Kolumne des Oberbürgermeisters (28. Mai 2013)

Liebe Oldenburgerinnen und Oldenburger,

haben Sie zufällig schon mal den Namen Kishore Mahbubani gehört? Nein? Keine Sorge, damit sind Sie nicht allein. Eine große Berühmtheit ist Mahbubani nämlich nicht. Er ist ein Autor aus Singapur. Sein neues Buch „The Great Convergence“ rangiert auf Platz 52.000 unter den englischsprachigen Büchern bei Amazon. Vermutlich reichen dafür zwei, drei verkaufte Einheiten.

Das wäre theoretisch nicht weiter erwähnenswert, ist es letztlich aber doch. Warum? Weil man das Buch anders betrachten muss als andere. Es ist kein Schwedenkrimi, keine B-Promi-Biographie und keine gedruckte Stand-up-Comedy. Es ist ein Sachbuch. Nicht mal skandalös oder provokativ, sondern objektiv und informativ. Es handelt von der Entwicklung globaler Machtverhältnisse. Und die aufs Nötigste reduzierte Kernbotschaft lautet: Die Bedeutung des Westens nimmt ab – die Bedeutung des Rests der Welt nimmt zu.

Für uns ist dieser Gedanke immer noch etwas unbequem, weil wir uns an unsere Vormachtstellung gewöhnt haben. Dass sich das jetzt langsam ändert, ist aber kein Drama. Das ist eine gute Nachricht. Es ist ja nicht so, dass uns jemand etwas wegnehmen will. Die Welt wird nur etwas gerechter aufgeteilt. Der klassische „Westen“ – Europa, Nordamerika, Australien – macht gerade mal 12 Prozent der Weltbevölkerung aus. Wir haben also keinen quantitativ legitimierten Anspruch darauf, die Erdkugel zu dominieren. Lassen Sie uns die Situation deshalb positiv interpretieren. Reden wir nicht vom Bedeutungsverlust des Westens, sondern vom Bedeutungszuwachs für die anderen Teile der Welt.

Dass unser Bewusstsein für die globalen Veränderungen auch in der Übermorgenstadt immer stärker wird, hat zuletzt der Deutsche Entwicklungstag gezeigt: Gut 25 Oldenburger Institutionen, Verbände und Vereine haben auf dem Schlossplatz ihr Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit mit Ländern des Globalen Südens – den Entwicklungs- und Schwellenländern – gezeigt. Die Bandbreite war groß. Und für die Besucherinnen und Besucher war die Vielfalt ein Aha-Erlebnis. Allen Akteuren gebührt an dieser Stelle der ausdrückliche Dank der Stadt Oldenburg, auch mein persönlicher. Leider hat das Wetter allen übel mitgespielt: Der Besucherandrang blieb aus. Trotzdem haben alle dem Dauerregen und der Kälte getrotzt und sich die Freude an der Aufgabe nicht nehmen lassen. Ein starkes Signal, wie ernst das Engagement für die Entwicklungszusammenarbeit in der Übermorgenstadt ist.

Formell zählen auch China und Indien noch zum Globalen Süden, wenngleich insbesondere das Reich der Mitte inzwischen neben den Vereinigten Staaten der Weltwirtschaftsmotor ist. Aber auch andere Staaten wie Südkorea, Indonesien oder die Philippinen vollziehen starke Aufwärtsbewegungen und verleihen dem Osten mehr Gewicht. In Südamerika ist die Entwicklung weniger stark und weniger breit, aber grundsätzlich ähnlich. Dort ist Brasilien der Taktgeber, die meisten anderen Länder sind noch nicht ganz so weit. Und auch in Afrika erkennen wir den Trend.

Denken wir mal zurück, 15 oder 20 Jahre. Damals galt Afrika noch als ein „verlorener Kontinent“. Hunger, Seuchen, Kriege, Völkermorde, Putsche – all das war mehr oder weniger Alltag. Und heute? Wir haben es sicherlich nicht mit dem Gegenteil zu tun. Probleme gibt es nach wie vor. Aber vom Worst-Case-Szenario haben sich Teile des Kontinents weit entfernt. Sechs der zehn am stärksten wachsenden Volkswirtschaften der letzten Dekade kommen aus der Subsahara-Region. Dazu gehören Nationen wie Sambia. Mal ehrlich: Wer hätte das gedacht?

Wir erleben zwar weiterhin negative Entwicklungen wie etwa in Mali oder im Sudan. Außerdem bleibt die Arbeitslosigkeit ein riesengroßes Problem in allen afrikanischen Staaten. Und generell kommt das Wohlstands- und Wirtschaftswachstum viel zu wenig beim Volk an. Wir erleben aber auch positive Prozesse, die in dieser Form bis vor kurzem unvorstellbar waren: Die Abhängigkeit von der Landwirtschaft sinkt, die Durchschnittseinkommen steigen, es entsteht eine neue Mittelklasse.

Die dringlichste Aufgabe ist nun, den teilweise erkennbaren positiven Trend zu festigen und zu verstetigen. Und es gibt drei Wege, das zu tun: Bildung – Bildung – und Bildung. In Afrika fehlt es generell an grundlegendem Wissen. Das fängt schon bei der Organisation des Staatswesens an – und setzt sich in Schulen und Unternehmen fort. Das ist auch eine Ursache dafür, dass viele Geschäfte afrikanischer Staaten „nach außen“ gehen, also mit Ländern in anderen Kontinenten gemacht werden. Innerafrikanische Beziehungen sind vergleichsweise selten. Ghana zum Beispiel treibt mehr Handel mit Großbritannien als mit dem benachbarten Nigeria. Das liegt unter anderem an Dingen, die für uns so selbstverständlich sind, dass wir sie gar nicht wahrnehmen: Schutz des Eigentums – öffentliche Sicherheit – moderne Infrastruktur – geringe Korruption – funktionierende Staatsapparate und Verwaltungen. Es wird eine wichtige Aufgabe der entwickelten Länder sein, die Schaffung stabiler Strukturen in Afrika zu unterstützen. Im Staatswesen – im Bildungssektor – in den Unternehmen.

Die Stadt Oldenburg macht genau das bereits im Rahmen ihrer Kooperation mit Buffalo City Metropolitan Municipality in Südafrika. Wir erklären dort zum Beispiel das „Erfolgsmodell deutsche Kommunalverwaltung“. Ich weiß, das klingt schrecklich langweilig; es ist aber ein Eckpfeiler für funktionierende Gesellschaften. Die Ausbildung von Verwaltungsbeamten in afrikanischen Staaten ist eine extrem wichtige Aufgabe. Sie sind ein Schlüssel für die nötige Modernisierung der offiziellen Abläufe und Strukturen. Und wer sollte dabei helfen, wenn nicht wir – die wir auf leistungsfähige Strukturen vertrauen können? Auch die weiteren Themen, die wir in Afrika bearbeiten, sind von dauerhafter Bedeutung geprägt. Zum Beispiel Energie. Die wird dort häufig noch aus fossilen Trägern gewonnen. Dabei hat Afrika theoretisch sehr gute Voraussetzungen für Solarstrom und Windenergie. Es gibt ja sogar europäische Projekte wie Desertec, die riesige Solarparks in der Sahara errichten wollen. Das ist zwar legitim. Aber wäre es nicht viel besser, wenn die Afrikaner ihre Ressourcen selbst nutzen könnten? Immerhin ist es ihr Kontinent – nicht unserer.

Die Formel „Hilfe zur Selbsthilfe“ mag abgedroschen sein, aber letztlich geht es genau darum. Das heißt nicht nur, einen Kleinbauern in die Lage zu versetzen, etwas Getreide anzubauen; so wichtig das ist. Das heißt auch, Wirtschaftszweige so aufzustellen, dass sie wettbewerbsfähig werden – und den Bildungssektor so zu reformieren, dass langfristig eine neue Generation an Gestaltern heranwächst. Ich nehme noch mal Bezug auf Kishore Mahbubani. Er stammt wie gesagt aus Singapur. Das Land hat – in Ermangelung eigener Rohstoffe – sehr früh und sehr konsequent in die Bildung der Bevölkerung investiert. Heute gehört Singapur zu den reichsten Ländern der Erde. Das ist ein Indiz dafür, was in diesem Bereich möglich ist.

Ich sehe uns – den Westen, Europa, Deutschland, Oldenburg – in einer globalen Verantwortung. Wir dürfen nicht immer die Frage stellen, ob Internationalität wirklich nötig und sinnvoll ist. Sie ist nötig und sinnvoll. Für alle Beteiligten. Wir sollten sie aber richtig angehen. Also nicht als diejenigen, die alles besser wissen – und auch nicht mit einer Gönnermentalität. Es geht darum, auch wirtschaftlich schwächere Regionen als Partner auf Augenhöhe zu betrachten – und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen für vorhandene Probleme zu suchen. Und wer sich fragt, wie viel wir für so etwas ausgeben sollten, der sei an eine Umfrage aus den USA erinnert. Dabei schätzten die Amerikaner die jährlichen Ausgaben der USA für Entwicklungshilfe auf circa 15 Prozent des Haushalts. Für angemessen hielten sie nur rund 8 Prozent. Tatsächlich sind es aber 0,2 Prozent! In Deutschland sind es übrigens 0,4 Prozent und das OECD-Ziel heißt seit 1970 (!) 0,7 Prozent.

Geld ist sicher nicht alles. Aber nehmen wir das Beispiel mit: Entwicklungshilfe ist den Menschen durchaus etwas wert. Dafür haben sie aber im Gegenzug den Anspruch, dass die Mittel sinnvoll und effektiv eingesetzt werden. Das heißt zum einen: klassische Entwicklungshilfe für ländliche Regionen in armen Ländern. Und das heißt zum anderen: Partnerschaften und Kooperationen auf Augenhöhe zum beiderseitigen Nutzen.

Letztlich ist es ganz egal, ob jemand Kishore Mahbubani kennt oder seine Bücher gelesen hat. Wichtig ist, dass wir uns gemeinsam dafür einsetzen, die Welt ein wenig besser und gerechter zu machen. Vor der eigenen Haustür – und weit weg davon.

Ihr
Gerd Schwandner

Dieser Text diente als Grundlage für die Rede zur Eröffnung des Deutschen Entwicklungstages auf dem Schlossplatz in Oldenburg am Samstag, dem 25. Mai 2013.