Kolumne des Oberbürgermeisters (25. September 2012)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

„Afrika leuchtet“ – so titelte das Focus Magazin in der Ausgabe 36/2012 vom 3. September 2012. Und weiter: „Aufstieg des Krisen-Kontinents: Afrika wird Boom-Region und Deutschland verdient mit“. Das passte nicht nur zeitlich hervorragend zum Besuch der hochkarätig besetzten Delegation aus der südafrikanischen Provinz Eastern Cape in Oldenburg, die vom 12. bis zum 19. September 2012 stattfand, sondern – in seiner Tendenz – auch inhaltlich.

Wobei man das genauer erklären muss. Wer die Meldung oberflächlich liest, denkt dabei ans liebe Geld. Und in der Tat erschien der Artikel in der Rubrik „Finanzen“. Es lohnt sich aber, etwas genauer darüber nachzudenken. Denn der wirtschaftliche Boom bleibt in aller Regel nicht ohne (größtenteils positive) Folgewirkungen auf die Gesellschaft. Gewiss, die Unterschiede innerhalb der Bevölkerung mögen hier und da größer werden. Aber diese Unterschiede können überhaupt erst entstehen, weil es einigen besser geht als vorher. Wir sehen das auch in Asien: Dort entsteht eine neue Mittelklasse, die über höhere Einkommen – und damit über mehr Wohlstand und bessere Lebensqualität – verfügt als alle Generationen zuvor. Kein Zweifel: Die Welt ist in Bewegung. Und Afrika gehört zu den dynamischsten Regionen.

Was heißt das jetzt für uns? Zum einen ist es völlig in Ordnung und legitim, darüber nachzudenken, wie man mit dem aufstrebenden Afrika Geschäfte machen kann. Das hat nichts (mehr) mit Ausbeutung zu tun, denn es passiert mittlerweile auf Augenhöhe. Das haben wir bei unserem Wirtschaftstag Südafrika, den wir am 18. September gemeinsam mit der LzO veranstaltet haben, spüren können. Das Interesse an Kontakten ins Land am Kap ist groß – weil man sich langfristig erfolgreiche Partnerschaften davon verspricht, nicht das schnelle Geld. Und umgekehrt ist es genauso. Zum anderen eröffnet der ökonomische Aufstieg Afrikas auch in anderen Bereichen Perspektiven, da er die Länder des Kontinents in die Lage versetzt, vielfältiger, differenzierter, hochwertiger und nachhaltiger zu agieren. Ich verstehe die Aufwärtsbewegung deshalb als Katalysator für die gesamte gesellschaftliche Entwicklung, also auch auf sozialer und kultureller Ebene. In Oldenburg versuchen wir das mit den Südafrika- Begegnungen zu zeigen, die uns ein anderes Bild vermitteln als jenes, das wir in den vergangenen Jahrzehnten gewohnt waren. Wie gesagt: Die Welt ist in Bewegung. Und das verlangt auch Brüche mit Gewohnheiten.

Ich freue mich, dass wir innerhalb kurzer Zeit starke Verbindungen nach Südafrika aufbauen konnten. Die Zusammenarbeit mit unseren Partnern in East London und Eastern Cape ist sehr gut und wurde im Rahmen des Besuchs noch viel besser. Wie wichtig die Reise für unsere Partner war, zeigt u.a. die Teilnahme von Mlibo Qoboshiyane, dessen Rang mit dem eines Landesministers in Deutschland vergleichbar ist. Die Delegation bestand aus vielen Experten, die sehr daran interessiert waren, von uns zu lernen – die aber auch ihre eigenen Erfahrungen, Systeme, Projekte und Visionen erklärten und damit unsere Horizonte erweiterten. Wir konnten eine große Bandbreite an Themen – wie Verwaltung und Politik, Kunst und Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft Forschung und Entwicklung – intensiv besprechen, unterschiedliche Ansätze diskutieren und Gemeinsamkeiten entdecken. Verständigungsprobleme gab es kaum, weder sprachlich noch kulturell. Für beide Seiten war dass Treffen ein sehr positive und produktive Erfahrung – und, wie ich hoffe, erst der Auftakt zu etlichen konkreten Kooperationen.

Erfreulich ist auch, dass unsere Kontakte ans Kap exzellent ins regionale Bild passen: Niedersachsen ist Partnerland der Provinz Eastern Cape, Bremen unterhält eine Städtepartnerschaft mit Durban, das nur 600 Kilometer von East London entfernt ist. Der Nordwesten Deutschlands und der Südosten Südafrikas sind also engmaschiger vernetzt, als man zunächst glauben würde. Und ich sehe uns damit sehr gut – im Sinne von zeitgemäß und weitsichtig – positioniert.

Afrika im Allgemeinen – und Südafrika im Konkreten – bieten in verschiedenen Hinsichten Kooperationspotenziale. Sicher auch wirtschaftlich. Da lag der Focus nicht falsch. Darüber hinaus aber auch kulturell, politisch, gesellschaftlich. Fest steht: Wir müssen unser tradiertes Afrikabild langsam aber sicher – und glücklicherweise – ein Stück weit revidieren. Die Kontakte dorthin sind nicht mehr nur Entwicklungshilfe, sie sind zunehmend auch Austausche auf Augenhöhe. Davon haben die Menschen auf beiden Kontinenten etwas. Manchmal auf dem Konto, manchmal im Kopf, immer im Herzen. Genau darum geht es bei Internationalität. Und der Besuch der südafrikanischen Delegation hat das einmal mehr eindrucksvoll bewiesen.

Ihr
Gerd Schwandner

Oberbürgermeister