Kolumne vom 22. Juli 2011

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

es gibt einige Wahrzeichen für Oldenburg. Den Lappan zum Beispiel. Das Schloss natürlich. Die Lambertikirche, das Rathaus, das PFL. All diese Bauwerke sind schon weit über hundert Jahre alt. Es gibt aber noch ein anderes Symbol für unsere Stadt. Eines, das sehr viel jünger ist – und ganz anders aussieht – als die genannten Beispiele: der Rundbogen Weser-Ems Halle. Seine unverwechselbare Linienführung besitzt höchsten Wiedererkennungswert. Die Menschen in Oldenburg – und der Region – verbinden viel Positives mit ihm. Doch nun heißt es: Die Stadt will die Weser-Ems Halle neu bauen! Und sie will dafür 34 Millionen Euro ausgeben! Ist der Rundbogen in Gefahr? Und noch dazu der städtische Haushalt? Nein, keine Sorge. Beides wird durch das Projekt nicht berührt. Aber der Reihe nach.

Als Kommune muss man sich und seine Aktivitäten ständig hinterfragen. Erst recht in Zeiten wie diesen, in denen die Finanzlage mehr als angespannt ist; und das ist sie trotz einiger Mehreinnahmen nach wie vor. Dazu gehört es auch, traditionelle Engagements und Angebote zu überprüfen; und zu ihnen zählt auch die Weser-Ems Halle. Es lief hinaus auf die elementare Frage: Wollen wir uns solch ein Veranstaltungszentrum leisten?

Diese Frage ist eher theoretischer Natur. Schließlich sind Halle und Bevölkerung im vergangenen halben Jahrhundert eng zusammengewachsen. Die Zahlen sprechen für sich. Allein im Jahr 2010 kamen 744.000 Besucherinnen und Besucher zu 378 Veranstaltungen. Für die meisten Menschen wäre eine Stadt wie Oldenburg – mit ihren rund 163.000 Einwohnerinnen und Einwohnern und mit ihrer Zentrumsfunktion für ein großes Umland – ohne die Angebote der Halle kaum vorstellbar. Darüber herrscht große Einigkeit, in der Bevölkerung ebenso wie in der Politik. Die Frage lässt sich also eindeutig beantworten: Ja, wir wollen ein Veranstaltungszentrum. Es gehört zu einer Großstadt. Es gehört zu Oldenburg.

Mit dieser Grundsatzentscheidung ist es aber nicht getan. Denn das halbe Jahrhundert hat Spuren an der Weser-Ems Halle hinterlassen. Der Zahn der Zeit nagt nicht nur an ihr, er beißt große Stücke heraus. Das Resultat: Die Hallen 5 und 6, die Hallen Ost und West sowie die Halle 7 und die Messehalle weisen einen eingeschränkt funktionstüchtigen bzw. sanierungsbedürftigen Zustand auf; von den energetischen Zuständen ganz zu schweigen. Bei der Messehalle kann es sogar zu einer Verweigerung der Betriebsgenehmigung kommen. Lediglich die Oberen Festsäle, die Kongresshalle und die EWE ARENA weisen einen guten bzw. akzeptablen Zustand auf. Die mangelhafte Substanz hat verschiedene negative Auswirkungen: Künstler kritisieren die Atmosphäre, Besucher monieren die Aufenthaltsqualität, Veranstalter sorgen sich um die Sicherheit der Gäste. Zudem gibt es finanzielle Folgen: Für den Zeitraum 1996 bis 2009 ergaben sich durchschnittliche Instandhaltungsaufwendungen von 540.000 Euro. Die Investitionen betrugen 2,33 Millionen Euro. Der Jahresfehlbetrag belief sich auf 3,3 Millionen Euro. Das heißt: Der Ist-Zustand – ohne irgendwelche Veränderungen – kostet uns über 3 Millionen Euro pro Jahr.

Man könnte so weitermachen. Schließlich hat man sich daran gewöhnt. Allerdings können wir mit dieser Flickschusterei den Zerfall nur verlangsamen, nicht stoppen. Wenn wir jetzt also nichts täten, dann entstünden trotzdem hohe Kosten, um den Status quo ansatzweise zu erhalten. Wobei damit zwangsläufig eine tendenzielle Verschlechterung einhergeht; erst recht im Vergleich mit der Konkurrenz. Diese Aussichten sind unbefriedigend. Es war deshalb geboten, über Alternativen nachzudenken. Das haben wir getan.

Es gab zwei mögliche Szenarien:
• Die Fortführung der Weser-Ems Halle mit der Altsubstanz.
• Oder die flächenneutrale Erneuerung der Weser-Ems Halle.

Die Frage lautet also: Was kostet es uns, wenn wir die Weser-Ems Halle weiter betreiben wie bisher? Wenn wir also das Nötigste tun, um sie in Stand zu halten und sie energetisch einigermaßen herzurichten? Und was kostet es uns – im Vergleich dazu – wenn wir Teile der Halle einfach abreißen und neu bauen? Mit allen energetischen Vorteilen, mit einer zeitgemäßen Ausstattung und mit optischen, architektonischen, städtebaulichen Akzenten?

Die Antwort gab die Mathematik. Ein externes Büro wurde mit der Berechnung beauftragt und kam zu einem klaren Urteil: Der flächenneutrale Neubau ist deutlich vorteilhafter und könnte den jährlichen Zuschuss – konservativ gerechnet – um ca. 210.000 Euro senken. Durch die einmalige Großinvestition werden die für die Altsubstanz erwarteten Kosten im Sanierungs- und Instandhaltungsbereich überkompensiert. Das heißt: Im Endeffekt sparen wir mehr ein als wir ausgeben. Gleichzeitig schaffen wir ein modernes, nachfragegerechtes, sichereres und energetisch zukunftsfähiges Hallenensemble. Hinzu kommen nichtmonetäre Vorteile, wie die städtebauliche Entwicklung des Areals, neue Optionen für das Veranstaltungsportfolio, die Erhöhung der Aufenthaltsqualität für Gäste und Kunden sowie die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit und des Veranstaltungsmixes für Oldenburg.

Zusätzlich wird ein hoher ökonomischer Zusatznutzen generiert, der nicht in den Jahresabschlüssen der Weser-Ems Halle abgebildet wird: die sogenannte „Umwegrentabilität“. Wissenschaftliche Gutachten haben belegt, dass durch die Aktivitäten der Weser-Ems Halle in Oldenburg und Umland Umsätze im zweistelligen Millionenbereich generiert werden. Jeder Euro im Gesamtetat der Weser-Ems Halle schafft in Oldenburg Umsätze in Höhe von 3,50 Euro. Neben diesem erheblichen Umsatzeffekt werden noch positive Einkommens-, Beschäftigungs- und Steuereffekte erzielt. Impulse für das Handwerk und Vorteile für die Umwelt kommen noch dazu. Es gibt also sehr viele – sehr gute – Gründe dafür, diese Maßnahme umzusetzen. Vereinfacht ausgedrückt verbessert sie alles – und dabei sparen wir noch.

Der Neubau der Weser-Ems Halle steht auch nicht in Konkurrenz zu anderen Vorhaben. Es ist nicht so, dass im Haushalt für das kommende Jahr ein Posten von 34 Millionen Euro steht, der anderen Projekten die finanzielle Luft zum Atmen nimmt. Erstens investiert nicht die Stadt selbst, sondern die Weser-Ems Halle GmbH. Und zweitens bedeutet das Projekt im Vergleich zum Status quo nicht zusätzliche, sondern geringere Belastungen. Die Maßnahme wertet nicht nur unser Veranstaltungszentrum deutlich auf, verleiht ihm neue Möglichkeiten und macht es attraktiver. Es schafft auch Freiräume für andere Projekte, z.B. kultureller oder sozialer Natur. Mit dem anvisierten Einsparvolumen von 210.000 Euro plus X kann man viel bewirken. Und das nicht trotz, sondern dank der Modernisierung der Weser-Ems Halle.

Man muss sich etwas von dem Grundsatz des Entweder-Oder entfernen. Es heißt in diesem Fall nicht: Entweder sparen wir – oder wir geben Geld aus. Nein, es heißt: Wir sparen dadurch, dass wir Geld ausgeben. Das klingt paradox, aber trotzdem stimmt es. Vielleicht lässt sich das anhand eines Beispiels aus dem privaten Bereich erklären: Wenn Sie in Ihren eigenen vier Wänden eine neue Heizungsanlage einbauen – dann kostet das zwar zunächst Geld. Langfristig werden die Kosten der Maßnahme durch die energetischen Einsparungen aber überkompensiert. Unter dem Strich steht ein Plus.

So ähnlich ist auch die flächenneutrale Modernisierung der Weser-Ems Halle zu verstehen. Mit dem Unterschied, dass wir nicht nur an einer einzelnen Kostenschraube drehen, sondern eine Vielzahl positiver Effekte erzielen. Und nicht zuletzt pflegen wir damit ein Wahrzeichen der Stadt Oldenburg.

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister