Kolumne des Oberbürgermeisters (28. März 2013)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

das Jahr 1676 war global betrachtet nicht besonders aufregend. Keine epochalen Entwicklungen, keine sensationellen Erfindungen, wenig bemerkenswerte biographische Ereignisse. Auf lokaler Ebene sieht das allerdings etwas anders aus. Hier in Oldenburg weiß man mit dem Jahr 1676 sehr wohl etwas anzufangen. Genauer gesagt: mit dem 26. Juli. Damals zerstörte ein verheerendes Feuer drei Viertel unserer Stadt. Rund 700 Häuser wurden zerstört. Weil das Geld für den Wiederaufbau fehlte, sank die Einwohnerzahl anschließend von 4.000 auf 3.000. Eine Katastrophe.

Lang her und weit weg? Ja – und nein. Ein Brand dieser Dimension ist heute tatsächlich mehr als unwahrscheinlich. Dafür sind unsere Sicherheitsvorschriften zu fortschrittlich. Brände selbst gehören aber sehr wohl noch zur Gegenwart; auch in verheerenden Ausmaßen. Das haben wir in Oldenburg leider erst kürzlich wieder erleben müssen, als in Ohmstede drei reetgedeckte Bauernhäuser abbrannten. Schon der Verlust der historischen Bausubstanz ist tragisch. Uns geht dort ein Stück Heimatkultur verloren. Aber wie viel mehr ist dort passiert? Menschen haben ihr Zuhause verloren, ihre persönlichen Habseligkeiten, ihre Andenken und Erinnerungsstücke. Und nicht zu vergessen: der finanzielle Schaden. Denn selbst wenn Versicherungen die Kosten decken sollten: Der Weg zur Schadensregulierung ist oft ein langer Prozess, der Kraft und Geld kostet.

Erschreckend war zudem etwas anderes. Bei den Rettungsmaßnahmen verletzte sich ein junger Feuerwehrmann schwer. Nur seine Schutzausrüstung und das beherzte Eingreifen eines Kameraden verhinderten, dass er bleibende Schäden davonträgt – oder sogar in akute Lebensgefahr geriet. Sein Zustand hat sich in den letzten Tagen glücklicherweise verbessert, sodass ich hoffe, dass er bald aus dem Krankenhaus entlassen werden kann. Dennoch: der Schrecken bleibt. Nicht nur bei ihm, sondern auch bei seinen Kolleginnen und Kollegen – und nicht zuletzt bei uns, der Bevölkerung.

Was mich in diesem Zusammenhang sehr positiv gestimmt hat, ist die Reaktion vieler Menschen. In Ohmstede hält man zusammen und hilft sich gegenseitig. Es ist toll mit anzusehen, dass Menschen sich in der Not beistehen und Halt geben. Das war vorbildlich – und ich bedanke mich herzlich dafür. Dieses Lob gilt allerdings nicht uneingeschränkt für alle. Viele Menschen hatten das Bedürfnis, den Ort der Katastrophe persönlich anzusehen. Die Menge an „Sensations-Touristen“ wurde so groß, dass wir gezwungen waren, die Straße entlang des Unglücksortes zu sperren. Ich kann das Interesse zwar grundsätzlich verstehen. Ich möchte alle Oldenburgerinnen und Oldenburger aber herzlich bitten, ihr Informationsbedürfnis nicht über das Wohl der Betroffenen zu stellen. Auf sie muss es pietätlos wirken, wenn die Ruinen ihres Lebens plötzlich ein beliebtes Fotomotiv werden. Deshalb mein Appell: Fahren Sie nicht nach Ohmstede. Besuchen Sie den Unglücksort nicht. Nehmen Sie sich stattdessen ein Beispiel am Bunkerclub Bornhorst, der sein traditionelles Osterfeuer aus Rücksicht auf die Geschehnisse abgesagt hat.

Das Feuer vom 24. März 2013 mag nicht das Ausmaß des Stadtbrandes vom 26. Juli 1676 gehabt haben. Trotzdem ist es eine schreckliche Katastrophe. Mein Mitgefühl gilt den Betroffenen, die hoffentlich nicht den Mut verlieren und die Kraft haben, die kommenden Wochen durchzustehen. Ich wünsche ihnen beides von Herzen. Ich wünsche mir aber auch, dass wir den Brand nicht ausschließlich als Tragödie begreifen. Versuchen wir, auch das Positive zu sehen – selbst wenn es einige Mühe kostet. Zum Beispiel: Den Wert einer gut ausgebildeten und ausgerüsteten Feuerwehr – die zur Stelle ist, wenn wir sie brauchen. Zwar machte der extreme Ostwind jeden Versuch zunichte, die drei betroffenen Häuser zu retten. Aber dem hochprofessionellen Einsatz unserer Berufsfeuerwehr und der vielen freiwilligen Kameraden sei Dank: Ein ganze Reihe reetgedeckter Häuser im direkten Umfeld konnte gesichert werden und damit auch die Existenz und das Wohl der Menschen. Das ist die Aufgabe unserer Feuerwehr, aber es gibt Momente, in denen dafür öffentlicher Dank ausgesprochen werden muss.

Der Blick nach vorn ist immer noch die beste Antwort auf Schicksalsschläge wie diesen. Das war 1676 so, als eine ganze Stadt wieder neu aufgebaut werden musste. Und das ist auch 2013 so, wo nachbarschaftliche Unterstützung und gesellschaftliche Anteilnahme zumindest einen ersten Schritt auf den Weg zurück in den Alltag darstellen. Vielleicht lohnt es sich, diesen Gedanken mitzunehmen: Fühlen wir mit den Betroffenen – aber blicken wir dabei nicht nur zurück, sondern auch nach vorn. Denn dort, in der Zukunft, haben wir die Möglichkeit Dinge zu verändern und zu verbessern. Darum geht es jetzt – und immer.

Ihr
Gerd Schwandner


PS: Ich wünsche Ihnen schöne und frohe Ostern; auch – oder ganz besonders – dann, wenn Sie in letzter Zeit schlechte Nachrichten zu verarbeiten hatten. Nutzen Sie die Tage in Ihrem Sinne, verbringen Sie eine schöne, erholsame Zeit, sammeln Sie Kraft und Zuversicht – und kehren Sie anschließend gestärkt zurück in den Alltag.