Kolumne des Oberbürgermeisters (22. September)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

am späten Abend des 19. September, um kurz nach 22 Uhr, passierte etwas Ungewöhnliches in Oldenburg: Der Puls unserer Stadt verlangsamte sich. Nach fünf spannenden, abwechslungsreichen, inspirierenden und internationalen Tagen – nach fünf Tagen Internationales Filmfest – kehrte der Alltag zurück. Zwar nur für kurze Zeit, schließlich beginnt bald der Kramermarkt. Dennoch war der Unterschied augenblicklich spürbar. Oldenburg ist zurück im aeroben Bereich. Und obwohl die Erholung gut tut, trauern viele Menschen den letzten Tagen bereits nach.

Es könnten sogar Tausende sein. Denn: Fast 15.000 Menschen haben das Wochenende im Kino verbracht – und damit ein klares Votum für die Bedeutung des Filmfestes abgegeben. Diese Resonanz war beeindruckend. Und das nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Viele Gäste nutzten die Gelegenheit, mit Schauspielern, Regisseuren und Produzenten zu sprechen und etwas dazu zu lernen. Übers Kino. Über Filme. Über die Welt. Über sich selbst. Das klingt pathetisch, trotzdem stimmt es. Viele Gäste haben übrigens auch mich angesprochen, um für den Erhalt des Festivals zu plädieren. Sie taten das mit Leidenschaft und Begeisterungsfähigkeit. Es war zu spüren, wie sehr die Oldenburgerinnen und Oldenburger an „ihrem” Filmfest hängen. Bei mir liefen sie damit offene Türen ein. Ich hoffe auch, dass sich nach diesem höchst erfolgreichen Filmfest weitere Türen öffnen.

Zumal es noch viel mehr Positives zu berichten gibt. Es waren nämlich auch die Künstler selbst, die die Bedeutung des Filmfestes unterstrichen haben. Sie alle waren ausnahmslos begeistert. Von der Stadt. Vom Festival. Von der Atmosphäre. Und natürlich von den Filmen. Ihre Sympathiebekundungen gingen weit über die typisch-amerikanische Form der Höflichkeit hinaus. Die Vorsitzende der Festival-Jury, Deborah Kara Unger, betonte mehrfach die Bedeutung des Oldenburger Festivals und ergänzte stellvertretend für ihre Kollegen: „You can now consider us Ambassadors of Oldenburg”. Sie alle sehen sich jetzt als Botschafter unserer Stadt! Das ist es doch, was wir uns wünschen. Wir sind schon überzeugt von unserer Stadt und genau dieser Funke ist übergesprungen. Das Filmfest schafft den schwierigen Spagat, für die Künstler und die Besucher gleichermaßen wertvoll zu sein. Ein herzlicher Dank dafür geht an Torsten Neumann und die gesamte Filmfest-Crew. Um den Trailer zu zitieren: „You have a great team there”.

Das Besondere am Kino ist zudem, dass es sich um eine Kunstform handelt, die niedrige Zugangsschwellen besitzt. Mir gefällt dabei die Bandbreite. Obwohl die Beiträge des Filmfestes einen künstlerischen Anspruch haben und obwohl die Themen durchaus mal komplex sind, bewahren sich die Filme eine hohe Zugänglichkeit. Und das ist wichtig. Denn schließlich nutzt die schönste Kunst nichts, wenn niemand bereit ist, sie anzuschauen. Im Rahmen der Closing Night drückte Deborah Kara Unger es sehr charmant aus: „In the film business we do no rocket science. But: more people go to the movies than fly to the moon.” Sinngemäß übersetzt: Der Film mag nicht die anspruchsvollste aller Kunstgattungen sein; doch sie erreicht viele Menschen.

Das 17. Internationale Filmfest Oldenburg hat dreierlei bewiesen: Erstens ist das internationale Independentkino eine der spannendsten Ausdrucksformen der gegenwärtigen Kulturszene. Stilistisch ebenso wie inhaltlich. Zweitens ist das Oldenburger Festival ein idealer Nährboden für diese Kunstform. Und drittens ist die Veranstaltung hochattraktiv für Menschen und Medien – und damit gut für die Stadt. All das lässt nur einen Schluss zu: Das Festival ist zu hundert Prozent erhaltenswert. Aus kultureller Perspektive ebenso wie aus dem Oldenburger Blickwinkel. Und deshalb verdient es auch hundert Prozent unserer Unterstützung. 

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister