Kolumne des Oberbürgermeisters (28. Oktober)

Liebe Oldenburgerinnen, liebe Oldenburger,

so manche von Ihnen haben in der vergangenen Woche wahrscheinlich die bisweilen kritische Berichterstattung über die China-Initiative der Stadt Oldenburg gelesen oder vielleicht davon gehört. Zwischen den Zeilen – oder auch mal ganz direkt – wurde immer wieder eine Frage gestellt: Muss das sein? Brauchen wir China? Ich antworte darauf: Ja!

Es gibt gute Gründe dafür, nach Osten zu blicken. Vor einigen Jahren wurde das Bild der „Tigerstaaten“ für eine Gruppe asiatischer Länder geprägt. Dieser Vergleich wurde deshalb gewählt, weil diese Länder sich sehr dynamisch vom Schwellenland zu Industrienationen entwickelten – und sich wie ein Tiger im Sprung nach vorn befanden. Im Allgemeinen dachte man bei diesen Ländern an kleine Staaten wie Singapur, Südkorea, Malaysia – aber auch China gehörte dazu. Das Bild der Tigerstaaten ist auch heute nicht ganz falsch. Nur befinden sich die Länder nicht mehr im Sprung – sie haben ihn längst getan.

Insbesondere China hat sich zu einer enormen Wirtschaftsmacht entwickelt. Die Wirtschaft wächst jährlich um mehr als zehn Prozent – während Deutschland schon zwei Prozent bejubelt. Und ein Ende dieses Prozesses ist längst nicht abzusehen. Es ist zu erwarten, dass China die Europäische Union und die USA als führende Wirtschaftsmächte irgendwann einholen und sogar überholen wird.

Davor muss man keine Angst haben. Man sollte das positiv sehen. Der Weltmarkt wird durch zusätzliche Akteure bereichert. Akteure, die neue Impulse und Einflüsse bringen. Wir sollten also unsere Chancen dabei suchen. Es wird in Zukunft weniger darum gehen, deutsche Gelder in Asien zu investieren, sondern asiatische Gelder nach Deutschland – und nach Oldenburg – zu holen. Um nur mal eine Zahl zu nennen: China verfügt über die weltweit größten Währungsreserven – in Höhe von 1,8 Billionen Dollar: 1.800.000.000.000 Dollar. Für diese gigantische Geldmenge wird sich China Investitionsmöglichkeiten suchen. Und es ist sicher gut für die, die beizeiten schon mal „Hier!“ gerufen haben. Dazu passt übrigens auch die aktuelle Meldung, dass Oldenburger Forscher mit 900.000 Dollar von Südkorea unterstützt werden – und nicht umgekehrt. Die Blickwinkel verschieben sich.

Unsere Region will kein deutsches Kaninchen vor einer asiatischen Schlange sein. Wir wollen uns mit den Veränderungen auf den globalen Märkten arrangieren – und letztlich von ihnen profitieren. Keine Angst, ich bin nicht völlig abgehoben und sehe Oldenburg als Akteur  auf der großen Bühne des Welthandels. Aber es ist klar, dass die globalen Prozesse „nach unten“ durchschlagen und auch in den Ländern und Kommunen eine Rolle spielen werden. Es ist vernünftig, sich darauf vorzubereiten. Der ehemalige Chefredakteur der Wirtschaftswoche, Stefan Baron, hat es mal auf den Punkt gebracht: „Die Stadt(region) ist die wichtigste organisatorische Einheit der modernen Wirtschaftswelt.“ 
Zudem ist es doch ein schöner Gedanke, einen Trend erkannt zu haben und ihm nicht später hinterhecheln zu müssen? Wenn der Wind des Wandels weht – und von Asien her spürt man diesen Wind ganz deutlich – dann sollte man Windmühlen und keine Mauern bauen. Das versuchen wir zu tun. Und ich bin sicher, dass die zukünftigen Ergebnisse jeden überzeugen werden. Sich hier anders zu positionieren, hieße Windmühlen zu bekämpfen.

Unsere regionale Wirtschaft hat die Zeichen der Zeit da teils schon erkannt. Viele Oldenburger Unternehmen unterhalten bereits seit Jahren Beziehungen nach China – diese Unternehmen intensivieren diese Beziehungen noch. Andere versuchen einen  Fuß in die Tür nach China zu bekommen. Die Stadt Oldenburg will diese Aktivitäten unterstützen – im Interesse unserer Unternehmen, aber auch im Interesse der Stadt selbst. Wir wollen unsere Kräfte bündeln – nicht nur diejenigen Oldenburgs, sondern auch die der Region – damit wir in China wahrnehmbar werden und unsere Stärken zeigen können. Dafür ist neben Kreativität und Konstruktivität vor allem Konsequenz nötig. Deshalb dürfen wir in unseren Bemühungen auch nicht nachlassen. Wir werden weiter daran arbeiten, den Namen „Oldenburg“ in China bekannt zu machen. Das ist konkrete Wirtschaftsförderung, die sich vor allem in Zukunft bezahlt machen wird.

Ich will das Thema an dieser Stelle gar nicht weiter vertiefen. Am 3. November wird es eine Pressekonferenz geben, in deren Rahmen wir die Tätigkeiten – und die Erfolge – unserer China-Initiative darstellen und nochmals unsere Beweggründe erläutern wollen. Ich hoffe, dann wird deutlich, dass wir Internationalität nur erreichen, wenn wir Kontakte über Grenzen hinweg knüpfen und pflegen. Ich bin mir sicher, wir irren uns dabei nicht – so wie einige andere in der Geschichte:

„Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt.“
(Thomas Watson, CEO der IBM Corporation, 1943)

„Der Fernseher wird sich auf dem Markt nicht durchsetzen. Die Menschen werden sehr bald müde sein, jeden Abend auf eine Sperrholzkiste zu starren.“
(Darryl F. Zanuck, President der 20th Century Fox, 1953)

„Oldenburg hat in China nichts verloren.”
(Unbekannt, 2008)

Ihr Gerd Schwandner
Oberbürgermeister