Kolumne des Oberbürgermeisters (27. April 2010)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

am 26. und 27. April hat in Oldenburg die Bundeskonferenz der Integrations- und Ausländerbeauftragten stattgefunden. Warum Oldenburg, fragen Sie? Wir sind doch gar keine Stadt mit einem Integrationsproblem? Ja, genau! Darum geht’s. Erstens haben wir kein Problem, weil wir es gar nicht erst so weit kommen lassen. Und zweitens denken wir in Zusammenhang mit der Integration von Migranten überhaupt nicht an Probleme, sondern an Chancen. Für unsere Stadt. Und für die Menschen.

Dass die Konferenz in Oldenburg stattfand, darf man als ein Kompliment verstehen. Wir machen in diesem Bereich vieles richtig. Das hat sich herumgesprochen. Deshalb fiel die Standortentscheidung zu unseren Gunsten aus. Was am Montag überaus vielversprechend und mit positiver Resonanz begonnen hatte, endete am Dienstagmittag allerdings mit jähem Schrecken: Prof. Dr. Rolf Meinhardt, einer der Referenten und der Initiator des bedeutenden Studiengangs „Interkulturelle Bildung und Beratung“, brach während seines Vortrags zusammen und musste reanimiert werden. Der Schock saß allen Anwesenden – einschließlich mir – tief in den Gliedern. Obwohl wir das Tagesprogramm noch nicht vollständig absolviert hatten, wurde richtigerweise beschlossen, die Bundeskonferenz vorzeitig zu beenden. Wir alle hoffen auf eine vollständige Genesung Prof. Meinhardts und wünschen ihm von Herzen alles Gute.

Ich schreibe diese Zeilen nur wenige Stunden nach dem tragischen Vorfall. Und ich schreibe sie aus einem bestimmten Grund. So wie ich Prof. Meinhardt kennen gelernt habe, hätte er nicht gewollt, dass die Nachricht von seinem persönlichen Unglück die Ergebnisse der Tagung überlagert. Dazu war ihm das Thema viel zu wichtig. Obwohl ich persönlich – in diesem Moment – eigentlich in eine andere Richtung tendiere, will ich versuchen, das zu beherzigen. Und obwohl es schwer fällt, lässt sich mit Blick auf die Konferenz viel Positives berichten. Wir haben in der Kürze der Zeit fruchtbare Gespräche geführt und interessante Diskussionsbeiträge gehört. Durch die Anwesenheit von Ministerpräsident Christian Wulff, Innenminister Uwe Schünemann und der Bundesintegrationsbeauftragten Prof. Dr. Maria Böhmer, fand die Tagung ein großes Medienecho. Zusätzlich hat der Wirbel um die neue niedersächsische Sozialministerin – und erste muslimische Ministerin Deutschlands – Aygül Özkan sicherlich zur großen Aufmerksamkeit beigetragen. Obwohl das Thema Integration auch abseits aller Personalfragen bedeutend genug wäre, um eine ausführliche Berichterstattung zu rechtfertigen.
 
Im Fall Özkan ist mir positiv aufgefallen, dass sich kritische Stimmen erst einmischten, als sie die Präsenz von christlichen Symbolen in Schulen in Frage stellte. Ihre Nominierung allein fand ausschließlich positive Resonanz. Gemeinhin sah man darin ein Zeichen für gelungene Integration. Und solche Positivbeispiele brauchen wir in der Tat, um alte Denkstrukturen aufzubrechen. Früher wurde die Integration als eine Art „Problem“ begriffen. Es hieß: „Wir müssen integrieren“. Es hieß nicht: „Wir können – oder dürfen – integrieren“. Das war ein falscher Ansatz. Integration ist etwas, das Interesse und Begeisterung wecken sollte. Deshalb sollte man sie so darstellen, wie sie wirklich ist: Positiv. Wertvoll. Bereichernd.

Ich wehre mich auch gegen den Eindruck, dieser Bereich hätte nur eine sozialpolitische Dimension. Integration birgt große Entwicklungschancen. Der Studiengang Prof. Meinhardts, der sich der Anwendbarkeit ausländischer Bildungsabschlüsse in Deutschland widmet, ist ein gutes Beispiel dafür. Wir reden über eine Win-win-Situation: Wenn wir Menschen in die Lage versetzen, sich selbst zu verwirklichen, dann wird ihnen das individuell sehr gut tun – dann wird das in aller Regel aber auch dem Standort nutzen.

Diese Chance wollen wir auch in Oldenburg nutzen. Nicht zuletzt dank unserer Integrationsbeauftragten Dr. Ayca Polat haben wir verschiedene Projekte anschieben können, die für viel Aufmerksamkeit gesorgt haben. Die Bildungspaten, die Integrationslotsen und das MICK-Projekt sind Beispiele dafür. Wir wollen aber noch weitergehen. Die Stadt Oldenburg würde gerne als eine Art Modellkommune fungieren, was die Integration von Mitarbeitern mit Migrationshintergrund betrifft. Es wäre schön, wenn jeder fünfte bis sechste Mitarbeiter der Verwaltung einen Migrationshintergrund hätte. Das entspräche der Quote in der Bevölkerung. Wir haben derzeit zwar noch Aufholbedarf. Was die Azubis betrifft, sind wir aber schon auf einem guten Weg. Und die Azubis sind ein Blick in unsere Zukunft.

Übrigens gehört in diesen Kontext auch eine „Außenpolitik“. Wir – als Stadt – dürfen Menschen integrieren. Wir – als Stadt – dürfen aber auch uns selbst integrieren. In die Bezüge der Welt. Wer pro-aktiv Kontakte zu anderen Städten in der Welt sucht, der erspart sich viel Überzeugungsarbeit am eigenen Standort. Die Philosophie der Internationalität – die Toleranz und Integration mit einschließt – sollte ganz einfach selbstverständlich sein. Diese Vision ist derzeit noch weit entfernt. Das sollte uns aber nicht daran hindern, kontinuierlich darauf hinzuarbeiten. Ganz eindeutig handelt es sich dabei um ein Ziel, dass jede Anstrengung wert ist. Für den jeweiligen Standort. Ganz besonders aber für die Menschen.

Ihr
Gerd Schwandner
Oberbürgermeister