die Stärken waren vorher da. Nun passt aber auch unsere Darstellung nach außen. 2009 als ein Jahr der Krise? Ganz sicher. In Oldenburg aber mehr als das. Soviel steht fest.

Keine Sorge: Ich betrachte Oldenburg nicht durch die rosarote Brille. Ich mache mir weiterhin Sorgen um das nächste Jahr. Dennoch halte ich es zum jetzigen Zeitpunkt für bemerkenswert, wie wir dem Krisenjahr getrotzt haben. Dafür spreche ich allen Beteiligten meinen Respekt aus. Hoffen wir, dass 2010 ähnlich gut verläuft wie 2009. Und mit „ähnlich gut“ meine ich: Noch besser. Mit dem geschärften Profil als Stadt der Wissenschaft hat Oldenburg das Potenzial, aus der Krise gestärkt hervorzugehen. Ich weiß: Das ist ein arg strapazierter Satz. Aber: In diesem Fall stimmt er.

Ich spreche die ganze Zeit vom nächsten Jahr. Nicht ohne Grund. Bis dahin kann all das nämlich auch noch warten. Ich finde: Jetzt ist es erstmal an der Zeit, kräftig durchzuatmen. Ich hoffe, Sie verleben schöne Weihnachtstage und einen angenehmen Jahreswechsel im Kreise von Familien, Freuden und Verwandten. Ich danke Ihnen für ein tolles Jahr der Wissenschaft – und freue mich schon auf das nächste!

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister